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28. Mai 2015 - von Claudia Posca

Eva Müller-Remmert - die Frau mit der genialen Ausstellungs-Probebühne

Duisburg

Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit. Gerade läuft „China 8“, die Mega-Ausstellung in neun Museen mit rund 120 Künstlern an. Und Anderes gibt‘s natürlich sowieso und drum herum im Revier zu sehen. Wer managt so viel Kunst? Was bedeutet es für den Ausstellungsmacher, dem lateinischen „curare - pflegen, sich sorgen um“, zu entsprechen?

„Kuratieren!“ Das jüngste Buch von Star-Kurator Ulrich Obrist ist gerade erschienen. Der Schweizer gilt als einer der Einflussreichsten im internationalen Kunstbetrieb.

Persönlich kenn‘ ich den Super-Agenten nicht. Man sagt, dass er weiß, was hip ist. Und dass er zu den internationalen Größen zählt, die aus No-Name-Künstlern Goldjungen machen. Dafür sei er immer auf dem Sprung. Um Trends zu setzen, um Netze zu spinnen, ein postindustrieller Arbeiter wie er im Buche steht. Ich frage mich, ob seine Spezies tatsächlich die Berufssparte charakterisiert.

Schön, dass ich nachfragen kann. Bei Eva Müller-Remmert. Sie ist Kuratorin am Duisburger Museum Küppersmühle für Moderne Kunst (MKM). Und sie lacht: „So ein Leben, das wär‘ nichts für mich. Ich bin hier ausgelastet.“

Promoviert hat die 1964 Geborene über Henri Rousseau und die Künstler des Bateau-Lavoir, hat Kuno Gonschior, Walter Stöhrer, Ulrich Erben, Bernard Schultze und Fred Thieler auf die Bühne des 1999 eröffneten, vom Schweizer Architekten-Duo Herzog & de Meuron wunderbar umgebauten, ehemaligen Getreidespeichers im Duisburger Innenhafen gestellt. Daneben Katalogredaktion betrieben, Eröffnungsreden gehalten.

Natürlich ist Eva Müller-Remmert herumgereist, zu Künstlern, zu Ausstellungen und zu Messen. Eine kreative Ader hat sie, Dübel und Bohrmaschine nimmt sie bisweilen selbst in die Hand. „Ich delegier nicht gern, hab‘ genaue Vorstellungen. Da kann man dann zwar drüber reden, aber zunächst mal habe ich meine eigenen Ideen.“

Eva Müller-Remmert gehört zu jenen glücklichen unter 2% KunsthistorikerInnen, die einen Job ergattert haben. Zu viele Kunstgeschichts-Absolventen gibt es für zu wenige Stellen. Seit der Jahrtausendwende hat sich daran nicht viel geändert. Die Berufs-Prognosen für Kunsthistoriker sind düster, Volontärs-Stellen sind rar - egal ob im Museum, im Denkmalschutz, im Kunstverein. Feste Stellen sind fast kaum mehr vorstellbar. Laut Bundesagentur für Arbeit (www.berufenet.arbeitsagentur.de) würde das Kuratieren im Angestelltenverhältnis (Tarifvertrag für den Öffentlichen Dienst (TVöD)) zwischen 3384,- bis 5368,- Euro Monatsbruttogehalt bringen, bei Privatsammlungen oder im Rahmen von Honorarverträgen ist die Gage frei verhandelbar. Mit Ulrich Obrist schönstem Beruf der Welt hat das nichts zu tun.

„Ich hatte viel Glück, hab‘ direkt nach dem Studium in Bochum bei Max Imdahl eine Volontärstelle am Kunstmuseum Bochum bekommen, „habe dort inventarisiert und archiviert“, später stundenweise für die Bochumer „galerie m“ gearbeitet, dann eine 30-Stunden-Stelle zehn Jahre lang in der Essener Galerie Neher gehabt. Da hab‘ ich alles Wichtige gelernt, zwischenzeitlich aber auch als Sekretärin gejobbt. Alles eine absolut wertvolle Zeit.“

Ich stelle mir vor, wie weit weg vom Leben ein Star-Kurator kuratiert. „Die Nachtzüge brachten mir bei, dann zu schlafen, wenn es möglich war“ hat Ulrich Obrist, der Jederzeit-auf-dem-Sprung-Mann gesagt.

