gefördert durch RAG Stiftung
Städtefilter:
  • Alle Städte
  • Alpen
  • Außerhalb vom Ruhrgebiet
  • Bergkamen
  • Bochum
  • Bottrop
  • Bönen
  • Castrop-Rauxel
  • Dinslaken
  • Dorsten
  • Dortmund
  • Duisburg
  • Essen
  • Fröndenberg
  • Gelsenkirchen
  • Gevelsberg
  • Gladbeck
  • Hagen
  • Hamm
  • Hamminkeln
  • Hattingen
  • Herdecke
  • Herne
  • Herten
  • Holzwickede
  • Hünxe
  • Kamen
  • Lünen
  • Marl
  • Moers
  • Mülheim an der Ruhr
  • Neukirchen-Vluyn
  • Oberhausen
  • Recklinghausen
  • Ruhrgebiet
  • Schwelm
  • Schwerte
  • Selm
  • Unna
  • Waltrop
  • Werne
  • Wesel
  • Witten
  • Xanten
Filter schließen

7. Januar 2016 - von Claudia Posca

Fahren Sie doch mal nach Hattingen!

Hattingen

Glauben Sie‘s mir: Schönheit tut gut. Eine malerische Altstadt auch. Zumal das schöne Städtchen wirbt: „Hattingen hat Einlass“, „Hattingen hat Streitkultur“, „Hattingen hat TORheiten“. Versprechen die Werbeflyer. Und machen neugierig.

Des Rätsels Lösung: Hattingen hat Kunst. Fünf Groß-Skulpturen sind‘s, Tore im weitesten Sinne, die es im öffentlichen Raum unter freiem Himmel gratis zu sehen gibt, fußläufig in rund 30 Minuten zu erwandern. Das Ganze ist ein Public Art-Projekt, ortsspezifisch spezialisiert: künstlerische „TORheiten“, die signalisieren: Einst stand hier mal ein Stadtportal.  

Denn Hattingen hat uralte, mittelalterliche Wurzeln. Ablesbar am bildhübschen 150-Fachwerkhäuser-Ensemble auf 12 Hektar Grund. Kluge Stadtplaner hatten sich Ende der 1960er Jahren für den Erhalt historischer Raum- und Baustrukturen, gegen Abriss und Flächensanierung eingesetzt. Das Resultat: eine prächtige Altstadt heute.

Und wie gesagt: Schönheit tut gut, ein schönes Dorf tut es auch.

Gut vorstellbar, dass genau das die renommierte Künstlerschaft reizte. Das Hattinger TORheiten-Programm ist hochkarätig und international besetzt: Jan Koblasa stammt aus Tschechien, Marcello Morandini aus Italien, Augustì Roqué aus Spanien, Voré aus Deutschland und Urs Dickerhof aus der Schweiz. Ein erstaunliches Kunstpanorama für ein 54.000-Seelen-Städtchen.

Die letzte Groß-Skulptur wurde erst kürzlich, im September 2015, aufgestellt. Jetzt hat Hattingen einen echten Roqué. Und das 1996 in Kooperation mit dem damaligen Bochumer Museumsdirektor Dr. Peter Spielmann und dem Hattinger Künstler Prof. Bernhard Matthes aus der Taufe gehobene TORheiten-Projekt ist abgeschlossen. Weitere Kunst-Pforten wird es nicht geben. Andere künstlerische Einmischungen vielleicht schon. Schauen wir mal.

Recht betrachtet ist das Hattinger Projekt einzigartig auf dem Parkett von Art Public. So eine thematisch gebündelte, historisch angedockte Gegenwartskunst im urbanen Raum hat keine andere Stadt im Revier. Hattingen aber hatte die Idee. Und ist im Vorfeld vermutlich über mehr als sieben Brücken gegangen, um fünf Mal „Einlass“ zu finden.  

Herausgekommen sind blitzgescheite TORheiten. Weil sie reaktualisieren, was längst aus Hattingens Stadtbild verschwunden ist: Historische Bruchstein-Portale aus dem 16. Jahrhundert, neu interpretiert im Spiegelbild frischer Gegenwartskunst. Ein schlaues Konzept. Und ein Tor, wer die Hattinger TORheiten nicht mal anguckt.

Dabei wird das Konzept schnell konkret: Mit elementarer Bildsprache mischen sich die fünf TORheiten ein. Nur die „Engel ante Portas“ von Urs Dickerhof sind, ganz Pop-Art-like, figürlicher Gestalt. Buchstäblich mit Sack und Pack stürmen sie die Hattinger Altstadtmauer am einstigen Holschentor. Angeblich, weil „Hatneghen“, wie Hattingen zur Zeit Karls des Großen hieß, so schön ist.

Was zweifellos stimmt. Denn wundersam schief und extra-schmal zaubern Georgs-Kirchturm und Bügeleisenhaus nostalgisches Flair. Was jeden verzückt, mit dem ich durch Gassen und Gässchen flaniere. Fahren Sie mal nach Hattingen!

