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14. September 2017 - von Claudia Posca

Glückauf Zukunft

Sagte ich es schon? Die Kulturindustrie im Revier boomt. Nach den Sommerferien noch mehr. Gefühlt heißt das: Ausstellung reiht sich an Ausstellung. Kleine, große, regionale, internationale. Dazu Vorträge, Podiumsdiskussionen, Jubiläumsfeiern, Vermittlungsevents, Kunstpreisvergaben, allenthalben eröffnen Kreativquartiere. Wohl dem, der jetzt einen inneren Kompass hat. Ja, ja, die Kreativwirtschaft von Little-New York an Emscher und Ruhr kann sich sehen lassen.

An einer Epochendepression als Folge des Strukturwandels jedenfalls scheint das Revier, zumindest, was die Angebotsmenge auf dem Kunstparkett betrifft, nicht erkrankt. Was gut so ist. Lieber verliere ich mich im Vielen, als viel nach Wenigem zu suchen.

„Hast Du tatsächlich die Rede von der Kulturindustrie in den Mund genommen?“

Hmm, ja, hab` ich. Weil mich, unabhängig davon, dass der Begriff ursprünglich aus dem kritischen Kanon der Frankfurter Schule stammt, immer noch umtreibt, was vergangenen Sonntag im Kubus der Bochumer „Situation Kunst“ verhandelt wurde: „Von der Industrie-Kultur zur Kultur-Industrie.“

„Hört sich ja schnittig an. Eine Erfolgsgeschichte?“

Das bleibt abzuwarten. Dass es allerdings elegant klingt, stimmt. Tatsächlich aber ist die Rede von der Industriekultur zur Kulturindustrie zunächst einmal nicht mehr und nicht weniger, als der Versuch, die Wandlung des Ruhrgebiets zu kommunizieren. Naja, und dann steckt ganz sicher die Überzeugung drin, dass sich der strukturelle Umbruch nicht in kultureller Abstinenz einrichten darf.

Und - was noch klar ist: Der Prozess von der Industriekultur hin zur Kulturindustrie wirkt grundlegend umkrempelnd. Stichwort: Digitalisierung. Dass Bits & Bytes den Wandel prägen? Geschenkt. Wie genau mit welchen Folgen das allerdings passiert, kann derzeit niemand mit Sicherheit sagen. Da gucken wir alle gewissermaßen ins Musterlose eines Revier-Krimis ganz eigener Art. Nimm nur allein den Gedanken, ob die Kulturindustrie tatsächlich ein Ersatz für die Industriekultur ist oder sein kann? Spannend.

Überhaupt: Was ist das eine? Was ist das andere? Was versteht wer unter Industriekultur? Was wer unter Kulturindustrie? Förderturm und Kohleflöz? Kreativquartiere und Kunstproduktion? Musealisierung der Industrie, Verwirtschaftlichung der Kunst? Ist das gut, ist das schlecht? Welche Folgen hat es für die Menschen? Schafft beides genügend Lebens-, und wichtiger noch, Überlebensqualität? Wo steht der Mensch? Wo die Kunst? Wo die Geschichte? Verschiedenste Denkmodelle sind möglich, Visionen sind gefragt.

Vergangenen Sonntag wurde mächtig an dem gerüttelt, was man glaubte, zu wissen, aber selten so polydimensional auf den Schirm gehoben bekam.

Zur Debatte standen existentielle Fragen. Wie die nach den Alltagsauswirkungen der „Entwicklungen von einem pulsierenden Zentrum der Montanindustrie hin zu einer postindustriellen Gesellschaft.“ Oder auch Fragen danach, wie sich Landschaft, Lebensgefühl und gesellschaftliches Miteinander verändern. Auch, was  durch den Strukturwandel hier im Revier für immer verloren geht wurde beleuchtet, welche neuen Perspektiven sich erschließen, wie sich unser Blick auf das industrielle Erbe verändert. Und schließlich: Welche Rolle die Kultur in diesem Prozess spielen kann? Naturgemäß blieb vieles außen vor, man wird weiter diskutieren. Prozesse brauchen Zeit.

„Du bist ja ziemlich beeindruckt.“

Ja, wie denn auch nicht? Das Thema betrifft, ist hochkomplex verwoben, schrieb und schreibt Geschichte. Der Steiger im Ruhestand etwa, der heute seine museal gewordene Biografie dem Publikum erzählt, geht nahe. Und das Thema wird noch einmal ganz anders präsent werden, nämlich als ein historisches Date, wenn, wie Du weißt, im Dezember 2018 der deutsche Steinkohlebergbau endet. Dann ist endgültig Schicht im Schacht und die letzten beiden Zechen, Prosper-Haniel in Bottrop und Anthrazit in Ibbenbüren, schließen. Noch vor zwei Jahren wurden 6,2 Millionen Tonnen Steinkohle gefördert, 10.000 Menschen waren in Arbeit.

