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1. August 2018 - von Claudia Posca

Gegenmaßnahme

Oberhausen

Vermutlich ächzen Sie gerade wie ich unter der Hitze des Sommers 2018, der uns buchstäblich verflüssigt. Was eine bedenkliche Entwicklung ist. Weil keiner weiß, wo das noch endet. Kurz und gut, es brauchte Maßnahmen. Kontur und Konzentration sollten wieder her.

Die Lösung: Eine Reise ins Zentrum Altenberg nach Oberhausen. Von dem Sie wissen, dass es dort, mit dem „Verein für aktuelle Kunst“ (VfaK), einen Ausstellungsort von scharfem Profil gibt. Klar konturiert, extrem konzentriert.

„Eine Ausstellung dort gilt auch heute für viele, selbst gestandene Farbmaler, immer noch als eine besondere Auszeichnung. (…) Auf diesem Gebiet hat der Verein eine einmalige Erfolgsbilanz vorzuweisen.“ (Matthias Bleyl)

So, nu wissen Sie, warum ausgerechnet Oberhausen, wozu der Besuch im Zentrum Altenberg. Die Adresse steht für Fokussierung, Verdichtung. Gegen Verflüssigung. Der Ort ist ein feiner Think Tank, wo man sich für Farbmalerei engagiert. Was überhaupt nicht selbstverständlich und in dieser Konzentration überhaupt einzigartig im Revier ist. Die schöne Halle hat Flair. Und coole Bilder. Heiß war´s trotzdem.

Aktuell und noch bis zum 12. August werden „Farbmalereipositionen“ gezeigt - bilderlose Bilder in, aus, für und über Farbe. Wer allerdings dachte, dem Parcours könnte ein Urbild zu Grunde liegen hat sich verguckt. Tausendundeine Nuance sind Fakt, daran kommt keiner vorbei.

Klar ist, - Farbmalerei ist ein klares Manifest fürs Individuelle. Und dass, obwohl es einzig und allein um ein einziges, um ein alleiniges Thema geht: Die Farbe hat mich und das Bild. Jaja, Verdichtung und Vielseitigkeit schließen einander nicht aus. Beides kann erhebliche Hitzewallungen provozieren. Schließlich ist die Melange heiß. Hot art, und das im hot summer 2018.

Aber und überhaupt: Bin ich denn zum Abkühlen nach Oberhausen gefahren? Konzentration wider Verflüssigung lautete die Devise. Coole Bilder? Umso besser.

Die 41 versammelten TeilnehmerInnen im VfaK gestalten ein hochkomplexes Spezialgebiet. Wer Kunsthistoriker-Jargon mag, spricht von Neo-Konkretion. Was nicht zwangsläufig geometrische, mathematische Bildfindungen sind. Auch malerisch-pastos oder lichthaltig-leicht kommt so einiges daher. Je nach Blickwinkel heißt der Kosmos Fundamentale Malerei, oder Radical painting, auch analytische, essentielle Malerei. 

So oder so, - das Gezeigte zeigt Farbe, Form, Phänomen. Und lässt sehen, wie Malerei als Bild im Licht, im Raum, in eigener Sicht wirkt. Was ist ein Bild? Was sind Strukturen? Wie entsteht Sichtbarkeit? Wie sieht das Sehen?

„Ja, wie denn sieht es? Ich dachte Bilder zeigen was?“

Was sie auch tun: Konkret das, was konkret zu sehen ist, - Farbschichten und Spachtelspur, Gitterstruktur, Prozess, Verlauf, Erscheinung. Das Hier und das Jetzt zählt. Die malerische Präsenz kommt aufs Tableaux, pur verdichtet im Bild. Megakonzentriert. Auf dass man sich sammelt, nicht verfließt. Mit Dystopie hat das nichts zu tun.


„Es liegt daher nahe, im VfaK in einer repräsentativen Gruppenausstellung einen Überblick zu wagen über die vielfältigen Farbmalereipositionen, die durch Künstler/Künstlerinnen mit aktuellem oder früherem Bezug zum Kölner Raum gegeben sind. Erfasst wird in der Ausstellung „Köln plus - Farbmalereipositionen“ der Zeitraum von den 1980er Jahren bis heute.“

Die klare Ansage ist ein weiteres Kapitel Farbmalerei nach der letztjährigen Ausstellung „members please“ mit 25 nationalen und internationalen Positionen rund ums Flirten mit Farbe und Geometrie, mit System und Serialität. Und auch der aktuellen Schau liegt die Überzeugung zu Grunde: Von wegen, dass bilderlose Malerei in der Gegenstandslosigkeit verhungert. 

Da kann ich nur zustimmen: tut sie nicht. Stattdessen machen bilderlose Bilder satt. Gerade weil sie aufs Motiv, auf Illustration und Erzählung verzichten, um bei sich an sich zu sein: konkret, fundamental, analytisch, essentiell. 

„Ja, aber da ist doch nichts drauf zu sehen?“

Oh doch. Weil das Nichts zu malen möglich ist, seit Kasimir Malewitsch (1877-1935) sein berühmtes „schwarzes Quadrat“ 2015 gemalt hat, - eine Ikone der Kunst des 20. Jahrhunderts. Und weil seither nichts unmöglich ist.

Bedeutet: In Oberhausen hört man Farbe schmatzen, sieht sie rechnen, komponieren, strukturieren. In kleinen, in großen Formaten. Manche sind rund, andere raumgreifend. Alles ist wunderbar analog, atmet in und durch Farbe. Mächtig viel los also dafür, dass auf den Bildern nichts zu sehen sein soll. Sieche Malerei? Feiert anderswo Premiere.

Und ob nicht noch Zeit und Zufall, Licht und Schatten am Werk sind; still und leise zwar, aber konzentriert? Das Oberhausener Panorama hat Wucht. Und Ecken und Nischen für vieles. Man staunt.

Ich jedenfalls komme nicht ohne Irritationen weg, sehe Interferenzen und Grenzüberschreitungen. Was u.a. mit Bildern zusammenhängt, die dick in Farbe eingepackt, dehnbar wirken, deren Konturverlauf dynamisch, deren Raumabgrenzung unklar ist.

Aber war ich nicht in der Hoffnung nach Oberhausen gefahren, bedrohliche Auflösungstendenz zu stoppen? Und jetzt das: verschwimmende Konturen?

Stimmt. Und stimmt nicht. Weil flüssiges Denken in bilderlosen Bildern anderes ist als das Schmoren im eigenen Saft. Es gibt eben sone und sone Verflüssigung.

Diese hier, konzentrierte Malerei durch und durch, löst nicht auf, bringt auf Trab. Selbst bei dreißig Grad plus. Oder wie es der in Köln und im französischen Corberon lebende Günter Umberg, einer der profiliertesten Farbmaler der Gegenwart, grandios pointiert: 

„Das Entscheidende beim Bild ist nicht sein kläglicher Inhalt, sondern die wahnsinnige Energie, die jederzeit explodieren kann.“

Was doch ein echt konzentrierter Entwurf fürs Cool-Down in Zeiten hitzebedingter Verflüssigungstendenzen ist, oder?

Gegenmaßnahme