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3. August 2017 - von Claudia Posca

Gar nicht verpixelt

Ruhrgebiet

Tagträumen ist schön: Durchspielen, was sein könnte, wenn wäre, was noch nicht, demnächst aber oder vielleicht später sein wird. Also zum Beispiel, wie ich Auswärtsgästen das „Bochum-ich-komm-aus-Dir“-Feeling so rüberbringe, dass ihnen der Wunsch ein Muss ist, die bunte Region mit der grauen Vergangenheit wieder zu beehren.

Ehrlich, über so etwas denke ich nach. Ernsthaft. Auch, weil mich wenig, am ehesten noch Alaska, über den großen Teich lockt, Italien mein Sehnsuchtsland ist und bleibt und das Ruhrgebiet meine Heimat ist.

„Ganz schön kitschig, was Du dir da zusammenphilosophierst. Obwohl - einfach ist es tatsächlich nicht Industriekultur, Strukturwandel und Moderne vom „Hier im Revier“ sauber unters Volk zu bringen. Wie wahr: Geschichte wird gemacht! Schon deshalb geht einseitige Image-Politur mit Weltkulturerbe Zeche Zollverein, Duisburger Seenplatte, Elfringhauser Schweiz, hipper Hafenszenerie oder Dortmunder Phoenix-See-Idylle nicht. Jedenfalls nicht nur. Aber wem sag ich das? Hattest Du nicht neulich von einem schön anders gestrickten Fotoprojekt erzählt? Kein Mainstream, kein Marketing?“

Darauf wollte ich hinaus: Es ist an der Zeit in Werbe- und Ranking-Zeiten davon Unabhängiges aufs Tableau zu heben. Und glauben Sie`s mir, ich springe dafür über meinen Schatten. Weil das, worum es geht, seinen Ort im On hat, mit Pixeln operiert, dabei zwar gar nicht verpixelt ist, aber doch eigentlich mit echtem Bildergucken nichts zu tun hat. Die nämlich gibt es da, wo sie gezeigt werden, rein faktisch gesehen, überhaupt nicht. Beziehungsweise gibt es sie als Binärcode. Was zum Glück, ich staune immer wieder, am Ende doch erstaunlich Bildliches aus 0 und 1 zaubert. Stupendo.

Lange Rede, kurzer Sinn: Es geht um eine, ein bisschen auch um meine, Revierliebe. Und die steckt drin in einer immens umfangreichen, immer weiter wachsenden Foto-Kollektion deutscher und internationaler Fotografinnen und Fotografen im Internet: Pixelprojekt_Ruhrgebiet.

Die digitale Plattform wurde 2002 von dem Bildjournalisten und Fotografen Peter Liedke entwickelt und „2003 auf Initiative von damals sechsundzwanzig freien Fotografinnen und Fotografen in bildnerischer Tradition der Fotografenagentur „Magnum“ gegründet“.

Die Absicht dahinter: Lichtbildern von breit gestreuter Ruhrgebietsmotivik im unfassbaren Daten-Äther eine Heimat zu verschaffen. Weshalb die Initiative auf www.pixelprojekt-ruhrgebiet.de zu finden ist und meinen Gästen in spe schon mal vor deren Reiseantritt ins Revier als Coaching-Projekt in Sachen Industriekultur, Strukturwandel und Gegenwart an Emscher und Ruhr ans Herz gelegt wird. Ja, Pixel haben auch Vorteile: Click for Blick, egal, wo du lebst. Und schon tun sich Welten auf, Geschichte und Geschichten stecken drin.

„Pixelprojekt_Ruhrgebiet sammelt Fotografien, die im Laufe von Jahrzehnten als Produkt der seriellen Auseinandersetzung einzelner Fotografinnen und Fotografen mit Themen der Region entstanden sind, ordnet diese Bildserien, bringt sie in eine thematische und chronologische Struktur und macht sie auf einer Internetseite überhaupt erst sichtbar. Einmal pro Jahr werden die Neubewerbungen durch eine Jury von anerkannten Kunst-, Fotografie- und Regionalfachleuten in das Projekt aufgenommen. Im Laufe der Jahre entsteht so ein fotografisches Gedächtnis der Region, das Mythen einer vergangenen Zeit mit visionären Bildern des Kommenden in Beziehung setzt.“

14 Jahre schon geht die ambitionierte Unternehmung gegen Geschichtsvergessenheit an. Mit 9000 Profi-Bildern argumentiert sie, 477 Fotoserien von 293 Fotografinnen und Fotografen sind das, die ältesten Zyklen datieren aus den 1920er Jahre. Jetzt präsentiert sich das komfortabel sortierte Fotomuseum aus dem Netz mit echten Lichtbildern aus 21 neu ins Digi-Depot aufgenommenen Reihen im Wissenschaftspark Gelsenkirchen, Munscheidstraße. Noch bis zum 30. September. Schon jetzt sind die Neuaufnahmen online. Das Archiv funktioniert weltmeisterlich.

