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24. Mai 2018 - von Clauda Posca

„Germinal“ auf die Ohren

Duisburg

„Naaa, wie war`s?“

Ja wie war`s? Ungefähr so anders wie dieses „Naaa“, das anders klang als sonst, untertonig, zwischen rhetorisch und verschmitzt, voller Genugtuung darüber am 17. Mai nicht mitgefahren zu sein, zu einem Besonders-Konzert, das vermeintlich anstrengend, ja zu einer Herausforderung hätte werden können, weil`s genau genommen um einen Stummfilm für Ohren ging, musikalisch performt: „Germinal“. Ein staunenswertes Konzert.

Wieso also ´naaa`?

„Och. Könnte mir vorstellen, dass, wenn drei Musiker, Sparte Impro-Musik bzw. Neue Musik nah dran am Freejazz,  zusammen kommen, um einen 1913 vom französischen Regisseur Albert Capellani gedrehten Stummfilm zum Bergbau zu interpretieren, es gelinde gesagt, schräg klingt. Nichts jedenfalls für harmonisch gepägte Ohren.“

Stimmt. Was allerdings Chancen fürs Grenzüberschreiten bietet. Gefälliges von Pop-Eleganz bis smartem Techno-Groove gibt`s genug. Obwohl ich zugegebenermaßen auf der Rückfahrt froh den Reggae hörte. Den ich sonst nicht mal überragend finde, jetzt aber erfrischend einfach empfand.

Die Geschichte dazu ist die: Die plastiBAR des Duisburger Lehmbruck Museums, von der Sie inzwischen wissen, dass dieses Format seit 2011 so eine Art After-Work-Party rund um Kunst und Kultur auf musealem Parkett ist - von Art Dating über Lesung und Lounch bis hin zu Yoga, Diskurs und Parkführung - hatte im Rahmen vom revierweit strahlenden Ausstellungs-Mega-Projekt „Kunst & Kohle“ zu einem „Live-Bild-Klang-Experiment“ eingeladen. Musikalisch gucken sozusagen.

„Hmm. Zu viel Experiment für mich. Aber wie war`s denn nun?“

Kann ich Dir sagen: Wer nicht da war, hat `ne Menge verpasst! Vor allem ein ausgesprochen ungewöhnliches Bergen von Erinnerung. Und die Wandlung vom historischen Bild-Code zur avantgardistischen Klangsphäre. Mit Impressionen aus dem Originalfilm „Germinal“. Von dem ich bis dato nicht wusste, was für ein bedeutender Stummfilmklassiker das ist, der auf einem noch bedeutenderen, gleichnamigen Roman des französischen Schriftstellers Émile Zola (1840-1902) fußt, den dieser als dreizehnten in einem Zyklus von zwanzig Romanen 1885 schrieb. Wovon es vor allem die schon zu Lebzeiten Émil Zolas zu Theaterstücken umgearbeiteten Erzählungen „Der Totschläger“, „Nana“ und eben „Germinal“ als Hauptwerke des europäischen Naturalismus zu Weltruhm brachten. 

„Sag ich doch, um mehrere Ecken rum ist`s komplex.“

Was, nicht falsch, ja schon mal gar kein Nachteil ist. Oder? Schließlich haben gerade dichte Interpretationen das Zeug zum phantastischen Höhenflug. 

Ach ja und übrigens: Stichwort komplex. „Germinal“ ist nicht irgendein Titel, sondern „der Frühlingsmonat, wörtlich der Keim-Monat“ des französischen Revolutionskalenders. Zola benutzte den Namen, hundert Jahre nach der großen Revolution, als symbolischen Hintergrund für seine Darstellung eines Bergarbeiterstreiks im nordfranzösischen Kohlenrevier“ lässt es uns der Redakteur und Publizist Hanjo Kesting auf „NDR Kultur“ wissen.

Und da ich jetzt schon mal dabei bin, klüger zu werden, was „Germinal“ und den berühmten Émil Zola betrifft, gibt`s noch ein paar Infos mehr. Der Mann wurde von Paul Cézanne und Eduard Manet gemalt, hat ein Grabmal von seinem Freund, dem Bildhauer Philippe Solari (1840-1906), auf dem Pariser Friedhof Montmartre und spielte eine Schlüsselrolle in der Dreyfuss-Affäre. Über ihn steht auf wikipaedia geschrieben: „Zola gilt als einer der großen französischen Romanciers des 19. Jahrhunderts und als Leitfigur und Begründer der gesamteuropäischen literarischen Strömung des Naturalismus. Zugleich war er ein sehr aktiver Journalist, der sich auf einer gemäßigt linken Position am politischen Leben beteiligte. (…) Zola hielt zur Politik einen Abstand, der ihm die Einmischung mit Zurückhaltung, Distanz und Abgeklärtheit ermöglichte. Er war nicht an eigenem politischen Handeln interessiert, er ließ sich auch nie als Kandidat zu einer Wahl aufstellen. Er sah sich in erster Linie als Schriftsteller mit widerspenstigen Ansichten. Er engagierte sich für soziale, künstlerische oder literarische Ziele, die ihm gerecht erschienen, und blieb dabei Beobachter der Personen und Ereignisse seiner Zeit. Er handelte als Freidenker, als unabhängiger Moralist und wurde als moderater Liberaler eingeordnet.“

Was man nicht so alles lernt, wenn man auf schräge Konzerte geht.