Wie Voré das Steinhagentor, Jan Koblasa das Heggertor,  Augustí Roqué das Weiltor, Urs Dickerhof das Holschentor und Marcello Morandini das Bruchtor definieren, fällt - versprochen! -  als Eye-Catcher auf. Und pflanzt Stolpersteine ins Hirn: Tradition und Moderne im Dialog machen was mit eigener Perspektive. Hattingen hat Kunst, die bewegt.

„Streitkultur“ inklusive. „Wenn jeder die gleiche Meinung hätte, wär‘ das langweilig.“ Sagt Walter Ollenik, der 2007 zusammen mit Jürgen Uphues den Reiseführer „Hattingen - Ansichten zu einer Stadt“ im Essener Klartext-Verlag publiziert hat.

Walter Ollenik weiß, wovon er spricht. Der 67-jährige war ehemaliger Fachbereichsleiter für Kultur und Bildung in Hattingen, ist von Haus aus Architekt und einstiger Hochbauamtsleiter der Stadt, hat sich von Beginn an für die Hattinger Open-Air-Galerie der TORheiten stark gemacht und 1999 zusammen mit der „Stiftung für Kunst, Kultur und Denkmalpflege“ der Sparkasse Hattingen Wettbewerb und Auswahl vorangetrieben.

Der Mann ist sympathisch praktisch orientiert. Um Anwohner zu überzeugen, dass Autos trotz Kunst vor der Tür auch weiterhin bequem eingeparkt werden können, hat sich Walter Ollenik schon mal fürs Demo-Einparken hinters Steuer gesetzt. Oder ist mit einer 6-Meter-Holzlatte zu einem Anwohner marschiert, um zu zeigen, dass die Roqué-Skulptur am Weiltor keine Fenstersicht versperrt. Dabei lacht Walter Ollenik so gewinnend, dass man mit ihm überzeugt ist, „Kunst muss gesprächig bleiben“, um Gutes für Mensch und Stadt zu bewirken.

„Alles fing 1995 mit der drei Meter hohen Sandstein-Skulptur des Tschechen Jan Koblasa an. Sein „Wächter“, der heute das einstige Heggertor in der Fußgänger-Einkaufszone markiert und 1996 anlässlich des 600jährigen Stadtjubiläums vom alten Rathaus weg, dorthin in die Heggerstraße verpflanzt wurde, stand Pate für das TORheiten-Projekt. Denn wäre er nicht dorthin versetzt worden, wären wir vielleicht gar nicht auf die Idee gekommen, zeitgenössische Künstler für die historische Tor-Tradition Hattingens zu begeistern. Jan Koblasa hat den „Stein des Anstoßes“ geliefert.“

Viele Zeichnungen, Planungsskizzen und -modelle, ganze Fotodokumententationen zu den TORheiten lagern in Walter Olleniks  Archiv. „Irgendwann wird ein Buch draus“. Das Pyramiden-Modell Morandinis hat er gerade von oben runter geholt. Ein kleiner Schatz.

So, wie die „großen“ Hattinger TORheiten: unverwechselbar, authentisch stiften sie Identifikation. Kaum jemand, der das große Schwarz-Weiß-Tor von Marcello Morandini am Hattinger Busbahnhof vergisst. Die geometrisch klare Anlage, ein von Marmor und Granit ummantelter Beton, signalisiert: Einst gab`s hier mal das Bruchtor.

An anderer Stelle, munkelt man, soll ein Gang durch die Roqué-Stahl-Skulptur am Weiltor Glück bringen. Dagegen erinnert das imposante Steinhagentor des Ettlinger Künstlers Voré handfest an mittelalterliche Fallgitter - für Schutz und Abschreckung.

Über ein Vierteljahrhundert hat es gedauert, bis die Hattinger TORheiten vollständig wurden. Jetzt könnten sie das Städtchen groß raus bringen. Neben nur stählerner Industriegeschichte hat Hattingen das Zeug dazu mit seiner speziellen Public Art Kunstgeschichte zu schreiben. Immerhin ließ selbst Star-Bildhauer Richard Serra sein Bochumer „Terminal“ 1977 in der zehn Jahre später geschlossenen Henrichshütte fertigen.

Hattingen ein Standort für Kunst? Ist fast noch Geheimtipp. So, wie auch der ansehnliche  Kunst-Gewerbe-Landschaftspark auf dem ehemaligen Hüttengelände an der Ruhr, wo der bedeutende italienische Landschaftskünstler Paolo Schiavocampo sein torartiges Skulpturen-Ensemble installiert hat. Flankiert von zwei Windmechanischen Groß-Skulpturen des am Ort arbeitenden Düsseldorfer Kinetik-Künstlers Gereon Lepper, mit denen er starke Landschaftsmarken setzt.

Da kann ich nur sagen, was keine Torheit ist, aber eindrucksvolle TORheiten beschert: Fahren Sie doch mal nach Hattingen: Kunst gucken!

Fahren Sie doch mal nach Hattingen!