Also: Unaufhaltsam wandelt der Strukturwandel Strukturen. Und die Kulturen wandeln sich gleich mit. Gigantisch eindringlich lässt das die Ausstellung im Bochumer „Museum unter Tage (MuT) mit s/w-Fotos von Rudolf Holtappel (1923-2013) sehen. Was ganz und gar nicht retroverliebt ist, sondern den Revier-Alltag in seinen Licht- und Schattenseiten zwischen Hochofen und Waschkaue zeigt.  Ergänzt wird der historische Parcours mit Arbeiten aus den Ateliers Bernd und Hilla Becher, Joachim Brohm und Jitka Hanzlová.

Inhaltlich verklammert die Foto-Schau „Umbrüche, Industrie, Landschaft, Wandel“, was zugleich den Ausstellungstitel gibt, zu intensiven Rück- und Ausblicken.

Konkret sind das 60 Jahre Leben und Maloche als bildgewaltig erzählender Bilderbogen einer Kulturgeschichte der Industriekultur - „eine wirklich sehenswerte Fotografie-Ausstellung im Bochumer „Museum unter Tage“. Sie geht der Frage nach, welche Spuren die gewaltige Veränderung im Alltag der Menschen hinterlassen hat. Schon der Ausstellungstitel „Umbrüche“ erzählt davon, dass die soziale Abfederung des Industrie-Rückbaus längst nicht alle Tode und Schrecken polstern konnte - und dass der Wandel längst nicht immer Ersatz für das Verlorene brachte oder gar eine Verbesserung“  kommentierte es Jens Dirksen am 6. September in der NRZ.

Vergangenen Sonntag hatte sich zum Thema eine hochkarätige Besetzung im Bochumer Kubus/Situation Kunst versammelt. Zur Podiumsdiskussion angereist waren Hans-Heinrich Große-Brockhoff, Kulturstaatssekretär a.D. in NRW, davor Kulturdezernent und Stadtdirektor von Neuss und Düsseldorf. Sodann: Reinhard Klimmt, Ministerpräsident a.D. des Saarlandes und Bundesverkehrsminister a.D., Genia Noelle, Geschäftsführerin und Verwaltungsdirektorin der Ruhrfestspiele Recklinghausen und Bernd Tönjes, Vorstandsvorsitzender der RAG. Die Moderation besorgte Prof. Dr. Stefan Berger, Direktor des Instituts für soziale Bewegungen an der Ruhr-Universität Bochum.

Vom „polyzentrischen Flatschen Ruhrgebiet“ war die Rede, was auf das bisweilen eifersüchtig verteidigte, städtische Eigene anspielte, um nicht vom Leuchtturmdenken zu sprechen. „Man muss es zusammenbringen.“  (Reinhard Klimmt) Und dass das Ruhrgebiet nach dem Ende der Montan- und Kohle-Wirtschaft mit und durch Kultur-Industrie eine „Schwarm-Stadt“ werden muss (Bernd Tönjes), so wie Berlin, „um junge Leute hier zu halten“. Und dass die Kultur-Industrie auch weiterhin die Industrie brauche, was eine Gewerbeflächen-Erschließung genauso miteinschließe, wie die Anwerbung der Digital-Wirtschaft durch preiswerte Raumangebote bei einem gleichzeitig notwendigen Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel und ihrer Vernetzung im Gesamtrevier. Auch wichtig: Bei weitem reiche es nicht aus, die industriellen Relikte, also Förderturm X, Y oder Z durch Denkmalschutz zu musealisieren. Sondern man müsse sie, neben ihrem Erhalt nach Auswahl, zu einem „kreativen Milieu“ machen, die „Industriekultur bespielen“ (Hans-Heinrich Große-Brockhoff), indem man sie für Künstler und Kreative sowie für deren Familien attraktiv gestaltet. Und dass die politische Zersiedelung  - immerhin gibt es nach wie vor drei Regierungspräsidien in Düsseldorf, Münster und Arnsberg - überdacht werden müsse, - zu Gunsten einer politischen Identitätsbildung.  Und und und. Schema F war und ist nicht gefragt. Die Zukunft lässt sich nur vielfältig und mehr noch solidarisch rocken.

Ermattet habe ich nach zwei Stunden Intensiv-Input mit nach Hause genommen: „Pflegt das Ruhrgebiet!“ Der Umbruch durch Strukturwandel ist lange nicht abgeschlossen, der Wandel wird sich verstetigen. Die Chance: Sie und ich, - wir können unterwegs sein, das Unternehmen gelingend mitzugestalten. „Glückauf Zukunft!“

Glückauf Zukunft