So -, und nu Part Zwei des Abends. Dieser ließ mutmaßlich wesentlich meinen Gesprächspartner zu Hause bleiben, weil der sich nicht vorstellen konnte, dass ihm mit unerhörten Tönen Feines entging: eine herbe Köstlichkeit, so gar nicht konventionell und sehr speziell fürs „Kunst & Kohle“-Begleitprogramm entwickelt, nicht jedermanns Geschmack. Strange, aber spannend, meditative Sequenzen nicht ausgeschlossen.

Die die besondere Musik-Film-Performance „Germinal“ in der plastikBAR auf die Beine stellten, heißen Martin Blume, Gunda Gottschalk und Eckard Koltermann. Namen, die Ihnen, wenn Sie zusammen mit mir nicht gerade firm sind im Grenzbereich zwischen zeitgenössischer Komposition und freier Improvisation, wenig sagen werden. Um dann umso mehr zu staunen, welche Größen, welche Profi-Musiker von internationalem Funkel aus der Sparte Literaturvertonung, experimenteller Musik, Jazz und Improvisation da für Sie und mich mit Viola, Altklarinette und Percussions an den Start gehen. Kommend übrigens noch an fünf weiteren Spielorten: in Herne (Flottmann-Hallen, 20 Uhr, 5.6.), in Bochum (Kunstmuseum Bochum, 20 Uhr, 16.6.), in Essen (Museum Folkwang, 15 Uhr, 30.6.), im MuT Bochum (18 Uhr, 12.7.) und im Skulpturenmuseum Glaskasten Marl (19 Uhr, 13.7).

Es ist eine Grenzerfahrung, - aber so was von! Mit großem Herz für die in „Germinal“ steckende soziale Thematik, - kritisch mit künstlerischen Mitteln vermittelnd, abgedreht klingend. Ein kühnes Unterfangen.  

Das dazu noch jedes Mal anders tönt. Impro-Musik stellt sich auf Umgebung, Raum und Publikum ein. 

Also: Keine 1:1-Interpretation des legendären Stummfilms erwarten, den das Musiker-Trio von 2 1/2 Stunden Original-Spielzeit auf 60 Minuten zur filmischen Collage kürzte. „Mit Klarinette, Viola und Percussion schaffen Martin Blume, Gunda Gottschalk und Eckard Koltermann ein Wechselspiel zwischen Film und Musik, bei dem eine ganz besondere Atmosphäre entsteht und die Vorführung zu einem audiovisuellen Erlebnis wird.“

Was rundum stimmt. Zumal on top und zum Ende des verdichteten Cappelani-Drehs auch noch der filmpreisausgezeichnete 5-Minuten-Track „Demolition Entertainment“ vom Essener Kameramann Jörg Keweloh in den Bild-Klang-Kosmos eingewebt zu sehen ist, eine Rarität: „Dieser Film setzt sich mit dem Verschwinden der materiellen Zeichen der Industriekultur im Ruhrgebiet auseinander. Doch was verschwindet, lebt in den Bildern weiter.“ Fördertürme sieht man stürzen, filmisch rückwärtslaufend, wieder auferstehen.

„Poah, das wird ja immer vertrackter. Nicht nur hart was auf die Ohren, sondern auch noch Kintopps als impressionistisches Requiem in laufenden Bildern.“

Chapeau! Das leitet zu Part Drei des Abends über. Warum man sich überhaupt auf „Germinal“ fürs „Kunst & Kohle“-Projekt einließ, hat thematische Gründe, zeigt die Schattenseiten des Grubengolds.

Denn Zolas „Germinal“-Roman „entstand unter dem Eindruck eines blutig niedergeschlagenen Bergarbeiterstreiks 1884 in Nordfrankreich, den der Schriftsteller als Augenzeuge miterlebte und mit protokollarischer Genauigkeit im Roman verarbeitet hat. Er verzichtet auf Schwarzweißmalerei, macht aus den Arbeitern keine idealisierten Wesen, zeigt vielmehr ohne Beschönigung, wie die soziale Misere aus Menschen Bestien macht. Die Grubenbesitzer wiederum erscheinen nicht als blanke Ausbeuter, sondern als aufgeschlossene Unternehmer, die die innere Logik des kapitalistischen Fortschritts vertreten. So entstand weit mehr als eine authentische Sozialreportage, nämlich ein Buch von erschütternder Eindringlichkeit und visionärer Symbolik. Zolas epische Kraft und fast dokumentarische Sachlichkeit, aber auch die Wucht seines Pathos verhindern, dass man den Roman heute, von der Höhe der digitalen Revolution, vor allem als historischen Roman liest. „Germinal“ beweist, dass nichts dem literarischen Verfall und der historischen Nivellierung besser widersteht als die Genauigkeit des Hier und Jetzt“, schreibt es Hanjo Kesting auf „NDR Kultur“.

Womit wir beim Finale des eindrücklichen Literatur-Stummfilm-Konzertes sind, das wo beginnt?

Genau: Los geht`s an der Lore. Hinsehen, hinhören!

 

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Bild: Albert Capellani, Germinal (Filmstill), 1913​

„Germinal“ auf die Ohren