gefördert durch RAG Stiftung
Städtefilter:
  • Alle Städte
  • Alpen
  • Außerhalb vom Ruhrgebiet
  • Bergkamen
  • Bochum
  • Bottrop
  • Bönen
  • Castrop-Rauxel
  • Dinslaken
  • Dorsten
  • Dortmund
  • Duisburg
  • Essen
  • Fröndenberg
  • Gelsenkirchen
  • Gevelsberg
  • Gladbeck
  • Hagen
  • Hamm
  • Hamminkeln
  • Hattingen
  • Herdecke
  • Herne
  • Herten
  • Holzwickede
  • Hünxe
  • Kamen
  • Lünen
  • Marl
  • Moers
  • Mülheim an der Ruhr
  • Neukirchen-Vluyn
  • Oberhausen
  • Recklinghausen
  • Ruhrgebiet
  • Schwelm
  • Schwerte
  • Selm
  • Unna
  • Waltrop
  • Werne
  • Wesel
  • Witten
  • Xanten
Filter schließen

10. August 2017 - von Claudia Posca

Go, go Geo

Oberhausen

Das ist eine Ansage. Sorry, heute wird es speziell. Weil die Kunst und ihr Ort so sind. Visuell, malerisch, fundamental.

„Es gibt bundesweit nur sehr wenige Institutionen, die ein auch nur annähernd vergleichbares Profil haben… Eine Ausstellung dort gilt auch heute für viele, selbst gestandene Farbmaler, immer noch als eine besondere Auszeichnung. Es wäre müßig, sie hier alle nennen zu wollen, doch lässt sich behaupten, dass die dabei entstehende stattliche Liste, die als ein „Who-is-Who“ der Farbmalerei gelten kann, an keinem zweiten Ort zusammenkäme. Auf diesem Gebiet hat der Verein eine einmalige Erfolgsbilanz vorzuweisen“, sagt der in Iserlohn geborene, heute an der Berliner Weißensee Kunsthochschule als Professor für Allgemeine Kunstgeschichte lehrende Matthias Bleyl.

Der Mann muss es wissen, sein Fachgebiet ist u.a. Analytische Malerei. Oder Essentielle. Oder Radikale. Oder Konkrete. Was irgendwann irgendwie auf dasselbe raus kommt und doch unerhört nuanciert ist. Weil? Ja, weil auch formstreng reduzierte Kunst richtig subjektiv kann.

„Geht`s auch konkreter?“ 

Na klar, schließlich geht`s um Konkretion. Und um einen feinen Think Tank. Seit 35 Jahren ist er im Revier etabliert. Der profilierte Verein macht sich stark für alles, was Farbmalerisches, was Konstruktion, was Geometrie und das ganze Gegenteil davon im Raum und an der Wand experimentiert.

Vor ein paar Tagen hab` ich bei Neo-Konkret & Co vorbei geschaut. Go, go Geo. So oder so. Im Revier gibt es eine Menge Künstler, die das Feld beackern: klar, elementar, geometrisch oder nicht, auf keinen Fall illustrativ. Ob die Konkretion das Geometrische mittlerweile vor sich her- bzw. wegscheucht? Go, go Geo?

Dabei ist es ein beliebter Sport, wer eigentlich das Rennen um die Namensgebung fürs kunsthistorische Story-Board macht: „Die beiden Gründungsväter (Theo van Doesburg und Piet Mondrian) der niederländischen Konstruktivisten-Gruppe De Stijl waren sich über den Einsatz der Diagonale unversöhnlich in die Haare gekommen. Van Doesburg hielt die Diagonale für zulässig, Mondrian verachtete sie zutiefst. Max Bill, die Schweizer Eminenz der Konkreten Kunst, wiederum befand, dass bereits Wassily Kandinsky 1910 die Bewegung mit einer Papierarbeit begründet habe…Allein dieser extrem verkürzte Abriss zeigt: Zeitlich wie ideologisch überkreuzen sich die Demarkationslinien zwischen Konstruktivisten und Konkreten bis zur Unkenntlichkeit“ steht es von Birgit Sonna im ART-Magazin 2010 notiert.

Andererseits: Wenn die Archivschublade der Historie so geordnet ist, - na dann, herzlichen Glückwunsch! Da geht ja alles drunter und drüber. So kann man das sehen.

Man kann es aber auch anders sehen. Etwa so, wie es die Ex-Direktorin Dorothea Strauss am Zürcher „Museum Haus Konstruktiv“ zur Ausstellung „Ganz konkret“ 2010 formulierte: „Es ist unser Anliegen, die Begrifflichkeiten und Ismen in der Ausstellung eher aufzulösen, damit die Besucher merken, dass es sich bei der Konkreten Kunst um keine geschlossenen Schachteln, Büchsen handelt.“

Jawoll, ich fasse wieder Mut: Go, go Geo. Auf nach Oberhausen.

