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8. September 2016 - von Claudia Posca

Flottmann 30 hoch

Herne

Hab` ich ein Glück! 30 Jahre Kunst auf Flottmann, und ich war dabei. Nicht immer, aber oft. Und das mit großem Vergnügen, weil es mitten drin und nah dran an schönsten Entgrenzungen war, an „Skulptur Ruhr“ und „Papier hier“, an „cubecracks“ und „künstlicht“, an „Blickwinkel“ und „blackout“ , - also kurz und gut: an Kunst im Pott, gestern und heute in Herne.

Keine Frage, dass konnte einem den Kopf  verdrehen. Heftig sogar, weil 20 Jahre Kunst, zum Beispiel anlässlich des damaligen Jubiläums vor 10 Jahren, unter anderem regelwidrig „über Kopf“ an die Decke gehängt wurden.

Jetzt, zehn Jahre älter und ein Jubiläum weiter, lässt Flottmann „30 hoch“ leben: Kunst und Künstler und Menschen des Reviers. Was diesmal zwar keine Halswirbelverrenkungen bedeutet, aber Augen übergehen lässt.

Mir jedenfalls ward es taumelig: So viel Seh- und Sicht-Angebot in einem Raum! Ein mächtiger Tusch für Kunst im und aus dem Revier. Wo nur soll zuerst geguckt werden? Links, rechts, an der Wand, auf dem Boden?

Vergangenen Samstag öffnete sich, wie bestimmt schon Tausende Male, die schwere Eisentür zum grandios bunten Kunstparadies. Sage und schreibe 154 KünstlerInnen feiern „uns Flottmann“. „Das sind alles Kunstschaffende, die schon mal in den Flottmannhallen ausgestellt haben“ freut sich Hallen-Chefin Jutta Laurinat über den riesigen Zuspruch.

Seit 1990, zunächst gemeinsam mit Alexander von Knorre, damals Leiter des Emschertal-Museums mit den drei Häusern Städtische Galerie, Schloss Strünkede und Heimat- und Naturkundemuseum Wanne-Eickel, dann ab der Jahrtausendwende allein, hat die Frau mit Empathie fürs Revier ein weit übers Ruhrgebiet hinaus strahlendes Programm gestemmt. Ihre Devise: „Ausstellungen zu machen bedeutet, den Flottmannhallen als Kunstort in Herne ein eigenständiges Profil zu verleihen.“

Und? Hat es geklappt?

Was für eine Frage. Was denn wäre das Revier ohne Flottmann?  

Ich sag`s mal schlicht: eine unvorstellbare Vorstellung!

Und das hängt ganz zweifellos damit zusammen, dass die Flottmann-Hallen Herne „ein Ort, kein Museum“ sind. Ulrich Krempel hatte es schon im Katalog zur ersten Ausstellung 1986 prophezeit. So schillernd erschien damals die kühne Umwidmung eines Industrieortes zum Kulturstandort.

Gut, dass er Recht hatte! Flottmann heute ist eine Institution. Für Kunst, Kommunikation, Kapriolen. Schön, spannend, sperrig. Und bisweilen extrem spontan.

„ETST“ etwa, das wunderbare Sonderprogramm von Jutta Laurinat in Koproduktion mit dem Performance- und Sprachkünstler Erich Füllgrabe rund um Kunst, Musik, Theater und Kulturexperiment lädt per E-Mail oft schon für den nächsten Abend ein: zu Essen (E), Trinken (T), Sehen(S), Tun(T) mitten drin in noch unfertiger Ausstellung, sozusagen ein happig schneller Appetizer für Kunsthappen intensiv. Die jedenfalls mich stets hungriger machen: nach mehr, nach noch mehr köstlichen Art acts, nach Dada und Gaga vom Feinsten!

Aber Flottmann an der Straße des Bohrhammers 5, das sind nicht nur 600 Quadratmeter Ausstellungsfläche in Denkmalgeschützter, 5-schiffiger Jugendstil-Neuer Sachlichkeit-Reform-Industriearchitektur mit Rundbogenfenstern und offener Dachträger-Stahlkonstruktion. Eine bauhistorische Rarität in NRW, hoch,  licht, historisch aufgeladen noch dazu, wurden doch hier einst Bohrhämmer für den Bergbau gefertigt, weil der Unternehmer Otto Heinrich Flottmann, Sohn des Firmengründers Friedrich Heinrich Flottmann (1844-1899), 1908 die Produktion von Bochum nach Herne verlegt hatte. Sondern Flottmann, dass ist darüber hinaus eine erste Adresse fürs Kunstschöpferische Breitbandspektrum zwischen „spaces engines“, „Metallskulpturen“, „Metaphern“, 100%Baum, „staub zwei“ und „system und zufall“ „von unter Tage“, wie so einige der schillernden Ausstellungen hießen. Hatten sie sich das eine Mal zum Ziel gesetzt, sehen zu lassen, wie denn der Werkstoff die Kunst bestimmt, hakten sie das andere Mal beharrlich nach, was denn heraus kommt, wenn Flottmann mit Kunstvereinen, mit Professoren und deren Studenten, mit dem Westdeutschen Künstlerbund und den Herner Kunstschaffenden zusammenarbeitet.

