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31. Januar 2019 - von Claudia Posca

Geflasht

Unna

Wie war das noch gleich mit dem Licht im Schöpfungsbericht? Sorry, besonders in dunkler Jahreszeit wünsche  zumindest ich es mir hell: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis. (1 Moses 1, Luther Bibel) Was ganz wunderbar ist. Allerdings blieb unerwähnt, mit wie viel Lumen das Licht angeknipst wurde. Nur so viel ist sicher: Ohne ordentlich Kawumm kommt auch ein göttlicher Funke nicht aus. Was erklärt,  dass mit all dieser Energie von oben mehr als genug davon hier unten ankam.

Zu viel des Guten vielleicht? Zu viel Licht? Zumal wir permanent dabei sind, uns selbst zu blenden. Stichwort: Lichtverschmutzung. Nachvollziehbar, wenn man im digitalen Zeitalter einen Licht-Exzess in massiver Bilderflut erleidet. „Wir leben heute in einer Atmosphäre gefüllt mit Bildern, aber das Erlebnis, welches diese produzieren hat eine geringe Intensität. Es ist heute noch schwieriger einem Bild eine Bedeutung zu geben. Wir sind dem Licht unterworfen, einem Licht, das die Grenzen der Dinge auflöst (…).“

Sagt wer? Sagt Bernardí Roig, der mallorquinische Multimedia-Künstler (*1965), der noch bis zum 14. April im Zentrum für Internationale Lichtkunst verwirbelnde Installationen ausstellt, wo handelsübliche Leuchtstoffröhre auf alptraumhafte Figurenplastik trifft, um Beckett-nahes Szenario auf den Plan zu rufen: Existenzialismus und Sisyphos-Mythos im Rampenlicht.

„Wie jetzt? Figuratives im Lichtkunstzentrum Unna? Krass. Hätte ich dort kaum erwartet, abgesehen mal vom „Totentanz“ Christian Boltanskis in der Dauerausstellung.“

In der Tat: Das überrascht. Und mehr noch packt es an. Denn dass da einer Licht als unerträgliche Leichtigkeit des Seins empfindet, glaube ich, kann man der Roigschen Installationschoreografie in den Katakomben der ehemaligen Linden-Brauerei ansehen. Ja mehr noch: Man kann es nachempfinden. 

Sein „Excess“? Unser Exzess? 

Fakt ist: Egal, wie man sich entscheidet, ob für die titelgebende englische oder für die deutsche Version des Begriffs, die Rede vom Übermaß erzählt mit gleißender Kunst von Helligkeit, die auf die Schattenseiten von Licht zielt. Was doch phantastisch ist, oder? Ein stumm beredter Paukenschlag.

Ob der „derzeitig wichtigste Vertreter der spanischen Gegenwartskunst“ dabei an den göttlichen Funken gedacht an, weiß ich allerdings nicht. Nur, dass ich eine derart wirklichkeitsnahe Figurenskulptur in Weiß als Polyesterabguss eines „Herrn Mauroner“, - seines Zeichens Galerist im Maßstab 1:1, mit lichtleuchtendem Leuchtstoffröhren-Pack auf dem Buckel bzw. auf der Schulter -, seit den Figurenplastiken von Duane Hanson und Georg Segal nicht mehr und schon mal gar nicht im Zentrum für Internationale Lichtkunst in Unna erwartet hätte, das ist so.

Bernardí Roig, An Illiminated head for Blinky P. (the gun), 2010, Installationsansicht Unna 2019. Foto: Claudia Posca. Der hier im Zugriff auf Kunstgeschichte, Mythos, Film und Literatur so Konfrontatives inszeniert hat, zählt zu den internationalen Grandplayern multi-medialer Statements. 2011 war Bernardí Roig auf der 54. Biennale in Venedig vertreten, 2006 sah man seine „The Light-Exercises Serie“ im Kunstmuseum Bonn. Arbeiten von ihm, - Skulpturen, Lichtinstallationen, Videos, Fotografien, Zeichnungen -, befinden sich weltweit in öffentlichen und privaten Sammlungen. 

Wussten Sie das? Ich nicht. Aber nun ja, wer weiß schon alles?