Eva Müller-Remmert ist nicht nur Kuratorin, sie hat Familie. „Mein Sechser im Lotto kam mit der Anfrage von Sylvia und Ulrich Ströher 2005, ob ich ihre Sammlung betreuen möchte: drei Tage von zu Hause aus arbeiten, zwei Tage in der Küppersmühle. Mein Sohn war damals vier, ging in den Kindergarten. Alles passte!“

Heute managt und organisiert sie sie in enger Kooperation mit und für den Direktor der Küppersmühle, Walter Smerling, die umfangreiche Ströher-Sammlung, die damals um die Duisburger Sammlung Grothe erweitert wurde. Seit elf Jahren ist die sympathische Frau bei Ströhers angestellt.

Gibt es Vorgaben seitens des Sammlerpaares Ströher, die das MKM als Privat-Museum führen?

„Welcher Künstler  gezeigt wird, wird im Vorfeld kommuniziert. Wir sprechen über Ideen. Klar ist, dass bestehende Teile der Ströher-Sammlung immer in mindestens einer Wechsel-Ausstellung pro Jahr auftauchen. Wer diese Ausstellungen für den Betreiber des Museums, die Stiftung Kunst und Kultur e.V. in Bonn, kuratiert, ein Gastkurator oder eben ich - dann zusätzlich zu meiner Arbeit für die Ströher-Sammlung - auch das wird besprochen.“

Gilt das auch für die konkrete Installation einer Ausstellung?

„Ja, denn man kann noch so tolle Hängungen auf der Probebühne machen, am Ende zählt die reale Situation. Die Optik entscheidet! Auch wenn das beispielsweise mal die Chronologie sprengt. Das heißt: Ich habe zwar ein Konzept im Kopf, und ich weiß, was der Künstler will. Und dann kommen die Bilder. Und dann kommt Walter Smerling mit dem von der Planung des Kurators unbelasteten Blick…“

Eva Müller-Remmert lacht, „Kuratoren-Alltag! Aber man vergibt sich nichts, wenn man mal sagt, dass eine andere Idee besser ist als die eigene. Das gemeinsame Ziel ist eine gute Ausstellung!“

Die meisten, die Kunst gucken, machen sich darüber keinen Kopf. Glauben, dass das alles mit viel Kunst-Zirkus zu tun hat. Tatsächlich aber kommt es an der Basis auf Inhalte an, auf handwerkliches Können. Und auf viel Gespür, Dialogbereitschaft und Toleranz.

„Ja, und dann sagt Walter Smerling: Das Bild an dieser Wand ist nicht gut. Ich finde, da muss man so offen sein, anderes auszuprobieren. Ein Korrektiv ist wichtig, weil es Freiheit von vorstrukturierten Plänen bedeutet.“

Sagt die Frau, die sich eine geniale Probebühne gebastelt hat, um Ausstellungen sozusagen auf dem dreidimensionalen Reißbrett vor zu inszenieren. Der 2010 verstorbene Maler Kuno Gonschior war so begeistert, dass er Eva Müller-Remmert dafür und für die Ausstellungsrealisierung echte Gonschiors schenkte.

Wie funktioniert das Architekturmodell?

„Damit kann ich den Parcours-Ablauf proben, die Regie gestalten. Ich habe das Ganze im Maßstab 1 Meter: 1 Zentimeter gebaut, in die Bodenplatte Schlitze geritzt, in die hinein stecke ich dann Miniatur-Kopien der Bilder, wo was hin soll. Aber: Es geht immer auch um das Ganze, es muss stimmig sein, eine runde Sache.“

Ob sich ein „Geschmacksverstärker“ wie Ulrich Obrist auch eine so geniale Hilfs-Konstruktion zimmern kann? Ihr eigenes Ausstellungsmodell hat Eva Müller-Remmert jedenfalls schon einmal an eine Gastkuratorin verliehen. Auch Gerhard Richter nutze so ein Modell.

Kann sie Ausstellungen privat überhaupt noch genießen?

„Na ja, klar, ich gucke immer, ob was gut gehängt ist bzw. wie es gehängt ist, achte auf die Beleuchtung, welche Rahmen benutzt wurden, beobachte die Höhe der Hängung. Gibt es eine Mittelachse? Wie werden Texte präsentiert? Gibt es eine Beschriftung? Wo sind Infotafeln angebracht? Hat man Spaß, sich den nächsten Raum anzusehen? Das ist eine Berufskrankheit. Ich glaube aber, so kommt man zu einer schönen Ausstellung.“

Eva Müller-Remmert hat einige gemacht! Auf die nächsten freu‘ ich mich schon. Und vielleicht klappt‘s ja irgendwann mit ihren Wunsch-Kandidaten Gereon Lepper und Olafur Eliasson.

Eva Müller-Remmert - die Frau mit der genialen Ausstellungs-Probebühne