Parallel dazu wurde auf Flottmann die KUBO-SHOW etabliert, ausschließlich für junge Kunst figürlicher Machart, eine erste Anlaufstelle für Galerien und Kunstvereine. Nicht zu vergessen, die alle zwei Jahre hier präsentierte Jugend-Kunstausstellung.

Ja, Flottmann macht flott. Fürs Kunstparkett der Gegenwart und Zukunft.

Und die Vergangenheit? Bis heute zeigt Herne Herz für Historisches: „B1“, die wichtige Künstlergruppe des Reviers, 1969 als Ausstellungskollektiv mit der Absicht gegründet, dem Revier „einen humanen Wert“ (Uwe Rüth) zurückzugeben, mit Helmut Bettenhausen, Günter Dohr, Rolf Glasmeier, Kuno Gonschior, Friedrich Gräsel, Ewerdt Hilgemann, Franz Rudolf Knubel, Ferdinand Spindel, Günter Tollmann und Bernd Damke, wurde ebenso präsentiert wie „Fotokunst aus 60 Jahren“.

Hätte all das Bohrhämmer-Chef Friedrich Flottmann auch nur ansatzweise geahnt. Denn Kunstsinnig war er ja, der Namenspatron. Hatte das symbolträchtig-imposante, schmiedeeiserne Jugendstil-Tor von Carl Weinhold als Hauptportal für sein Werksgelände gekauft. Seit 2010 kann es bestrestauriert neben den Flottmannhallen bestaunt werden: Kunst und Industrie-Denkmal an einem Ort in einem Werk, die Flottmann-Hallen Herne haben es in sich.

Noch bis zum 16. Oktober läuft die Jubiläums-Ausstellung, Petersburger Hängung inklusiv. Sie wissen schon: kreuz und quer und überall: Kunst hängend, stehend, liegend,  Augen-Taumel pur. Und Vielfach-Impressionen live. Das Kaleidoskop hat Format.

 „Bilder - also zweidimensionale Arbeiten können nur in den Maßen 30 x 30 cm, 60 x 60 cm oder 120 x 120 cm eingereicht werden. Ebenfalls die bildhauerischen, dreidimensionalen Arbeiten nur mit den Standflächen im selben Maße.“ Anmeldeschluss war der 15. Mai dieses Jahres.

„Rund 400 Kunstschaffende haben wir für die Jubiläumsausstellung angeschrieben, so viele nämlich sind in den vergangenen drei Jahrzehnten auf Flottmann vorgestellt worden. Leider sind einige inzwischen verstorben, andere sind weggezogen, die, die mitmachen haben alle, bis auf zwei, neue Arbeiten eingereicht!“ erzählt Jutta Laurinat.

Und klingt, wie das so ihre Art ist, sympathisch bescheiden. Obwohl sie richtig richtig stolz sein kann. Der angrenzende Skulpturenpark mit Stadteigener Public Art-Sammlung  wächst beständig, geht auf typisch energetisches Laurinat-Engagement zurück: Sandro Antal und Diethelm Koch, Ekkehard Neumann, Ulrich Möckel, Norbert Thomas, Peter Schwickerath, H.D. Schrader und andere mehr sind vertreten, inzwischen 17 Werke auf dem 12 Hektar großen Parkgelände. „Auf den Hügeln Hollywoods“ hatte dort 2010 der damalige OB Horst Schiereck das Publikum begrüßt, des  „wunderbaren Projektes“ wegen.

Seither spricht mancher Ruhri gern schon mal von den „Herner Hügeln Hollywoods“, deren Sammlung bedeutender Ruhrgebietsskulptur der Grund ist, warum die Flottmann-Hallen überhaupt zum Verbund der RuhrKunstMuseen zählen.

Also: Liebe, flotte Flottmannhallen Herne: Happy birthday. Weiter so!

Flottmann 30 hoch