„Jetzt erzähl` doch mal, was genau da in Unna abgeht!“

Jaja, wenn Atmosphärisches sich so schnell so punktgenau auf den Punkt bringen ließe. Aber klar, mein Versuch ist dieser: Bernardí Roigs Installationen aus (männlicher) Figurenplastik und aggressiver Lichtattacke,- übrigens perfekt in die Winkel und Nische der unterirdischen Gewölbe eingepasst -, sind ein drastischer Kommentar zur Last mit der Lust auf Licht. Ein gespenstisch stummes Grundrauschen zwischen meditativer und aufdringlicher Präsenz wandert da unten mit. Ich kann Dir sagen, auf nahezu plakative Weise ist Dir die Tragödie (des einen Teils) der Menschheit ziemlich nahe. Ja, richtig. Frauen kommen nicht vor. Bernardí Roig, Der Italiener (the cow), 2011, Installationsansicht Unna 2019. Foto: Claudia Posca.

Dafür erzählen die lichtgeblendeten Gesichter, - grimassierende Antlitze à la Franz Xaver Messerschmidt (österreichischer Bildhauer zwischen Barock und Klassizismus) - , als erschlaffte, widerstandslose Existenzen mit offener Hose und darüber quellenden Bäuchen, gefangen im unsichtbaren Käfig von Kopfkino und Sisyphos-Vision, viel vom Zuviel: vom Licht, das entfremdet; vom Alter, das zunehmend beutelt; von erstummter Gestik, die bis zur Vereinsamung ins Schattenreich von Orientierungs-, Kommunikations- und Individualitätsverlust führt; von niedergerungener Vitalität, die alptraumhaft im Raum hängt, umflort von einer Klangkulisse aus dem Film „Blue Velvet“ des David Lynch (1986). Lichtwesen wohl sähen anders aus, stünden kaum vor der Wand. Da ist der aufgebrochene, in Polyester formabgegossene Kadaver einer geschlachteten Kuh (oder war`s ein Stier?) aus der statt ihres/seines Gedärms Leuchtstoffröhren quellen, - übrigens wurde sie/er vom Künstler verspeist -, nur mehr ein Quäntchen Schock mehr. 

Was Wunder also, wenn Dir bei diesem Säurebad unheimlicher Bilder die Galerie einer Kunstgeschichte von Rembrandt über Goya, von Bosch bis Balthus, von Ensor, Kubin bis Bacon ins Hirn drängt, während Kafka und E.T.A. Hoffmanns „Sandmann“ fürs literarische Pendant im Imaginären Museum sorgen. 

„Klingt massiv existenzialistisch…“

Bernardí Roig, Herr Mauroner, 2008, Installationsansicht Unna 2019. Foto: Claudia Posca. Ist es auch. Jedenfalls führt mit der Roig-Kunst kein Weg an Dämon und Dunkelreich, Puppe, Mensch und Fake als in die Welt geworfenes Sein vorbei. Das Ganze ist kein und ein Spuk, ist finster und fabulös, faustisch und sezierend in einem Augenblick. Kein Zweifel, dass das ätzt. Und gewiss nicht jeder hält der ungeschönten Analyse im Knast des Lebens des Bernardí Roig stand, während er seine Neonröhren-Wandinstallation „Practices to catch the time“ (2014) Tage im elementaren Strich-Modus runter zählen lässt: fünf, fünf, drei. Entzauberung ist dabei nur eine Facette. Schicksal, Ge- und Befangenheit schießen Dir ebenso in den Sinn. Das wirkt greifbar archetypisch. Auf jeden Fall sieht man aus den Tiefen einer (männlichen) Seelenbedrängnis gestaltgewordene Traumata herauf steigen - leidend unter und im Licht, auf der Bühne der Kunst, die das Leben in Teilen ist. 

Keine Frage: Was sich da aufführt, ist die Tragödie des einsamen Menschen unter dem Laserstrahl konzeptueller Lichtkunst. Das hat mich zum Bücherschrank getrieben. „Jetzt aber wusste ich: die Dinge sind ganz und gar, was sie scheinen - und hinter ihnen…gibt es nichts.“ Hat Jean-Paul Sartre in „Der Ekel“ 1963 geschrieben.

Geflasht? Geflasht. 

 


Bildrechte:

Titelbild: Bernardí Roig, Reflection exercises, 2003, Installationsansicht Unna 2019. Foto: Claudia Posca.

2. Bild: Bernardí Roig, An Illiminated head for Blinky P. (the gun), 2010, Installationsansicht Unna 2019. Foto: Claudia Posca.

3. Bild: Bernardí Roig, Der Italiener (the cow), 2011, Installationsansicht Unna 2019. Foto: Claudia Posca.

4. Bild: Bernardí Roig, Herr Mauroner, 2008, Installationsansicht Unna 2019. Foto: Claudia Posca.

Geflasht