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22. Dezember 2017 - von Claudia Posca

Hand aufs Herz

Ruhrgebiet

Ich hab` den Blues. Was am Jahresende kein Wunder ist. Und sag` bloß einer, dass sei sowas von aus der Zeit gefallen. Ist es nicht. Denn in dem Fall wäre die Melancholie ja futsch, also weg vom Stundenplan. Da sie aber besonders zwischen den Jahren durchs Gemüt schleicht, besteht nahezu Null Chance, der Besinnlichkeit zu entkommen.

Tschüss 2017! Schön war`s.

Zwölf vergangene Monate haben einige Fellwechsel beschert. Nicht nur meinen Vierbeinern. Während die aber nicht aus ihrem Pelz können, sieht das beim Menschen anders aus. Bedingt jedenfalls. Was unbedingt begrüßenswert ist.

Weshalb ich behaupte: Fellwechsel tun gut. Schließlich bedeuten sie Horizontverschiebungen,  anderes mal anders gucken. Raus aus Trott und Einbahnstraße. Sozusagen intensive Permanentarbeit an eigener und fremder Kultur: „doing identity“, - pur und konkret. Ganz im Sinne von: „Ich gehör` von ganzem Herzen dorthin, wo ich nicht bin.“

Den Song kennen Sie doch. Ein echter Ohrwurm. Von Andreas Bourani komponiert. Herzerwärmend. Schön. Besonders, weil man nicht weiß, worum genau es geht, es aber klar und deutlich fühlt. Fernweh, Liebeskummer, Identitätssuche? Tatsächlich macht wohl alles zusammen die samtige Melange. Geflügelter jedenfalls als der Singer-Songwriter haben nur wenige dem süchtigen Sehnen eine Melodie geschrieben. „Ich gehör` von ganzem Herzen dorthin, wo ich nicht bin.“

Die Kunst hat`s gut. Sie ist immer bei sich. Und visioniert das Andere. Das ist, als gucke man der Phantasie beim Verfertigen von Identität zu. 

Wo aber ist das Ich, wenn es dahin will, wo woanders ist? Kann es ´on the road` verloren gehen? Gar zwischen den Jahren stecken bleiben? Entsteht Persönlichkeit in der Konfrontation mit dem bzw. zu dem Anderen? Abgrenzen? Dazu gehören? Was passiert zwischen Heimat und Fremde? Was macht der Fellwechsel mit uns?

Überhaupt: Wer eigentlich traut sich zu, zu wissen, was genau Identität ist? Gibt es die viel beschworene kulturelle? Hatte das ausgehende Jahr eine? Wird das kommende eine haben?

Auweia, jetzt kriegt die Jahresendzeitstimmung existenzialistische Dimensionen.

Zufall oder nicht, ein letzter Besuch in diesem Jahr im Kunstmuseum Bochum hat das Tiefschürfen befördert: „doing identity“ – Die Sammung Reydan Weiss. Und ich steh` mitten drin.

Die Schau stellt Fragen. Auch, ob Mensch sich seiner Identität sicher sein kann.

Gänsehaut kommt hoch, wo Portrait und Spiegelbild die Nerven kitzeln, Körper, Sex und Gender das Sagen haben, Personenkult und Künstler-Mythos faszinieren und der Vitrinenschrank fürs kulturelle Gedächtnis lockt. Unzählige Offerten sieht man versammelt. Auf dass sich das Selbst in den Dingen einräumt. Noch bis zum 4. Februar des nächsten Jahres. Nur zu: „doing identity“ zu besuchen ist Identität praktiziert.

Die Sammlung Reydan Weiss wartet mit großen Namen von Joseph Beuys über Tony Cragg bis hin zu Gerhard Richter auf, hat aber auch weniger bekannte Größen im Gepäck. Zusammen machen sie fit für Selfie-Befragungen und jene ´Denke`, darin Ich und Wir verflochten sind im permanenten Entwicklungsgang zwischen Biologie, Gesellschaft und Welt.

Von wegen also „innerer Wesenskern“. Ich, du, er, sie, es, - wir sind eingebettet ins historisch-aktuelle Rahmengeflecht, in dem wir leben. Selbst ist der Mann/die Frau. Weg mit den alten Zöpfen. Wie gesagt, Fellwechsel verändert.

Inzwischen weiß die Neurobiologie, dass sich Hirnstrukturen durch Synapsen-Stimulation modifizieren, sobald jemand anders agiert als gewohnt. „Doing identity“ passiert jeden Tag. Wir alle arbeiten dran. Mit oder ohne Jahresendzeit-Blues.

Wer also wissen will, wie flüssiges Denken geht, taucht ein in den Bochumer Ausstellungsparcours. Guck-Appeal garantiert! Die  Einsicht auch, „dass Identität nicht definiert werden kann. Im doing identity der Gegenwart entstehen Ich und Wir, werden Identitäten verhandelt und in Wandlungsprozesse verstrickt“, steht`s im Prolog des Katalogs pointiert.

Weit über 200 Arbeiten aus der 1000-Werke-starken Essener Reydan Weiss-Kollektion wurden von einem jungen Kuratorenteam des Kunsthistorischen Instituts Bonn unter der Leitung von Prof. Anne-Marie Bonnet in enger Kooperation mit der in Istanbul geborenen, in Jordanien und Jerusalem aufgewachsenen, heute in Deutschland, der Türkei und Neuseeland lebenden Sammlerin zusammen mit dem Kunstmuseum Bochum zum eindrücklichen Rundgang wider die Festlegung auf einen Lebenspfad bzw. auf eine Definition versammelt: „Wer bin ich? Wer will ich sein und wie kann ich werden, was ich sein will?“ Quer-, Ein- und Ausblicke erwünscht. Selbst-Sein ist gar nicht einfach.

Wer wüsste das nicht besser als die multi-kulturell geprägte Sammlerin Reydan Weiss: „Es war immer meine Offenheit dem Neuen gegenüber, die mir half und immer noch hilft, mich gut zurechtzufinden – ohne meine eigene Identität aufzugeben.“

Stimmt. Der berühmte Blick über den Tellerrand ist ein Segen. 

Dazu fällt mir beim jahresrückblicken das Privileg ein, spannendstes Sparten-Hopping und beeindruckendes Bordercrossing in meinem Job erleben zu dürfen.

Mein alltägliches Doing-Identity? Sind Wechselbäder zwischen Themen, Bildern, Konzepten, Philosophien, Dialogen, Institutionen, Reisen, Mails, Telefonaten, Texten und bewegenden Begegnungen mit Menschen, Meinungen, Sensationen. Und das ganz ohne Retrospektiv-Wehmut.

Da geht es mir nicht anders als Frau Reydan Weiss, deren phantastische Sammlung ihr Gefühl ausdrückt, sich mit Kunst entwickeln zu können: „Das Sammeln von Kunst bedeutet für mich: offen sein für Neues, neugierig bleiben und Veränderungen wertschätzen“.

Hand aufs Herz, - das ist ein gutes Programm.

In diesem Sinne: Cin cin Neujahr! 

Hand aufs Herz