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23. November 2017 - von Claudia Posca

Glücksfall Störfall

Hattingen

Lang her, dass ich Hattingens Stadtmuseum besuchte. Kurz her, dass sich genau das kürzlich änderte. Der Grund: Ein Referat zur Kunst im öffentlichen Raum. Hattingens Stadttorprojekte als kühne Verklammerung von Historie und Gegenwartskunst standen auf dem Programm. An einem Ort, der Stadtmuseum heißt, nicht aber in der Stadt liegt, dafür eine Burg zur Nachbarin hat und flankiert wird von denkmalgeschütztem Kirchenbau angrenzend an einen schönsten Forumsplatz, der im Revier seinesgleichen sucht: Hattingen-Blankenstein.

Die Lokalität ist ein schmuckes Pflaster. Klein, aber fein. Urban atmosphärisch. Das 2001 nach Umbau eröffnete Stadtmuseum steuert dazu `ne Menge bei.

Den Vortrag hatte ich auf dem Schirm fürs Bergen eigener Erinnerung, wie das so ging vor einem knappen Vierteljahrhundert mit dem Hattinger Stadttorprojekt. Und fürs Nachhaken, ob oder ob nicht von einer Aktualität der Frage nach der Kunst im öffentlichen Raum ausgegangen werden kann.

Besonders prickelnd an diesem Abend: Kein Kunsthistoriker stand auf dem Podium. Auch keine Kunsthistorikerin. Was Perspektivwechsel bedeuten konnte.

Sie wissen schon: „Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann.“ Das Bonmot von Francis Picabia ist so umwerfend, dass es hin und wieder und erneut zitiert gehört. 

Also kurz und knapp: Ich war neugierig darauf, wie der Architekt und Diplom-Ingenieur Walter Ollenik Public Art sieht. Vom Outerspace geguckt, sieht schließlich vieles anders aus. 

Der Mann war bis 2013 Hattingens Leiter des städtischen Fachbereichs Weiterbildung und Kultur, Hochbauamtsleiter der Stadt, sowie oberster Denkmalschützer der knapp 55.000 Einwohner zählenden City, zweitgrößte im Ennepe-Ruhr-Kreis, ein südlich gelegenes Städtchen im Revier, Standort des LWL-Industriemuseums Henrichshütte. Und - Walter Ollenik hat sich von Beginn an für die Reaktualisierung der fünf historischen Stadtportale durch zeitgenössische Kunst unter freiem Himmel stark gemacht.

„Wenn jeder die gleiche Meinung hätte, wär` das langweilig“ ist der 68jährige überzeugt.

Den „Wächter“ von Jan Koblasa oder die „Engel ante Portas“ von Urs Dickerhof oder den „Blanken Stein“ des Hattinger Künstlers Egon Stratmann vor dem Stadtmuseum hat er dabei im Blick.

An diesem Abend aber liegt sein thematisches Schwergewicht woanders: „Durch Kunst im öffentlichen Raum kann eine Stadt neu definiert werden.“

Der Satz sitzt. Da spricht der Architekt.

Dessen Augenmerk gilt der Wirkung von Kunst auf den urbanen Lebensraum. Wie sich beispielsweise die hektisch-schnöde Allerweltsatmosphäre der Duisburger Fußgängerzone seit 1993 mit der Aufstellung der drall-bunten Riesen-Nana von Niki de Saint Phalle zum exponierten City-Treffpunkt gewandelt hat. Oder wie Marcello Morandinis Schwarz-Weiß-Passage „La Porta aperta“ am historischen Standort des Hattinger Bruchtores, dem heutigen Busbahnhof, seit 2010 eine navigatorische Orientierungsmarke setzt. „Das ist identitätsstiftend, wertvoll für die Bürger, wertet Stadt auf“. Und sei ganz nebenbei ein kostengünstiges Marketing fürs Stadtimage. 

Vorausgesetzt, die Kunst werde gehegt, gepflegt, vermittelt. Eine kleine Ewigkeitsaufgabe. Aber schließlich „kann sich eine Stadt durch klug installierte, kluge Kunst im öffentlichen Raum beständig neu definieren.“

Den inzwischen in der Kunstszene und darüber hinaus gängigen Begriff Public Art, also öffentliche Kunst, benutzt Walter Ollenik nicht. Er bleibt bei Kunst im öffentlichen Raum. Um erst gar kein Definitionen-Hickhack aufkommen zu lassen.

„Ja, Moment mal. Das ist doch auch gar nicht ein- und dasselbe? Wenn man von öffentlicher Kunst spricht, heißt das meiner Meinung nach, dass sie nicht privat ist. Und also öffentlich zugänglich ist. Beziehungsweise, dass sie sich an die Öffentlichkeit wendet. Was aber auch im Innenraum geschehen kann, womöglich gegen Bezahlung. Siehe Museum. Ist dagegen von Kunst im öffentlichen Raum die Rede befindet sich diese immer, stets und unbestritten draußen an einer allen und jedem gratis zugänglichen, unbegrenzten Stelle. Open-Air-Kunst im buchstäblichen Sinn.“

Auch das war Hattinger Diskussionfutter. Dass die Kunst draußen „für jeden da ist. Man kann sie sehen. Man kann sie berühren. Man kann sie mögen. Oder auch nicht. Einer Kunst im öffentlichen Raum kann sich keiner entziehen. Das ist ihr großer Vorteil verglichen mit musealer Kunst, für die die Schwellenangst ins Museum zu gehen, überwunden werden muss. Kunst draußen dagegen ist niederschwellig präsent, ist Alltag, ist einfach da. Sie darf ruhig Streitpunkt sein“ war eine Meinung.

Widerspruch folgte auf dem Fuße: „Kunst funktioniert anscheinend undemokratisch. Würde man über Kunst abstimmen, bliebe so manches Kunstwerk auf der Strecke.“

Promptes Dementi: „Bisweilen muss man die Form der totalen Demokratie beiseiteschieben, um überhaupt etwas realisieren zu können.“

Also doch lieber Serra statt Wattebausch-Ästhetik? Rost oder Hochglanz? Abstraktes oder Figürliches? Skulptur oder Gartenzwerg?

Zuletzt noch gab es in Hattingen heiße Diskussionen anlässlich der 2015 installierten Großskulptur des spanischen Bildhauers Augustí Roqué am historischen Standort des Weiltores. Inzwischen ist der Gang durchs Zweiteiler-Werk hip: „Wo schon ist Skulptur begehbar? Dass jeder damit konfrontiert ist, hält urbane Diskussionen lebendig und eine Stadt jung.“

Wie gesagt: Glücksfall Störfall. 

Glücksfall Störfall