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24. März 2016 - von Claudia Posca

Herr Brus, das Tier und das Revier

Duisburg

Verabredung mit Johannes Brus. Der Mann ist einer der interessantesten Bildhauer des Reviers. Ich treffe ihn im Wilhelm Lehmbruck Museum Duisburg. Und freue mich auf Kunst, Geschichte und Geschichtchen.

Wer schon kombiniert wie er Tierplastik und Industrierelikt? Wer schon arbeitet parallel im Medium von Fotografie und Figürlicher Plastik? Wer schon verwebt Kolonial-  mit Kunst- und Industriegeschichte? Und streut auch noch gehörig Witz ins knisternde Panorama. „Expeditionen in der Vorstellung sind das“ wird mir der Künstler später verraten. Und erzählt beiläufig auch noch, wie die Dunkelfärbung einer Plastik zustande kam: Teebeutel-Tinktur. Man hört ihm einfach gern zu.

„Hauptsache Brancusi“ hieß mal eine seiner Ausstellungen. Auf dem Abteiberg in Mönchengladbach, 2004. Tiere waren da ausnahmsweise nicht dabei. Stattdessen aber: Obst- und Gemüse-Stillleben in Beton, ein bisschen Dada und großes Augenzwinkern beim Blick in kunsthistorische Ahnengalerien.

„Na klar, humorlose Kunst mag ich einfach nicht“, sagt der 1942 in Gelsenkirchen-Buer geborene, in der Zechenstadt Herten-Westerholt aufgewachsene Mann, Meisterschüler Karl Bobeks, Professor für Bildhauerei an der Akademie Braunschweig bis 2007, mit Riesig-Atelier in einem ehemaligen Wasserwerk zwischen Kettwig und Werden. Ein Sympathisant der surrealen „Begegnung einer Nähmaschine und einem Regenschirm auf dem Seziertisch“ (Comte de Leautrémont, 1846-1870) ist er noch dazu. Seine „Gurken-Party“ der 1970er Jahre, Schwarzweiß abgezogen auf Barytpapier mit farbiger Tonung, ist legendär.

Ihn mal höchst und persönlich zu treffen? Ein kleiner Traum. Jetzt wahr gewordenes Interview, nachfolgend steht‘s zu lesen.

Rückblick: Wie ich auf Johannes Brus kam. Gefühlt lange Zeit her ist die folgenreiche Begegnung. Sie hieß „Rita“. Und ich hatte mich in sie verliebt.

„Rita“ war ein Pferd, und lag, ich weiß nicht mehr genau wo, Mitte der 1990er Jahre in einem Galerie- oder Museumsraum. Ein erbarmungswürdiges Tier, die Vorderbeine seltsam verdreht, die Ohren angelegt, Hals und Kopf halb aufgerichtet und gleichzeitig leicht nach vorn geschoben - vielleicht, um gleich aufzustehen. Am liebsten hätte ich geholfen. Doch das Tier war ja aus Gips.

Was ich damals noch nicht wusste: „Rita“ kam aus dem „Stall“ Johannes Brus. So wie sein Vielen bekanntes „Blaues Pferd“, ein Pony in Betonguss, grasend und vom Expressionisten Franz Marc aus einem seiner  Gemälde „ausgeliehen“. Ohne Blau grast es schon seit Jahren seitlich des „Ratinger Kunstweges“, mit Blau war es als Leihgabe des Stadtmuseum Ratingen in der Bochumer Brus-Ausstellung „Frühe Fotos - Späte Schäden“ 2012 zu sehen.

Die arme „Rita“ aber war mein Favorit. Und brachte mich zur Brus-Kunst.

Zu seinen Nashörnern und Elefanten kam ich erst später, obwohl doch der „Nashorntempel“ im Essener Norden an der B 224, Gladbecker Straße, schon 1988 installiert worden war, und auch die „Gegenüberstellung“ von Elefantenkopf und Maschinenteil in Betonguss auf der Skulpturenwiese vor der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen schon 1990/91 erfolgte. Das mächtige Rhinozeros im Düsseldorfer Ehrenhof stammt von 2002, das „Nashorn“ in Essen-Kettwig, Am Bögelsknappen, datiert aus dem Jahr 2004, wurde 2012 aufgestellt.

Man sieht: Herr Brus, das Tier und das Revier - sie faszinieren nicht nur mich. Ganz offensichtlich schreiben sie  „Pott“- Geschichte.

