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17. August 2017 - von Claudia Posca

Glückwünsche nach Bochum

Bochum

Von wegen, dass man alles mitkriegt, was man mitkriegen sollte. In diesem Fall aber hat mir ein En-Passant-Satz verraten, was mir unverzeihlich sonst durchgegangen wäre: ein rundes Jubiläum, 20 Jahre Direktorenjob am Kunstmuseum Bochum. Herzlichen Glückwunsch, Hans Günter Golinski!

1997 wurde er Museumschef, acht Jahre Kustos-Tätigkeit am selben Haus, damals unter Peter Spielmann, gingen voran. Mensch, wo ist die Zeit geblieben?

Kunsthistoriker, Ausstellungsmacher, Vermittler ist der Mann durch und durch. Zen liegt ihm am Herzen. Als seinen ´Hausphilosophen` würde Hans Günter Golinski Henri Bergson (1859-1941) nennen. „Aber wie das so ist, man schnuppert in vieles rein, auch Nietzsche ist nicht uninteressant. Ein Fachmann der Philosophie bin ich nicht. Oft wird man durch Künstler auf bestimmte Denkansätze aufmerksam. Das legt Fährten, zeigt Querverbindungen.“

Wenn man mit dem Bochumer Museumschef spricht, ist es ganz so, als surfe man auf ähnlicher Wellenlänge: „Es gibt so viel, von dem hat man noch nie gehört. Was mich vorsichtiger sein lässt, zu verabsolutieren.“

Später werden wir noch über das Bewahren und Bestätigen von Offenheit sprechen, - Schätze, die Bochums Museumsleiter  wunderbar kommuniziert: „Das Fremde immer wieder zu zeigen, gerade auch in einer Region, die Migrationslandschaft ist, halte ich für ungeheuer wichtig. Andererseits wehre ich mich gegen eine Jedermann-Kompetenz, selbst wenn Kunst natürlich nicht für Kunsthistoriker allein gemacht ist. Ich erwarte ein Einlassen, eine Offenheit. Um sich dann ein eigenes Urteil bilden zu können.“

Hilfe zur Selbsthilfe? „Ja, genau so.“

Ich freue mich über ein Vier-Augen-Gespräch mit einem Menschen, dem es in seinem Museum darum geht, „einen angstfreien Raum zu schaffen, in dem man sich so frei fühlen kann, dass es möglich ist, sich einzulassen, ohne unter Leistungsdruck zu geraten.“

Letzten Donnerstag haben wir uns getroffen. Ein Date, das einfach gewesen ist, es zu vereinbaren. Was anderswo anders ist. Tatsächlich ist Hans Günter Golinski einer von jenen Chefs, die man gelegentlich durchaus direkt persönlich am Telefon hat, wenn man anruft. Unkompliziert. Zugewandt.

Ob das etwas damit zu tun hat, dass dieser Direktor ursprünglich Schulpsychologe hatte werden wollen, dann beim Lehramt landete, das letzte Staatsexamen aber nicht ablegte, sondern über die Wuppertaler Kunstpädagogik zur Bochumer Kunstgeschichte kam?

„Da sagst Du was. Ja, letztlich hat mich die Kunstpädagogik zur Kunstgeschichte gebracht. Letztere schließlich hat mich so fasziniert, dass ich mich mit Herzklopfen in Wuppertal exmatrikuliert und in Bochum an der Ruhr-Universität immatrikuliert habe. Weil dort am kunsthistorischen Institut die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst gelehrt wurde. Der Name Max Imdahl steht dafür. Überhaupt Bochum. Die Stadt damals war immer so ein bisschen Querschwimmer - gegen den Mainstream. Die Sammlung osteuropäischer Kunst, - das waren unpopuläre Blicke, die seinerzeit kaum einer riskierte. Das hat mich gereizt. Also: Bochum war mein Wunschmuseum. Als die Stelle des Kustos ausgeschrieben wurde, habe ich mich vom Rheinischen Landesmuseum Bonn wegbeworben. Dass es mit Bochum geklappt hat, habe ich nie bereut. Ich fühle mich hier zu Hause.“

In der Tat: Fest verwurzelt in der Region hat Hans Günter Golinski das Kunstmuseum zu einer Adresse gemacht. In Bochum und darüber hinaus. Mit Empathie und Leidenschaft ist er für Stadt und Revier unterwegs. Ein Urgestein der Region nennt man ihn.

Laut feiern aber mag der Mann leiser Töne nicht. Weshalb ja auch kaum jemand übers runde Dienstjubiläum spricht. Oder hätten Sie`s gewusst?

Ich aber finde, dass 20 Jahre Engagement für Kunst, Künstler, Gucken und RuhrKunstMuseen einen Riesen-Dank wert sind. Für kluge Pressekonferenzen, für Intensivgespräche am Rande, für inspirierende Ausstellungen. Interdisziplinäre waren das immer wieder, erhellende zwischen den Kulturen, auch zwischen Tradition und Moderne.

Warum dieser Schwerpunkt ´interkulturelles Sparten-Hopping`?

