gefördert durch RAG Stiftung
Städtefilter:
  • Alle Städte
  • Alpen
  • Außerhalb vom Ruhrgebiet
  • Bergkamen
  • Bochum
  • Bottrop
  • Bönen
  • Castrop-Rauxel
  • Dinslaken
  • Dorsten
  • Dortmund
  • Duisburg
  • Essen
  • Fröndenberg
  • Gelsenkirchen
  • Gevelsberg
  • Gladbeck
  • Hagen
  • Hamm
  • Hamminkeln
  • Hattingen
  • Herdecke
  • Herne
  • Herten
  • Holzwickede
  • Hünxe
  • Kamen
  • Lünen
  • Marl
  • Moers
  • Mülheim an der Ruhr
  • Neukirchen-Vluyn
  • Oberhausen
  • Recklinghausen
  • Ruhrgebiet
  • Schwelm
  • Schwerte
  • Selm
  • Unna
  • Waltrop
  • Werne
  • Wesel
  • Witten
  • Xanten
Filter schließen

24. September 2015 - von Claudia Posca

High? Oder Low?

Oberhausen

Das war klar. Irgendwann taucht die Frage auf: Was ist Kunst? Tatort Museum: An der Wand hängt gestische Malerei, nicht-figurativ. „Das kann meine Tochter auch.“ Die Stimmung ist explosiv. „Soll das Kunst sein?“ Keine leichte Frage. Das Kunstparkett ist glatt. Stopper-Socken sind eine gute Idee.

Umso spannender, dass sich dieser Tage ausgerechnet ein Museum aufs berühmt-berüchtigte Thema stürzt: „Das ist doch keine Kunst“. Die Ludwiggalerie Schloss Oberhausen hat den Schalk im Nacken. 

Denn natürlich ist man überzeugt, dass das, was man zeigt, Kunst ist.

In diesem Fall geht‘s um Comic und Cartoon, um Zeichnungen, Studien und Buchprojekte. Die Themen: „Shit happens“, „Nichtlustig“ und „Schöne Töchter“. Die Autoren: Ralph Ruthe,  Joscha Sauer und Flix (Felix Görmann). Alle Drei sind profilierte Könner ihres Genres.

„Mit dieser Schau setzt die Ludwiggalerie ihre Reihe zu den wichtigsten deutschsprachigen Positionen im Bereich der Populären Kunst fort“ heißt es in der Pressemeldung.

„Populäre Kunst“? „Das ist doch keine Kunst“? Als NRW-weit einziges Museum hat sich Oberhausens Ludwiggalerie auf die Sparte spezialisiert. Noch ist in bester Erinnerung: „Die 7 1/2 Leben des Walter Moers - Vom Kleinen Arschloch über Käpt'n Blaubär bis Zamonien.“  Auch Ralf König, den Sympathieträger der Schwulenbewegung mit seinen bewegten Männern und Stutenkerlen, Sahneschnittchen und Zitronenröllchen hat man hier gesehen. Und Janosch.

Was zeigt: Nischen-Kunst im Kunst-Salon ist angekommen. Die museale Weihe folgt auf dem Fuß. Die Botschaft dazu: Guckt hin, die künstlerische Qualität ist es wert.

Das Eisen ist heiß, die Diskussion neigt zur Verfransung. High-Kunst? Low-Kunst? Oder irgendetwas dazwischen?

Es raunt und wispert im Hirn: „Kunst ist, was in Museen, Galerien und Kunstvereinen an der Wand hängt. Kunst ist, was ich dafür halte. Kunst ist, was Künstlerinnen und Künstler in die Welt setzen.“

Wer aber ist Kunstproduzent? Jene, die ein Akademie-Studium, einen Fachschulabschluss in Grafik und Design haben? Die Schriftsetzer sind, Kommunikationsdesign studierten? Die einfach nur genial begabt sind? So, wie mancher Autodidakt, der Top-Kunst liefert? Der große Joseph Beuys hat es uns in den Kopf gehämmert: „Jeder Mensch ist ein Künstler“. Oder ist nur derjenige authentisch Künstler, der davon sein Leben fristet, der Vollblut-Künstler ist, eine existentiell-philosophische Message hat?

Die Definition ist nebulös. Ganz zu schweigen von der Diskussion darüber, ob nicht jedwedes Bildliche - durch museale Präsentation geadelt - zur High-Kunst mutiert? Und ist es nicht eine Frage von Vitamin B oder des Kunstmarkteinflusses bzw. des Marktwertes, ob dies oder jenes als Kunst durchgeht? Kommt Kunst von Können, kommt sie von Kenntnis?

Ich spreche mit Museumsleiterin Dr. Christine Vogt von der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen: Populäre Kunst? Hoch-Kunst?

