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27. August 2015 - von Claudia Posca

Guck mal, wer da spricht! Ein Künstlergespräch auf Schloss Borbeck

Essen

Geht es Ihnen auch so? Kein Fernseh-Abend ohne Talk, es kursiert inflationäres Reden. Bis zum Überdruss. Diskussionen live aber sind anders. Öffentliche Künstlergespräche schätze ich sehr. Ungefiltert, in Echtzeit, nah dran, alle Infos aus erster Hand. Der Mensch hinter der Kunst, darum geht’s.

Fragen, Kritik, Meinungen? Aber ja doch. Sie sind das Salz in der Suppe beim Public-Talk. Gern gereicht zur Vernissage, zur Finissage.

Das Köstliche daran: Der Talk im Ausstellungsraum seziert. Lockt mit dem Motto: „Ich stelle mich…“ Informative Teilhabe ist das Ziel: „Was Sie schon immer wissen wollten…“

Ich bin eingeladen zum Künstlergespräch auf dem Essener Schloss Borbeck. Kurator Peter Stohrer zeichnet dafür verantwortlich, ist selbst Künstler und managt seit 2012 das Programm der hier beheimateten Städtischen Galerie. Vier Ausstellungen zeitgenössische Kunst jedes Jahr, jedes Jahr gewidmet einer künstlerischen Disziplin auf 110 Quadratmetern im historischen Umfeld - demnächst ist damit Schluss für zwei Jahre. Die ehemaligen Wirtschaftsgebäude des Essener Frauenstifts der Fürstäbtissinnnen werden umgebaut. 2,6 Millionen Euro sollen in die Neugestaltung fließen. Eine letzte Aktion vor Baubeginn werden die „Video-Lieder“ sein, ein Kooperationsprojekt der Kölner Video- und Installationskünstlerin Annebarbe Kau mit den Berliner Musikerinnen Ulrike Brand und Christine Paté.

Jetzt aber ist erst einmal der 1951 in Hornberg im Schwarzwald geborene Paul Schwer zu Gast. Im Revier ist der Maler-/Installationskünstler kein Unbekannter. Als studierter Mediziner für Kinder- und Jugendpsychiatrie hat der auch zeitweise als Gastprofessor an der Kunstakademie Münster lehrende Paul Schwer 1984 am Uniklinikum Essen das bis heute bestehende Projekt „Unart“ ins Leben gerufen. Der Mann ist Grenzwechsler.

Guck mal, wer da spricht…

Ich mag öffentliche Künstlergespräche. Was nicht heißt, dass ich die unter vier Augen und die selbst angefragten nicht mag. Aber die anonyme Öffentlichkeit hat etwas für sich. Public Talks sind Schnupperkurse: entspannt, knisternd. Mit garantiert eingebauten Blickwinkeln aus allen Himmelsrichtungen.

„Faltungen?“ „Wird da nicht eher aus einer Fläche ein Körper?“ „Das sieht doch aus wie ein Tuch!“ „Ja, oder wie ein Faltenwurf.“

„Ist aber ein schwarzer Knubbel“, sagt Paul Schwer, dessen Malerei-bezogene Raum-Intervention den Ausstellungsraum aus den Angeln hebt. Mit Gestänge-Konstruktionen, Neonröhren, Kabeln, Reflektionsfolien, Well-Polyester-Flächen - ein begehbares Werk, das sich mit Ort und Medien streitet.

„Mir ist vor allem die Mattigkeit der zusammengefalteten Form wichtig. Und dass die Schwarzfärbung Licht schluckt, ähnlich einem Wurmloch im All.“

Künstlergespräche haben Sondierungs-Qualität. Sperrige Kunst ist nicht leicht zu vermitteln. „Die Motive habe ich aus Istanbul mitgebracht.“ Dabei deutet Paul Schwer auf die Ornamentik seiner raumverspannenden Konstruktionen, darin sich mosaikartige Pattern, auch ein Davidstern verstecken. Ich dagegen hatte beim Gestänge-Wirrwarr an verrückte Zollstöcke, Baustellen-Flair und Dekonstruktion gedacht.

Die Schwarzform auf dem Boden? Auch Christoph Schreier, Stellvertretender Direktor des Kunstmuseums Bonn, hat Recht, wenn er angesichts des PET-Kunststoff-Knäuels aus eingeschmolzenen Getränkeflaschen von einem „überdimensionierten Glückskeks“ spricht. „Baozis“-Skulpturen als Augen-Schmaus. Buon appetito! Am heutigen Abend ist der Experte als Künstlergesprächs-Moderator tätig.

Cruisen durch die Ausstellung ist angesagt. Das Publikum läuft mit, hat sich frei im Raum verteilt. Ein Podium gibt es nicht, auch keine Frontal-Information. Das Künstlergespräch läuft auf Augenhöhe. Es gibt was zu knabbern, ein Glas Saft. Und viele Fragen.

Da einige Alucore-Stangen brachial Wände durchstoßen, habe das Lanzen-Charakter. „Oder ist das kunsthistorisch verbrämt?“

„Nein, wieso?“ Etwas Gewaltsames hat die Paul Schwer-Installation in den Augen vieler. Der Künstler selbst kommt eher sanft rüber. „Lucio Fontana hat mich interessiert. Und die Bohrungen in der Wand sind vieldeutig: Sterne, Einschusslöcher.“

Paul Schwer macht es dem Publikum nicht leicht, spielt darauf an, dass Krieg in Syrien herrscht,  tausende Flüchtlinge Istanbul bevölkern, sich eine menschliche Tragödie vor unseren Augen abspielt. Dass das Gewaltsame seiner Installation auch mit dem bevorstehenden Umbau der Galerie zusammenhängt? Fast Nebensache.

Wie gut, dass es öffentliche Künstlergespräche gibt! Manches hätte ich nicht erfahren.

Das Publikum taut weiter auf, traut sich, drauflos zu fragen. Dass auch der Nachbar unsicher ist, macht Mut. Den eigenen Sinnen trauen? „Haben wir doch fast verlernt!“ Künstlergespräche sind auch analytisch-psychologische Studienfelder. Heute Abend ist die Hemmschwelle niedrig. Die lockere Moderation, der freundliche Künstler - das Gesamtpaket macht eine geschmeidige Atmosphäre.  

„Eigentlich kollabiert die ganze Licht-Metaphorik in diesem schwarzen Knubbel“ beharrt Paul Schwer darauf, dass es ihm in seiner ortsspezifischen Temporär-Installation um Licht und Schatten geht. Die Bohrlöcher in der Wand gehen auf ein leuchtendes Sternbild zurück, sind in den Worten Christoph Schreiers „eine kühne Erweiterung der Plejaden.“

„Licht auf Waldboden“ aber heißt die Ausstellung. Der Titel ist ein Zufalls-Produkt, nimmt Bezug auf das einfallende Tageslicht und die Grünanlagen draußen. „Verdammt komplex, das Ganze“, ein raffiniertes Cross-Over, keine leichte Kost.

Schon aus diesem Grund hat sich das Künstlergespräch gelohnt. Hören und sehen, was gesagt und gesehen wird. Auf das man nicht im eigenen Saft schmort. Spannend!

Guck mal, wer da spricht! Ein Künstlergespräch auf Schloss Borbeck