Hans Günter Golinski überlegt nicht lange: „Wenn man das Publikum visuell ausstatten will, dann muss man es auch mental vorbereiten.“

Der Satz hallt nach, bleibt hängen. Es ist ein typisches Zitat. Gelebte Reformpädagogik steckt drin. Deren Basis: Das Publikum dort abholen, wo es steht, um es zu befähigen, eigene Grenzen zu überschreiten. „Ein Museum hat die Möglichkeiten, die Instrumente zum selbstbestimmten Bilderlesen zu geben. Das ist mein Anspruch. Erziehung zur ästhetischen Mündigkeit.“

Neukontextualisierungen sollen dabei helfen. Es ist ein Spezialgebiet, das sich - man kann es gar nicht verhindern! - sofort mit Hans Günter Golinski verknüpft. „Irgendwie arbeitet man doch immer daran, eigene Grenzen zu verschieben“, ist der Museumsdirektor überzeugt.

Der „Blick über den kulturellen Tellerrand“ etwa ist dafür ein Tool. Viele andere markante Begriffe hat der Chef mit den freundlichen Augen geprägt. Vom „Bürgermuseum“ und dem „offenen Haus“ spricht er, vom „Museum in der Stadtgesellschaft“, von einer „Museumsarbeit als gesellschaftlichem Beitrag“ oder einer „regional verwurzelten Vermittlungsarbeit“.

Das Ende seiner Themenliste ist offen: „Kommunikation ist mir wichtig. Das Kunstmuseum ist keine starre Institution, sondern ein lebendiger Organismus, der Energien aufnimmt und transformiert.“

Nicht zuletzt auch das dialogorientierte Vernetzungslabel „RuhrKunstMuseen“ hat der Bochumer Museumsmann maßgeblich mit auf den Weg gebracht. RKM-Sprecher war Hans Günter Golinski zwischen 2012 und 2015. Prägend.

Nicht zu vergessen die vielen Ausstellungen im Bochumer Haus am Stadtpark, oft und gern parallel gezeigt, die insbesondere zeitgenössischer Kunst gewidmet sind. Lokaler übrigens ebenfalls. Alle drei Jahre wird der Bochumer Künstlerbund präsentiert. Daneben hat sich der leidenschaftliche Ausstellungsmacher auch arrivierter Kunst gewidmet. O-Ton Hans Günter Golinski: „Eine hoch kreative Angelegenheit ist das Kuratieren!“

Legendär etwa ist seine Ausstellung „Das Recht des Bildes. Jüdische Perspektiven in der zeitgenössischen Kunst“ aus dem Jahr 2003/04. Oder „Buddhas Spur. Aspekte des Buddhismus in der zeitgenössischen Kunst“ 2011. Und auch die neueste Schau, zum Münchner Farbmaler Rupprecht Geiger (1908-2009) und seiner Vorliebe fürs Rot, samt und sonders der Vision von urbanen Farbtankstellen im öffentlichen Raum, kommt gut. Obwohl die Ausstellung, einer witterungsbedingt verzögerten Dachsanierung wegen, kurzfristig ins Untergeschoss umziehen musste.

Gibt es Lieblingsprojekte in spe, abgesehen vom Traum einer Anish Kapoor-Ausstellung, die ich als Sehnsuchtsprojekt unterstelle? „In Vorbereitung ist eine große Übersichtsschau zu ´Kunst und Religion`. Gerne würde ich auch ein Projekt zu Paul Klees Naturlehre und deren Wirkungsgeschichte bis hinein in Alchemie und Naturwissenschaften heute machen.“ Ich staune nicht schlecht über so viel mitreißenden Elan.

Ganz klar, da spricht einer, der seinen Job liebt. „Man trifft tolle Leute, lernt verschiedene Lebensmodelle kennen. Das ist ein Privileg. Da ist es egal, ob das am Sonntag oder werktags passiert.“

Und wie steht es mit Urlaub? „Das ist für mich immer auch eine Korrektivzeit, etwas, um ´aus dem eigenen Sud` herauszukommen.“

In drei Jahren wird der 1954 in Tecklenburg geborene, in Wuppertal aufgewachsene Museumschef in den Ruhestand gehen. Kann man sich das vorstellen? Ein Kunstmuseum Bochum ohne Hans Günter Golinski? Mein ganzes Kunsthistoriker-Dasein ist er da gewesen. Jetzt sind 20 Jahre Direktorenzeit um. Ein bisschen Wehmut hängt im Raum.

Bis es aber 2020 mit dem Ruhestand soweit ist, will der Museumschef mit Lieblingsland Israel, - „früher bin ich auch in Japan unterwegs gewesen“ -, viel Energie in gute Projekte investieren. „Auf dass das Kunstmuseum Bochum ein noch attraktiveres Haus wird und sich gute Leute auf eine Ausschreibung bewerben. Es wäre ein Traum, dass die an den 1983 eröffneten Neubau der dänischen Architekten Bo & Wohlert anschließende, historische Villa Markhoff bis dahin fertig gestellt ist. Auf der ausstellungstauglich umgebauten Beletage wird dann die Kunstsammlung und -geschichte Bochums dauerpräsentiert werden, was wichtig ist für die Identifikation der Bürger mit ihrem Kunstmuseum. Was aber auch für die Außenwirkung des Museums bedeutsam ist. Ein dauerhaft zu sehender Bacon, Stella, Morgner oder Poliakoff haben Strahlkraft. Für die kommt man auch von außerhalb Bochums. Mit dem in Kürze startenden Umbau werden dafür die Präsentationsmöglichkeiten geschaffen, um ´Marken` für die Stadtgesellschaft und für das internationale Publikum zu etablieren.“

Kann es bessere Aussichten geben? Chapeau und großen Applaus für zwei Jahrzehnte bewegende Museumsarbeit.

Glückwünsche nach Bochum