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9. Januar 2019 - von Claudia Posca

Herrgott, wir müssen reden!

Bochum

Hätte ich mir sowas träumen lassen? Dass mich Gegenwartskunst zur Bibel treibt? ´Du sollst Dir kein Bildnis machen` als Thema? Und das auf zeitgenössischem Kunstparkett? Wo doch Sie und ich eigentlich dachten, dass eine Illustration Gottes, Allahs, Jahwes und des Ich-bin-der-ich-bin, wie der All-Eine unterschiedlich in den unterschiedlichen Weltreligionen heißt, nur im Islam und im Judentum dem Bilderverbot unterliegt? Zu Gunsten von Kalligrafie und Schriftkultur? Mal abgesehen von der winzig kleinen Randnotiz, dass es auch im Christentum Bildersturm und bildzerstörenden Ikonoklasmus gab, die Heiligenbilder und –skulpturen zeitweise aus den heiligen Hallen geworfen wurden. Stichworte dafür: Reformation, Luther, Zwingli, Calvin. Und im Osten? Seit dem großen Ikonoklasmus im 9. Jahrhundert blühte ein prächtiger Ikonenkult. Mit „Jesus Pantokrator“-Bildern und vielen Mutter-Gottes-Darstellungen, die man bis heute als wahre Abbilder küsst und verehrt.

Ein Wirrwarr sondergleichen? Bildkultur versus Schriftkultur? Und umgekehrt? Mit ästhetischen, mit gesellschaftspolitischen Folgen in Vergangenheit und Gegenwart. Glaubenskriege wurden geführt über die Frage nach Bild oder Nicht-Bild fürs Numinose, an deren Ende 2001 die Zerstörung der beiden Buddha-Statuen in Bamiyan durch die Taliban stand. Schwere Kost. Und das zum Auftakt des noch taufrischen neuen Jahres. Als hätte die Welt nicht schon genug Fransen. Nur zu, besuchen Sie „Bild Macht Religion – Kunst zwischen Verehrung, Verbot und Vernichtung“ im Kunstmuseum Bochum! Ich wette drauf, dass ein gekreuzigter Frosch und eine schwer atmende Dornenkrone Sie aus der Geradlinigkeit werfen. Denn selten und kein Ponyhof ist das zu sehende Wrestling der Gegenwartskunst mit religionsbezogenen Bildtraditionen von der Pietà bis zur Abendmahlsszene.

Die These: In allen Religionen gibt es sowohl bilderfeindliche als auch bilderfreundliche Tendenzen. Ein beständiges Oszillieren sei zu beobachten. Weil keine Religion nur dem einen oder dem anderen zugetan ist, nur pro oder contra Bild argumentiert bzw. ausschließlich einer Schriftkultur anhängt. Wie so oft, steckt der Teufel im Detail.

Das wirft Fragen auf, mutet Auge und Geist, Herz und Hirn viel zu. Ob das einer direkt zu Jahresbeginn sucht, wär schön, ist aber privat. Ich kann`s nur empfehlen. „Bild Macht Religion“, sowohl als Dreiklang als auch als Satz gemeint, ist eine hochspannend labyrinthische Expedition zur Macht von Bildern, zur Macht von Religionen und dahin, wo Bilder Religionen bzw. Religionen Bilder machen. Alles klar? Herrgott, wir müssen reden!

Demnächst auch noch im Hinblick auf das, was der Katalog aus religions- und kulturwissenschaftlicher Perspektive beisteuert. Um den 20. Januar herum soll das ausstellungsdokumentierende Buch mit tiefgehenden Texten renommierter Wissenschaftler erscheinen. Der Ägyptologe und Religionswissenschaftler Jan Assmann etwa schreibt: „Nun hat aber das Christentum das Alte Testament beibehalten und die Zehn Gebote in das Zentrum auch seiner Ethik und Rechtsprechung gestellt. Damit blieb eigentlich auch das Bilderverbot in Kraft. Daher steht die ganze abendländische Geschichte unter der Spannung zwischen Wortkultur und Bildkultur. Das Pendel schlägt mal in der einen, mal in der anderen Richtung aus. (…) Gegenwärtig, im Zeichen der Postmoderne, wird wieder allgemein ein iconic turn ausgerufen.“

Den wir alle nur zu gut kennen, weil er einhergeht mit der Allgegenwart einer immensen medialen Bilderflut von fast kultischer Wirkung. Da immerhin sind wir eher eindeutig im Bilde. Obwohl Im Kopf facettenreichste Nachfrage kreist, ob, wie und wo sich dieser umfassende, zeitgenössische „iconic turn“ auswirkt: Beeinflusst er Glaube, Liebe, Hoffnung, Spiritualität? Kapert er sich den Kirchenraum, spült der aktuelle „iconic turn“ gar bildkritisch eingestellte Religionen weich?

