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7. Dezember 2017 - von Claudia Posca

Hammer Mumie

Hamm

Meinetwegen: Halten Sie mich ruhig für partiell verrückt. Quere Fragen habe ich trotzdem. Ob Mumien Minimal Art sind?

Und – nein, gestern habe ich nicht die magere Version der „Mumie“ von Alex Kurtzman im Kino gesehen. Was vielleicht veranlasst haben könnte über Schmalspur an und für sich nachzudenken. Wobei natürlich Reduktion nicht gleich Reduktion ist. Aber ich schweife ab.

Trotzdem stimmt es doch, dass bei der Mumifizierung die Minimalisierung eine Rolle spielt. Wetten, dass Sie drauf kommen, waren Sie erst einmal Gast im „Traum vom ewigen Leben“?

Der hat soeben als Sonderschau im Gustav-Lübcke-Museum in Hamm begonnen – mit rund 30 Mumien von Mensch und Tier. Die insgesamt über 100 Objekte versammelnde Schau stammt aus internationalen Museen wie dem Drents Museum Assen, dem Hungarian History Museum in Budapest, den Naturhistorischen Museum Basel, dem Naturkundemuseum Kassel, dem Roemer- und Pelizaeus Museum Hildesheim und den Reiss-Engelhorn Museen Mannheim. Ein Kunstmuseum war bis dato nicht mit von der Partie.

Das ist jetzt anders. Zumindest ist mit Hamm ein halbes Kunstmuseum mit dabei, dessen sehenswertes Panorama (unbedingt mal gucken fahren!) sich vom Alten Ägypten über die Archäologie und die Stadtgeschichte bis hin zur Angewandten Kunst und der Kunst des 20. Jahrhunderts erstreckt.

Da drängt es sich förmlich auf, die alten Pfade der kulturhistorischen, der religiösen, der soziogesellschaftlichen Mumien-Interpretation zu Gunsten einer ästhetischen zu verlassen: Tutanchamun als Modern Art aus ferner Zeit? Könnte doch sein, dass die Balsamierer und Bandagierer, - heute heißen sie Thanato-Praktiker -, als früheste Picassos gefeiert wurden. Nur, dass sie dienten, keine freien Künstler, Hofkünstler waren.

Denn immerhin ist eine Mumie doch ein ausgesprochen kunstvoll gewickeltes, plastische Memento Mori. Nicht einfach umzusetzen. Zoomen Sie mal zurück. Stichwort: Kindergeburtstag, Klopapier-Mumien-Wettbewerb. Genau, ein Riesenspaß. Und wie gesagt, gar nicht einfach, die Bandagen zu fixieren.

Echte Mumienmeister wussten natürlich wie`s geht. Quer-, Kreuz-, Versatz- und Geradewicklungen waren neben ausgeklügelter Biochemie eine Kunst. Die alten Ägypter haben gar kostbare Amulette eingearbeitet. Schutzgottheiten, Glücksbringer für ihre besonderen Toten. Manchmal auch bunte Bänder. Beim sagenumwobenen Tutanchamun fand man 143 spirituelle Beigaben.

Ja, die antike Bondage-Technik ist von magisch ästhetischer Struktur. Band für Band, Wicklung für Wicklung, ein serielles Verfahren, das Halt gibt. Und vermutlich ein langes Leben. Immerhin ist die älteste, in Hamm zu sehende Mumie ca. 2100 Jahre alt. „Ötzi“, der Mann vom Hauslabjoch,- nein, der ist nicht nach Hamm gereist! -, zählt sage und schreibe 5250 Lenze. Das hat die Radiokohlenstoff-Datierung ergeben. Damit stammt die Gletschermumie aus der späten Jungsteinzeit bzw. Kupfersteinzeit. Kosmische Dimensionen, oder?

So oder so, Magie haftet an der Mumifizierung. Wer die Kunst beherrschte, herrschte über Raum und Zeit, konnte den körperlichen Verfall stoppen. Nicht nur Pharaone wurden so frisch gehalten. Auf allen Kontinenten gibt es Mumien. Entweder wurde die Austrocknung künstlich herbeigeführt als intentionelle Mumifizierung oder durch natürliche Prozesse erwirkt, wie es Moor-, Salz-, Wüsten-und Permafrost-Konservierungen zeigen. Überdauernd Tote sind die Artefakte der Sterblichen. Viel gibt es dazu in Hamm zu sehen, eindrucksvolle 3-D-Computertomograph-Animationen inklusive. Und ziemlich spektakuläre Mumien, wie die in einer Statue eingeschlossene eines im Lotussitz sitzenden Buddhas.