„In der Tat gibt es den Unterschied zwischen High und Low. In der umfangreichen Literatur ist das alles schon abgehandelt. Auch die Bestimmung von Trivial-Kunst. Wir benutzen zwar den Begriff der populären Kunst, sehen diese aber als Kunst an.“

Die Ludwiggalerie wird für ihr gemischtes Profil geschätzt. Ausstellungen, die der renommierten Sammlung Irene und Peter Ludwig verpflichtet sind, stehen auf dem Programm. Genauso wie Präsentationen zum Strukturwandel oder zur Nischen-Kunst. Über 640 Einzelblätter

geben jetzt einen überblickenden Einblick in die verschmitzte Welt lebensmüder Lemminge oder des Reporterhundes Ferdinand.

„Wir wollen zeigen, was in diesen Randbereichen künstlerisch geleistet wird. Ruthe, Sauer, Flix haben jeder ihren eigenen Stil. Der ist unverwechselbar. Und wenn man sich mit der Pop Art beschäftigt hat, ist klar, dass Comic, Cartoon und Kunst gleichberechtigt nebeneinander stehen. Das ist ein wichtiges Feld und wird inzwischen mehr und viel beachtet.“

Den Cartoonisten selbst ist die Debatte schnuppe: „Offen gesagt ist es mir egal, ob das Kunst ist. Mir reicht es, wenn die Leute lachen“, sagt Ralph Ruthe. Und lacht.

In der Tat käme bisweilen ein bisschen mehr Leichtigkeit in der Kunstwelt ganz gut.

Das Museum aber will mehr: will das spezielle Zeichnungs-Genre aus der Kinder- oder Schmuddel-Ecke holen, das Naiv- oder Negativ-Image aufbrechen.

Wie bildnerisch aufwendig etwa so ein Story-Board ist, um einen Comic fürs Fernsehen oder InterNet zum Laufen zu bringen, zeigt Oberhausen gut nachvollziehbar. Bild-Anwendungs-Varianten sind zu sehen, farbige Umsetzungen, Bild-Rhythmen auch. Mit transparenten, verschiebbaren Folien wird gearbeitet, Bild-Abfolgen werden so geprobt. Kunst-fertig ist das allemal.

Dennoch: „Gerade in Deutschland hat das Genre noch immer einen Negativ-Touch. Was die bildnerische Qualität und die sprachliche Pointierung verkennt. Wir wollen herausarbeiten, dass da großartige Zeichner und Texter dahinter stecken. So etwas darzustellen, ist Aufgabe des Museums.“

Ich stelle mir vor: Mona Lisa neben Micky Maus, High und Low side-by-side. Warum eigentlich nicht? Muss ja nicht gleich Lieblings-Kunst werden.

„Wir haben auch schon Leuchterweibchen und Dürer-Zeichnungen gezeigt. Manche finden das befremdlich. Was den Comic betrifft, geht es nicht immer nur um so genannte „Funnies“ wie Micky Mouse, Tom & Jerry oder die Superhelden-Geschichten. Tatsächlich ist der Comic auch in Deutschland mit den Graphic Novels, also den großen gezeichneten Geschichten, auf ein  hohes Level geklettert. Da gibt es viele Stories, die sich mit der Nazi-Zeit auseinandersetzen. Oder die kritisch auf die unterschiedlichsten Geschichtsbereiche gucken. Das sind ernsthafte Inhalte.“

Allmählich finde ich populäre Kunst sympathisch. Könnte mir vorstellen, dass ein Skript wie eine originale Handzeichnung gesammelt wird. Kann man Comic & Cartoon kaufen?

„Ob Flix z.B. einzelne Seiten aus seinen Büchern verkauft, weiß ich nicht. Bei Joscha Sauer und Ralph Ruthe weiß ich, dass sie einzelne Cartoons verkaufen. Und das sind originale Zeichnungen. Aber die drei sagen selbst, dass das Original für sie gar nicht den Wert eines Originals hat, den es natürlich aus meiner Sicht als Museumsfrau hat. Für sie zählt die Entwicklungsgeschichte. So wie es Flix sagt: Das eigentlich Wichtige ist das Buch, das fertige Ergebnis.“

Schön, wenn ich auch ein Ergebnis hätte. Hab‘ ich aber nicht.

Ob populäre Kunst Kunst ist? Ich hab‘ viel über sinnlichen Humor gelernt. High? Oder Low? Die Diskussion geht weiter. 

Bildnachweise: 

Das ist doch keine Kunst! © Ruthe, Sauer, Flix

Joscha Sauer, NICHTLUSTIG 2, 2004 © Joscha Sauer

Ralph Ruthe, Zeichnung, 1990er © www.ruthe.de

High? Oder Low?