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15. September 2016 - von Claudia Posca

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit

Bochum

Spät, aber immerhin: Ich war im Bochumer RuhrTriiiennale-Kunst-Dorf „The Good, The Bad and The Ugly“. Inszeniert hat es das Rotterdamer Künstlerkollektiv „Atelier van Lieshout“ (AVL) für das Revier-„Festival der Künste“ auf dem Vorplatz der Bochumer Jahrhunderthalle. Noch bis zum 24. September. Umsonst, draußen. Und köstlich schräg.

Mit dabei: die schon aus dem letzten Jahr bekannte, nicht ganz stubenreine Großformat-Architektur „Domestikator“ und der begehbare Darm „BarRectum“. Den manche „voll krass“, andere „voll Scheiße“ finden.

Ich finde beides „weder noch“, mag aber die monströse Rätselhaftigkeit der archiplastisch verrückten Lieshout-Installationen. Weil sie sich als methodische Störenfriede ins Hirn schleichen. Ästhetische Schmusezonen jedenfalls sehen anders aus.

Wirklich charmant allerdings ist das mobil-autarke Wohn-Modul „Pioset-Farm“. Neben vorgefertigtem Hühner- und Kaninchenstall ist der Frachtcontainer ausgestattet mit Kamin, Bett, Spüle, Küchenutensil. Reisefertig fürs Überall-Überleben. Villa Kunterbunt im van-Lieshout-Stil. Outback möglich.

Das romantisch-visionäre Setting, Teil des 2001 im Hafen von Rotterdam ausgerufenen Freistaates „AVL-Ville“, mit eigener Verfassung, Währung und Fahne, steht vor kultivierter Industrie-Kulisse inmitten babylonischer Kunstverhältnisse. Darunter als Monumentalplastik in Polyester gegossen: ein riesengroß geblähter Dampfhammer zur Vergegenwärtigung vergangener Industrien, Pop-Art-like und post-industriell zur begehbaren Skulptur ummodelliert. Dazu noch aufgepeppt mit Theke, Dusche und WC. Das Info-Blatt notiert:„Indem der Mensch die Gedärme der Maschine besetzt, wird er buchstäblich eins mit ihr.“

Die Holzhammer-Methode funktioniert: „Jetzt verstehe ich, es geht um Systemkritik“, sagst eine Besucherin.

Dazu seien weitere Sitzungen empfohlen. Unter Überkopf-Licht-Luken hockend, Sonnenschein-beschienen, lässt es sich herrlich sinnieren, abgeschirmt im Eisen-Kabinenraum umfunktionierter Schwimmpontons, akkurat positioniert in minimalistisch-serieller Vertikal-Reihung:Dixi-Mietklo-Kultur, Marke Tabubruch-Kunst. Ja, Atelier van Lieshout macht kantenscharf, was sich querstellt: wider die bürokratische Veralltäglichung im Leben, in der Kunst.

„Und, - was hältst Du vom Thema?“

Ich frage zurück: „Meinst Du das Gesamt-Projekt „The Good, The Bad and The Ugly” als ästhetisches Mix-Up-Programm aus Jules Verne, Michail Bakunin und Pippi Langstrumpf?“

Das nämlich fasziniert mich an der „Gut-Böse-Hässlich-Produktion aus der Hand des niederländischen  Künstlers. Independent-Kunst, die in keine Schublade passt, Humor hat, Etabliertes pulverisiert, Abgründe erforscht, das Leben querblättert. Und dabei Anarchie, Autarkie, Politik und Spaß als wiederkehrende Motive in den Fokus rückt: Quo vadis, homo sapiens?

Für die parallel laufende EMSCHERKUNST 2016 etwa hat der Kunstterrorist, den manche einen „gescheiten Narren“ nennen, einen wunderbar abstrusen Film produziert: „Die Insel“ ist ein mitten im Dortmunder Phönix-See liegendes Eiland, das Erik van Lieshout für eine kleine Zeit zur persönlichen Da-da-Aus-Zeit und zur kritischen Reflexion von Flucht und aktueller Flüchtlingskrise nutzt.

Leitmotiv: „Wir brauchen etwas anderes: Sturm und Leben und eine neue, gesetzlose und darum freie Welt“, wie es der unverbesserliche Utopist Michail Bakunin im Revolutionsjahr 1848 an seinen Freund, den deutschen Dichter Georg Herwegh, - ein Poet der Hütten, nicht der Paläste -, schrieb.

Mein Gesprächspartner aber meinte etwas ganz anderes. Hatte es auf das im Bochumer Kunst-Dorf zur Verdauung zwischen BarRectum und Refektorium ausgegebene Thema ´Mensch und Maschine` abgesehen.

„Lassen sie sich noch unterscheiden?“

Die Frage scheint in der Luft zu liegen. Oder im Ohr: „Ich bin doch keine Maschine, ich bin ein Mensch aus Fleisch und Blut, und ich will leben bis zum letzten Atemzug. Ich bin ein Mensch mit all meinen Fehlern, meiner Wut und der Euphorie. Und keine Maschine. Ich leb von Luft und Fantasie“ songwritet Tim Bendzko auf seinem neuen Album „Immer noch Mensch“.

Was hilflos, sehnsüchtig klingt. Und bestens vertraut ist.

„Zum einen sehnen wir uns mehr und mehr nach einer Rückkehr zur Natur, gleichzeitig wächst unsere Abhängigkeit von der Technik. Durch neue Medien, Smartphones, Biotechnik und Robotik scheinen die Menschen sich zunehmend mit den Maschinen zu vereinen und Maschinen scheinen immer menschlicher zu werden“, skizziert es die Info-Map.

Automaten-Wesen, wir Menschen? Ähnlich den beiden animierten „Talking Heads“, gruselig Öl-triefende Gitter-Hohlköpfe, die das Atelier van Lieshout redend aneinander vorbeireden lässt? Zur harten Desillusionierung von irrer Dringlichkeit. Für „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.“ 

Mensch? Maschine? Nachts kommen die Träume. Am besten, man holt sie ans Tageslicht.

Bleibt die Frage nach dem Purgatorium. Auch Hieronymus Bosch hatte Visionen. Sein Narrenschiff, Polyester-plastiziert, - vielleicht auf der nächsten RuhrTriiiennale zu sehen?

So, wie die Dinge derzeit stehen, gut möglich.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit