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15. August 2018 - von Claudia Posca

Geschichte wird gemacht

Duisburg

Was ich schon wieder erlebt habe! Ehrlich, ich sag`s Ihnen, es gibt sie, diese bildmächtigen Ausstellungen zu historischen Ereignissen, die`s braucht, um dem Vergessen entgegen zu schürfen. Tatsächlich ist es so: Solche Schauen fuchsen einen mittels kluger Konzepte fördernd-fordernd ein in die archäologischen Schichten des Reviers. In diesem Fall in die des letzten halben Jahrhunderts.

„Geht`s auch präziser? Du redest in Rätseln.“

Ja, aber nur, weil Du nicht mitgekommen bist. Solltest Du nachholen, es lohnt sich. Allerdings: Bring Zeit mit. Die archivarisch dichte Installation „Vom Nutzen der Angst - The Politics of Selection“ hat es in sich. Sie wurde von der gebürtigen Berliner Künstlerin Peggy Buth in der ehemaligen Kirche St. Barbara in Duisburg-Rheinhausen, Klausstraße, auf Einladung der Urbanen Künste Ruhr als Satellitenprojekt der soeben gestarteten Ruhrtriennale 2018 und als Folgeprojekt einer früheren Arbeit dort installiert, - inhaltlich dicht, nicht einfach, hoch spannend. Deshalb: Mal eben zu der heute profanierten, seit 2013 unter Denkmalschutz stehenden St-Barbara-Kirche gucken-fahren, um das Kritisch-Ästhetische by the way mitzunehmen? Vergiss es! Unterhaltungskunst geht anders.

Diese hier klärt auf, nimmt ernst, stößt an: Erinnerung. Bewusstsein, Diskussion. Wie das Revier in Vergangenheit, Gegenwart und darüber hinaus tickt, ist in beeindruckende Arbeiten gepackt. Welche Geschichte von wem mit welchen Mitteln erzählt wird, zieht sich als roter Faden durch die Plots.

„Ist ja schon gut. Danke, dass Du mich vorbeugend warnst, auf eine hochkomplexe Künstler-Research-Arbeit zu treffen, die, immens analytisch, politisch hellwach und vermutlich radikal ästhetisch ins Bild setzt, was das Revier tief im Westen der Republik einst bewegte. Und was vielleicht sogar heute noch schmerzhafte Erinnerung ist.“

Nenn` die Kunst, wie Du willst. Aber die multimedialen Settings der mehrteiligen, beständig wachsenden Recherche-Installation „Vom Nutzen der Angst – The Politics of Selection“, in knapperer Version schon 2017 im Essener Museum Folkwang gezeigt und 2014 mit dem renommierten Stipendium für Zeitgenössische Fotografie der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung ausgezeichnet, sind Kunst, die in Kenntnis setzt.

Darüber, was vor fünfunddreißig Jahren im Pott los war. Und zwar nicht unter Tage, sondern in der Stahlindustrie an Rhein und Ruhr, wo Kruppianer und Solidarische einen in der deutschen Nachkriegsgeschichte längsten Arbeitskampf gegen die von der Friedrich Krupp AG 1987 verkündete Schließung des Duisburger Hüttenwerkes kämpften. Für eine Existenz und Zukunft ihrer Familien, für ihr Leben im Revier. Für den Erhalt von über 6000 Arbeitsplätzen.

Klar, dass das massiv viel Daten-und Faktenmaterial ist, beileibe kein Retro-Chichi. Und wenn Du mich jetzt fragst, was in der Text-Bild-dichten Installation Dokument, was Exponat, was Kunst, Display, Ausstellungsraum, Meta-Erzählung ist? Ich weiß es nicht. Peggy Buths Intensiv-Installation ist alles zusammen gleichzeitig.

Zum Glück. Denn wenn der Orkus der Verhältnisse nicht so irre eindrücklich inszeniert wäre, bliebe das, was einst die Existenz vieler Menschen existentiell bedroht hat, ein Thema in den Archiven, „das anlässlich der Feierlichkeiten zur letzten Zechenschließung in diesem Jahr bislang erstaunlich wenig Beachtung gefunden hat“, wie es Urbane Künste Ruhr-Chefin Britta Peters in ihrem „analogen Hypertext“ zur Peggy Buth-Installation notiert.