Das Schöne daran? Ist die klasse rubrizierte Präsentation darin. Sammeln, Erhalten, Forschen, Präsentieren und Vermitteln - das Pixelprojekt_Ruhrgebiet setzt Maßstäbe, ein tipptopp aufgeräumtes Geschichtsarchiv. Woran ja das 2012 online gestellte, vom Bund und den Ländern mit 24 Millionen Euro (bis Ende 2013) geförderte Megaprojekt „Deutsche Digitale Bibliothek (DDB)“ nach Angaben von RPonline (2.April 2014) ganz schön zu knabbern hat.

Klein aber fein erscheint da das Pixelprojekt_Ruhrgebiet. Nur wenige Clicks weit öffnen sich bildmächtige Ansichten von „Punklegenden“ und „Lost Space Graffities“, vom „Barock in Maschinenhallen“, von Phoenix-Stahlarbeitern und der Henrichshütte, von Wohnungs- und Heimatlosen, von Gastarbeitern, Flüchtlingen und Migranten, von Kohlen- und Schrottinseln, vom Leben an der Emscher und vom Himmel überm Pott zu entdecken. Was Grün und Himmelblau nicht ausschließt. Schöne Landschaftsimpressionen zwischen „Castroper Sümpfen“ und „Westruper Heide“ gibt`s nämlich auch.

Auf den Punkt gebracht: Das Pixelprojekt_Ruhrbiet ist wahrlich ein Dorado fürs Stöbern, Forschen, Gucken. Thematisch, praktisch, gut. Wie gesagt, Click for Blick, woher „wir hier im Revier“ kommen.

„Die Qualität des Ruhrgebiets ist es, eine Region der Migration zu sein, wo ein friedvolles Miteinander funktioniert. Es ist eine Region, in der ein Strukturwandel in einem Ausmaß, der in allen anderen Ländern zu sozialsten Katastrophen geführt hat, hier relativ sozial verträglich organisiert werden konnte. Es hat etwas roughes, was ja durchaus auch eine Qualität sein kann“, hat Peter Liedtke mal gesagt.

Da kann man doch wohl ein bisschen stolz sein. Meinem internationalen Besuch werd` ich`s jedenfalls nicht vorenthalten. Die finden die Kulturgeschichte in Bildern - wörtlich: „genial“.

2013/14 hat das Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes NRW das auch so gesehen. Und das Fotopixel-Internetportal „als eine der 100 besten Ideen für die Zukunft Deutschlands ausgewählt.“ Chapeau dafür! „So was hat nicht jeder.“ „Und wo doch die Zukunft im Internet liegt!“

Darauf sind inzwischen auch andere gekommen. In Bochum etwa befindet sich die Geschäftsstelle des Internetportals „Porta polonica“, eine 2011 angestoßene, digitale Dokumentationsplattform zur Geschichte und Kultur der Polen in Deutschland. Finanziert wird sie von der Bundesregierung.

Ja, inzwischen ist die Vorstellung vom digitalen Kulturgedächtnis also gar nicht mehr hip, sondern authentisch.

Und jetzt das: Auf der Eröffnung mit „Neuaufnahmen 2016/17“ am 8. Juni im Gelsenkirchener Zukunftstempel gläserner Symbolik zwischen Offenheit und Transparenz wird publik: das Pixelprojekt_Ruhrgebiet wackelt, 25.000 Euro fehlender Förderzuschuss vom Land entziehen dem richtig wichtig guten Aushängeschild des Reviers die Existenzgrundlage. „Wenn wir keine neuen Gelder bekommen, müssen wir das Pixelprojekt 2019 beerdigen.“ Verglichen mit dem, was andere so bekommen, ist der Betrag doch ein Hauch von Nichts, oder? Und würde so viel helfen.

Aus, vorbei? Darf ein Land das kulturelle Gedächtnis einer ganzen Region verhungern lassen?

Wie verpixelt ist das denn?

Gar nicht verpixelt