Herrgott, es gibt viel zu diskutieren! 

Abendmahlsszene von Ben Willeke in der Ausstellung "Bild Macht Religion"

Und zwar vor dem Hintergrund von Kunst, die, obwohl sie sich auf Religion einlässt, keine religiöse Kunst ist. „Zu lernen wäre daher, Kunst als eine Form visueller Auseinandersetzung zu begreifen, als eine besondere Art, neue Gesichtspunkte zur Geltung zu bringen, vorgefasste und verfestigte Ansichten zu verflüssigen. Das Kreuz mit der Kunst ist kein Konflikt in der Sache, sondern einer um die Perspektive“ schreibt der aus Hagen stammende Theologe und Kulturwissenschaftler Andreas Mertin in der „Theo-Web. Zeitschrift für Religionspädagogik“ 2013. 

Sag` ich doch: Erst gucken, dann reden. Über Gott, Allah, Jahwe, Buddha und darüber, ob und wie das Numinose  darstellbar ist. Und welche Bedeutung es in einer globalisierten Welt hat. Wir müssen die Zusammenhänge von Kulturen und Religionen erkunden. Wir müssen uns üben im kritischen Dialog. Und ja, zur Diskussion gehört auch die Frage, ob der giftgrün gekreuzigte Frosch von Martin Kippenberger (1953-1997) gotteslästerlich ist oder nicht.

Werk in der Ausstellung "Bild Macht Religion" Selbstredend, dass eine Ausstellung, die all das famos initiiert, keine Hollywood-Schau abzieht. Sondern, wie man so schön sagt, den Finger in die Wunde legt. „Es geht um die Frage, ob Bilder ein Mittel sein können, Verborgenes und Unsichtbares zur Darstellung zu bringen oder inwieweit sie selbst etwas hervorbringen, was anders nicht existiert. Die Antworten zum Stellenwert des Bildes bewegen sich innerhalb der Religions- aber auch in der Kunstgeschichte im Spannungsfeld von enthusiastischer Bejahung über verhaltene Skepsis bis hin zu strikter Ablehnung“ heißt es im Pressetext.

Was wiederum intensiver Wahrnehmung ein schönstes Upgrade beschert, das allzu schnelle Straight-on-Verständnis dagegen runter fährt. Denn einfach ist hier einfach nichts. Das Anliegen dieser in Kooperation mit dem Centrum für Religionswissenschaftliche Studien (CERES) an der Bochumer Ruhr-Universität gestemmten, kulturvergleichenden, epochenverknüpfenden Schau auf den zwei Etagen des Hauses ist verflixt vertrackt. „Written Room“ etwa von der iranischen Künstlerin Parastou Forouhar wandelt persische Schriftzeichen zum begehbaren Bild um. Ben Willeke dagegen spielt in seiner großformatigen Abendmahlsszene mit der Leere und zeigt, wie gerade durch die Abwesenheit sämtlicher Protagonisten deren Anwesenheit hochpräsent ist.  Impression aus der Ausstellung "Bild Macht Religion"

Verflixt komplex ist auch: Gerade jetzt, wo Zukunft von gelingender Integration abhängt, und wo Missbrauch in der Kirche und anderswo jeden angeht, scheinen Religionen so brisant wie nie. Herrgott, darüber gilt es sich auszutauschen. Oder wissen Sie etwa Bescheid über die Religionen der Welt? Über den Islam, das Judentum, den Buddhismus? Geben wir es ruhig zu, selbst im eigenen Kulturkreis christlichen Glaubens paddelt man herum, was die Historie, was die Schriftkunde angeht. Gut ist es da, wenn Kunst das durch Kultur und Religion Geprägte hinterfragt, um neue Perspektiven zu gewinnen. 

Hut ab dafür: Das Kunstmuseum Bochum hat sich genau da ran getraut. Mit außerordentlich sensiblen Sensoren. Vorgänger-Ausstellungen von „Bild Macht Religion“ (bis 24. Februar) etwa hatten sich schon um „Zen und die westliche Kunst“ (2000), um „Das Recht des Bildes - Jüdische Perspektiven in der modernen Kunst“ (2003) und um „Unexpected - Von der islamischen zur zeitgenössischen Kunst“ (2010) gekümmert. Allesamt waren das ausgefuchste Präsentationen zu besonderen Themen. „Bild Macht Religion“ liefert da keine Ausnahme. Auch dieser Parcours ist intensiv. 

Warum und wieso das so ist?

Gucken gehen! Drüber reden! Es führt zum Pulsschlag einer Kunst-Schau nicht gegen, sondern im Dialog mit den Religionen. 

 


Mehr zur Ausstellung Bild Macht Religion erfahren Sie in unserem Ausstellungskalender!

Fotos: © Claudia Posca

Herrgott, wir müssen reden!