Was absolut stimmt, jetzt, wo ich mitten in der als Big Beautiful Building (BBB) ausgezeichneten Sakralarchitektur mit den markant vielfarbbunten, lichtleuchtenden Glasfensterbildern stehe und mir von Peggy Buths prozessorientierten 3-Kanal-Videoinstallationen „Leute wie wir“, neben der 4-Kanal-Diaprojektion „Stahl sorgt für Dich“, beim Augenöffnen helfen lasse. Fürs Verstehen des Zusammenhangs zwischen Unternehmenskultur, Arbeitersolidarität, Kapitalismus und dessen Folgeerscheinungen. Geschichte wird gemacht,- das ist mit dieser, die Menschen vor Ort einbindenden, langfristig forschenden Kunst nun einmal mehr ganz klar. 

Und dann erzählt die 1971 geborene Künstlerin,-  seit zwei Jahren ist sie Professorin für Medienkunst in Leipzig -, mit welchem Vertrauensvorschuss ihr Ex-Kruppianer bei der Recherchearbeit begegnet sind, wie sie wertvoll originales Bildmaterial auf Videobändern aus dem freien Archiv der Arbeiter*innen mitnehmen durfte, um es zu digitalisieren, um es in ihre Kunst einzubauen. 

„Natürlich werden die Dokumente in digitalisierter Form wieder vor Ort zurückkehren, so dass sie für die Zukunft gesichert sind, was mir sehr wichtig ist. Das Material beruht auf der Initiative der Arbeiter vor Ort, ihre Geschichte selbst zu schreiben. Das zu unterstützen halte ich für eine bedeutsame Aufgabe“, wird Peggy Buth im Laufe der Pressekonferenz diesen nachhaltigen Aspekt ihrer künstlerischen Arbeit vorstellen.

„Was sind denn das für Archive?“

Ich zitier` mal eine weitere Passage aus der Feder Britta Peters, die bestens zusammenfasst. Sorry, aber Kunst und Geschichte sind komplex. Ohne Infos ist man hilflos, muss Fundamente kennen.

„Nach jahrelangen, massiven Protesten der Arbeiter, ihrer Familien und weiterer Unterstützer*innen – unter anderem wurde in diesem Zuge die Rheinbrücke von Duisburg-Hochfeld nach Rheinhausen in Brücke der Solidarität umbenannt - endete der Arbeitskampf mit der Stilllegung des Werks im August 1993. Als filmender Kranführer hat Erich Speh die entscheidenden sechs Jahre des Arbeitskampfes auf Video 8 dokumentiert. Seine Bilder erreichten von Montag bis Freitag über einen „Offenen Kanal“ (OK) ca. 37000 Stahlarbeiterwohnungen. Nach der Werksschließung musste der Offene Kanal Rheinhausen sein Programm im Dezember 1993 einstellen. Peggy Buths Installation zeigt verschiedene Ausschnitte aus dem reichhaltigen Material, das von ihr gemeinsam mit den Künstlern Jan-Luca Ott und Alexander Bartsch unter neuen Gesichtspunkten zusammengestellt wurde.“

Gut so. Geschichte wurde und wird gemacht. Das zu durchdringen braucht`s den sezierenden Blick auf Macht und Verhältnisse. Und es braucht Originalmaterial aus freien Archiven, die die Perspektive der Betroffenen bewahren, „jenseits des etablierten Kanons.“  Aus eben diesen freien, aber natürlich auch aus vielen anderen Archiven, stammt das von Peggy Buth durch „Montage aus Stand- und Bewegtbildern, Ton, insbesondere Musik, und Texttafeln“ inszenierte, mehrteilige Werk in der St. Barbara-Kirche. Das nur zu Deiner Frage nach den Archiven.

Gleichzeitig aber wirst Du konfrontiert: mit hoch anspruchsvollen Abstraktions- und Metaebenen. Das ja. Trotzdem bist Du unmittelbar mitten drin nah dran an Bildern von Historie und Verhältnis: Kunst die Tacheles redet. Ein starkes Statement.

Ich jedenfalls hab viele Details, die da über Peggy Buths Monitore flimmern oder in der grandios informativen Zeitung „Wes` Brot Ich Ess`, Des` Lied Sing` Ich Noch Lange nicht!“ - was eine Verbeugung vor dem im historischen Arbeitskampf so wichtigen „Chor Tor 1“ ist - nicht gewusst.  

Geschichte wird gemacht – auch durch Erinnerung und Kunst. 


Titelbild: © Urbane Künsten Ruhr, Fotograf: Henning Rogge

Geschichte wird gemacht