„Ziel ist es, anhand moderner Forschungsmethoden die Geheimnisse einzelner Mumien zu lüften und wichtige Erkenntnisse über Lebensgewohnheiten, Krankheiten und Bestattungssitten längst vergangener Kulturen zu gewinnen“, lernen wir beim Rundgang über den respektvollen Umgang mit dem Tod.

Dass es „nicht um eine Zur-Schau-Stellung von Leichnamen“ geht, ist dem neuen Museumschef vom Gustav-Lübcke-Museum, Daniel Spanke, wichtig. „Es gibt Statistiken, dass in Europa bereits ein Zwölfjähriger im Durchschnitt mindestens 500 Leichen gesehen hat. Allerdings virtuell in den Medien. Wenn wir es klug machen, und gut mit Schulen kooperieren, dann bin ich überzeugt, dass gerade diese Ausstellung etwas bewirken kann.“

In der Tat, Mumien sind verstorbene Menschen: Hamm zeigt eine Mutter mit ihrem Säugling, ein Kleinkind mit einer Rassel, eine Frau mit zwei Kindern, einen ägyptischen Mann. Daneben gibt es Tiere zu sehen: eine Hyäne, ein Frettchen, ein Fisch, ein Mammutbaby. Das allerdings ist eine Nachbildung. In echt befindet sich das berühmte Permafrost-Wollhaartier „Dima“ im Zoologischen Museum der Russischen Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg.

Was schade weit weg ist. Aber nun ja, selbst Original-Mumien sind doch irgendwie künstlich. Weshalb die Replik  letztlich trotzdem wirkt. Schaurig schön. Außergewöhnlich.

Seit Anfang 2004 arbeiten für solche Erlebnisse interdisziplinäre Forschungen, wie sie an den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen verortetet sind. Das „German Mummy Project“ vernetzt Anthropologen, Anatomen, Ärzte, Chemiker, Biologen, Genetiker, Kriminologen. Über drei Millionen Menschen haben den „Traum vom ewigen Leben“ inzwischen gesehen. Die Ausstellungspremiere liegt zehn Jahre zurück, fand in Mannheim statt.

Ob Hamm bis Juni 2018 ein Hotspot für Kunst- und Mumienfans wird? Ein Pilgerort im Revier?

Wie gesagt, sensationell schöne Mumien sind zu sehen.

Das wird zelebriert: Wenn Mumien museal werden.

Was aber passiert bei der Mutation zum spannenden Schaustück? Sind Mumien Kunst aus vormaliger Zeit?  

Nur nüchtern analytisch jedenfalls ist der „Traum vom ewigen Leben nicht“. Was in Hamm unter Glas liegt, hat Aura. Das hundeartige Wesen ist ein Hingucker. Punktum. Es muss ja nicht Minimal Art heißen, was die Kunst der Reduktion aus dem Vierbeiner gemacht hat.

1886 schätze man Mumien als Artefakte. Jedenfalls in Hamm. Es war die Zeit europäischer Ägyptomanie, ausgelöst durch den Sensationsfund von etwa 50 Mumien in einem Versteck nahe der ägyptischen Stadt Luxor. Da wollte man in der Rhein-Ruhr-Region nicht außen vor sein. Der Ägyptologe Henrich Brugsch weckte Sehnsüchte: Eine Mumie musste her. Eine echte. Eine aus Ägypten. Für Hamm exklusiv. Es war die einzige im Ruhrgebiet. Sie hat das heutige Gustav-Lübcke-Museum und dessen revierweit größte Ägyptensammlung begründet. Ein Glücksfall.

Geld allerdings hatten die Bürger damals erst einmal nicht, waren aber schlau und initiierten 1886 einen bürgerschaftlich engagierten Mumienverein. Der gab findefuchsmäßig Aktien zum Erwerb der Mumie aus: 20 kleine Mark für den großen Einblick, wie langes Leben geht. Am 14. Dezember 1886 endlich traf die bestellte Ewigkeit ein. Und wurde legendär: als kunstvolles Schaustück in einer Gaststätte. Wer sie besichtigen wollte, zahlte Eintritt. Die Ewigkeit währte nur kurz, den 2. Weltkrieg überlebte die Import-Mumie nicht. Sie verbrannte. Eine einzige s/w-Fotografie blieb. Und damit die Chance durch modernste Technik einen 3-D-Druck erstellen zu können.

Der ist jetzt erstmals zu bestaunen: als Kunstwerk und Hammer Mumie. Ich hab`s doch gesagt, Mumien sind Kunst.

Hammer Mumie