Die wird jetzt fortgeschrieben. Nach „Fünf Bildhauern“ (seit 2014 in Bronze am Kunstmuseum Bochum sitzend) sind aktuell auch Tänzerinnen beteiligt. Und wieder einmal der hoch verehrte Constantin Brancusi, vor dem sich Johannes Brus mit Obst- und Gemüse-Stillleben in Gips und auf Sockeln verneigt. Seine Brancusi-Paraphrasen inszeniert das Lehmbruck Museum als „Probe zu: Tanzen für Brancusi“ (bis 16. Mai) in Kooperation und parallel zur Ausstellung „Einerlei wo außerhalb der Welt“ (bis 4.9.) im DKM - die Gelegenheit, den verehrten Herrn Brus zum Interview zu bitten.

Herr Brus, wie kamen Sie zur Fotografie?

„Ich habe in den 1960er Jahren bei Karl Bobeck an der Düsseldorfer Akademie studiert. Aber nachdem ich figürlich ausgebildet worden war, hat mich das nicht mehr begeistert. Also hab` ich die ganze figürliche Kiste erst einmal weggeschoben. Auch, weil es damals das Letzte war, was man so machen konnte. Ich habe mich dann der Fotografie zugewandt.“

Und Ihre Rückkehr zur Plastik?

„Dafür war die Fotografie verantwortlich. Es gibt eine übermalte und zum Teil solarisierte Fotoarbeit, die heißt „Bei Franz Marc und den Wilden“. Und aus den dort vorkommenden Motiven habe die Plastik „Blaues Pferd“ entwickelt. Und einen indianischen Totem. Von dem habe ich eine große Negativform gebaut, die hängt an der Wand, davor steht das Pferd. Und davor wiederum steht so eine Art Tortenstück mit einem Schokoladen-Wolkenkratzer drauf. Das Ganze habe ich „Drei Plastiken für Amerika genannt.“

Ausgerechnet ein in der Fläche arbeitendes Medium, wie die Fotografie, hat sie zur Plastik zurückgebracht?

„Ja, absolut. Jetzt wusste ich aber, warum ich plastisch arbeite. Das assoziative Denken ist für mich wichtig. Das ist keine Verknüpfung, die logisch ist. Stattdessen steckt sie in der Erinnerung. Und in der Auseinandersetzung mit Kunst. In der Realisierung ist diese Basis aber eine ganz andere, als einfach nur - figürlich-klassisch ausgebildet - herzugehen und Akte zu modellieren. So also kam die Plastik bei mir wieder zu Ehren.“

Zum Glück, Herr Brus! Obwohl ich Ihre Foto-Arbeiten ganz vorzüglich finde. Aber „Rita“ ist mir halt immer im Kopf geblieben. Gibt es ein Lieblingstier?

„Nö. Allerdings sind Nashorn, Pferd und Elefant per se schon sehr plastisch. Die bieten eine perfekte Form an, die man so, wie sie ist, nehmen kann. Als Plastiker interessiert mich das natürlich. Aber man muss auch Empathie haben. Vielleicht sind das jetzt fragliche Aussagen, aber die Eltern meiner Eltern waren schon Bauern. Und ich war oft als Kind auf dem Bauernhof, hatte mit Tieren zu tun. Das prägt.“

Haben Sie Hund, Hamster, Hase?

„Keinen Hamster, keinen Hasen, (lacht), aber einen Hund. Der passt auf. In dem Wasserwerk braucht man schon so einen Wächter.“

Ich erzähle ihm von meinen Berner Sennenhunden.

„Ja, das sind schöne Tiere. Das sind doch die mit der weißen Brust?“

Johannes Brus ist sympathisch offen. Vielleicht erklärt sich daraus auch der aktuelle Schwenk von einer eher statuarischen Tier-Plastik hin zu den dynamischen Tänzerinnen?

„Das kam so: Bei einem Besuch der Essener Pina-Bausch-Fotografin Ursula Kaufmann in meinem Atelier erzählte sie mir davon, dass sie aufräumen müsse, es seien zu viele Bilder in ihrem Archiv. Dann lass sie doch hier, hab ich gesagt. Und so kam ein Foto von Pina Bausch zu mir. Das habe ich mir beguckt: etwas, was du noch nie gemacht hast. Aus dieser Fotografie und aus vielen Eindrücken anderer Fotos ist die jetzt im Lehmbruck Museum gezeigteTänzerinnen-Plastik auf dem Archiv-Schrank entstanden. Aber schon bei den sitzenden Bildhauern hat mich die Rhythmisierung der Gruppe interessiert, obwohl die Einzelfiguren statisch sitzen.“

Ich denke an „Rita“. Wollte die nicht auch aufstehen?

Und als könnte Johannes Brus Gedanken lesen, gibt er mir einen tollen Satz mit nach Haus: „Plastik ist die in Ruhe gesetzte Bewegung.“

Herr Brus, das Tier und das Revier