Nur wenige hundert Meter liegt das gelobte Land hinterm Hauptbahnhof. Es ist ein Epochenprojekt, weit übers Ruhrgebiet hinaus bekannt. Viel zu unauffällig ist der Name „Verein für aktuelle Kunst“.

Dass die Malerei in der Gegenstandslosigkeit verhungert? Sieht man hier anders. Buchstäblich analytisch. Zu gucken, was die Kunst ist und tut, - nicht nur in der Psychologie fängt man mit dem Fundamentalen an.

Was dabei herauskommt ist, was es ist. Und das ist konkret, sagen Kunst und Verein, die die Kunst, die  Wahrnehmung und die Kunst der Wahrnehmung schätzen. Vom „natürlichen und zugleich raffinierten Auge“ sprach einst der französische Dichter Jules Laforgue (1860-1887). Der legendäre Bochumer Kunsthistorikerprofessor Max Imdahl (1925-1988) nannte es „sehendes Sehen“.

„Wer die schöne Halle aufsucht, weiß ganz genau, wo er hin will“, wird die bemerkenswerte Initiative weg von instrumentell-wiedererkennender Wahrnehmung hin zum reflexiv-rationalen Gucken gelobt. Stimmt. Nur zu: Go, go Geo.

„Sie sind gebeten, sämtliche Photoapparate, Regenschirme und Metaphern am Eingang abzugeben“ hat Karin Stempel im Jahr 2000 die Ausstellung „Farbzeit“ in Oberhausen eröffnet.

Aktuell heißt die dritte Ausstellung im Jahr 2017: „members please“. Weil dem Verein angehörende KünstlerInnen teilnehmen. Und weil Vereinsmitglieder aus ihren Sammlungen den Parcours bestücken, irre polyphon, grandios ausfransend.

Konkret: 25 namhafte nationale und internationale KünstlerInnen sind das, die mit Farbe und Geometrie, mit System und Serialität flirten, Erzählung und Poesie aber lieber lassen. Das Ganze ist noch bis zum 20. August zu bestaunen, liefert viele Antworten und noch mehr Fragen.

„Ist ja gut und schön, aber bislang weiß ich noch immer nicht, wo genau Du gewesen bist.“

„Der Verein für aktuelle Kunst/Ruhrgebiet e.V. in Oberhausen residiert in einer weiträumigen Werkhalle des Zentrums Altenberg, wo sich ansonsten auf Schritt und Tritt Industriegeschichte dokumentiert. Abgesehen von einer sanierungsbedingten Unterbrechung zwischen 1986 und 1993 wird hier kompromisslos der anderswo wabernde Kunstbetrieb korrigiert, mit einer deutlichen Akzentuierung auf neue, farbkonzentrierte Malerei“, hat es der Stuttgarter Kunstkritiker Reinhard Ermen notiert, als er 2008 die Oberhausener Hansastraße 20 besuchte.

„Aha. Oho Oberhausen also. Trotzdem fallen mir ad hoc eher „Centro O“ und Gasometer ein.“

Ja, weil Du Angst vor Rot, Gelb, Blau hast. Die scheinen Dir an und für sich zu lapidar - so ohne Ding- und Wirklichkeitsbezug. Was das soll, fragen viele: Bilder, Skulpturen, die in Farbe, Form, Struktur und deren Auflösung stecken? Die kein Stillleben, kein Genre, keine Historie erzählen? Die stattdessen mal nebulös, mal hart liniert, mal hochglänzend, dann wieder matt, monochromfarbig, pastos oder nicht, ihr Leben fristen. Du findest das bedauerlich? Tatsächlich bedauert man eigene Grenzen.

Aber: „Man kann nicht durch das Auge nehmen, ohne zugleich zu geben.“ Hat feinsinnig Georg Simmel gesagt. Gemeint hat er: Sei nicht faul, streng Dich an, öffne Dich, dann kriegste auch was wieder. Nämlich pur Sinnliches, samt und sonders seiner wie auch immer gearteten, unvergleichlichen Phänomenalität – eindrücklich, sprachlich nicht einholbar.

Wie gesagt: Go, go Geo. Fahr mal nach Oberhausen. Fürs ´Beam-up` ins Sphärisch-Geistige. Weg von Rum-Steh-Rümchen und Tausenderlei-Kram. Wirkt entschlackend, ist eine Überlebensstrategie.

Go, go Geo