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18. August 2016 - von Claudia Posca

Fabelhafter Chiosco

Dortmund

Mensch, wer hätte das gedacht: Bella Italia ist einen kleinen Kiosk groß, kommt aus Venedig und hat den sympathischen Danilo Bastione aus Neapel hinter der Theke. Wipp-Gondeln verkauft er. „Aranciata fresca“ auch. Was soll ich sagen? Meine Sehnsucht ist geschürt: nach Südsonnenschein, Azurblaumeer, Olivenbaum, und Primitivo-Wein. Was son Büdchen so alles bewirkt.

Vor allem, wenn es da steht, wo es steht, aber eigentlich „von wo ganz anders wech kommt“. Die aktuelle Adresse: Dortmund-Hoerde, Phoenix-See, auf dem ehemaligen Stahl- und Eisenwerksgelände der Hermannshütte, heute Feinst-Viertel für feine Leute, regionale Ausflugslokalität. 
Da passt „il chiosco bello“ perfekt, ist aber Original-Kunst. Und waschechter Kiosk. Nur, dass statt Bonbons und Schnecken „inne Tüte“, Pinocchios und Gondoliere-Shirts „anne Stange bammeln“.  
Souvenirlädchen? Klümpchenshop? Bömskes-Spätkauf? Heimat? 
Im Revier ist die Trinkhalle ums Eck Kult. Man trifft sich, zischt Bierchen, töttert Gott klein und die Welt groß.  Seit 2006 gibt`s dafür sogar Kulturschutz: „1. Kiosk-Club 06, gegründet im Museum am Ostwall e.V. (1.KC 06)“ heißt der Verein mit Herz fürs Viertel.


Wenn Omma Tante Karrasch das damals geahnt hätte. Sie wär mit im Boot gewesen. Beim kommenden „1. Tag der Trinkhallen. Sei dabei!“ Am 20. August. 170 Kultbuden zwischen Emscher und Ruhr machen mit, bieten Poetry Slam, Literatur, Kabarett und Kleinkunst, Musik. Sogar übernachten bei den Budisten ist möglich. Klingt verlockend. 
Ich aber will Chiosco-Kunst gucken, Kurz-Urlaub im Sehnsuchtsland machen. Weshalb ich vergangenen Dienstag die von Emschergenossenschaft, Urbane Künste Ruhr und Regionalverband Ruhr seit dem Kulturhaupstadtjahr RUHR. 2010 an den Ufern der Emscher und darüberhinaus veranstaltete EMSCHERKUNST, heuer die Dritte, mit ihrem besonderen „Büdchen di Venezia“ in Hoerde besuchte. 


Illusion, Mogelpackung, Stolperstein, Regelverstoß, Authentizität? Was passiert, wenn ein venezianischer Kiosk auf Reisen geht? Irritation, Kultur-Schock, Attraktion? Auf jeden Fall zaubert der Chiosco „malinconia“.
Verabredet bin ich auf der Phoenixsee-Kulturinsel, klar, mit Souvenir-Verkäufer Danilo. Und mit seinem künstlerischen ´Arbeitgeber`, Münchens bekanntestem Gegenwartskünstler Benjamin Bergmann, 1968 in München geboren, Dorothea von Stetten-Preisträger. In Paderborn hatte er 2014 dem City-Brunnen eine Riesen-Wäschespinne aufmontiert, Hemd, Hose, Pulli dran gehängt und vom Fontänenstrahl nass regnen lassen. Was schön schräg rüber kam: „Das Schöne an der Absurdität ist für mich die Nachhaltigkeit der Verwirrung. Irgendwann ertappt man sich bei dem Gedanken, dass eine gänzlich absurde Welt vielleicht viel schöner wäre“, hatte der Künstler damals entwaffnend unkompliziert gesagt.
Und denkt bis heute herrlich quer über Kompliziertes nach: Das Absurde im Allgemeinen und im Besonderen. Ja, der Bergmann-Kiosk hat viel Charme. 


„Ciao, Danilo. Benjamin Bergmann, dov` è?“ Vor Ort ist man gleich mitten drin im Italien-Modus. 
Womit ich allerdings nicht gerechnet hatte: Plötzlich steh` ich auch noch mitten drin in Bella Italias Büdchen. „Für`s Interview ist es hier ruhiger“, - der Perspektivwechsel ist grandios. Ich gucke auf San-Marco-Christbaumkugeln im Regal und echtes Weihwasser aus Santa Lucia im Flakon. Die Mini-Glastierchen im Fenster dagegen sind Fakes, keine Originale aus Murano. „Vieles, was in Venedig zur Erinnerung eingekauft wird, kommt aus China, wo das hiesige Stahlwerk gelandet ist“ spannt Benjamin Bergmann den Bogen zwischen Italien und dem Ruhrgebiet.  „Und mit Hochwasser haben sie`s hier wie dort zu tun“ ist eine weitere Parallele rund um „Aqua alta“. 
Okay, das verstehe ich. Glaube aber nicht, dass das fürs wunderbare Capriccio am See inspirierte.  
Benjamin, wie bist Du eigentlich auf die Idee gekommen? 
„Ich habe den See hier gesehen, habe über ein Jahr lang beobachtet, wie die Bungalows aus dem Boden gestampft wurden. Zugleich bin ich im letzten Jahr viel in Venedig gewesen. Das war die Geburtsstunde des Chiosco.“


Ich will mehr wissen, aber eine Dame draußen will jetzt eine Postkarte kaufen, sprudelt los: „Wir waren gerade im Veneto. Tanti amici là. Und die kriegen jetzt Venedig-Grüße aussem Pott“, lacht sie vergnüglich. Verkehrte Welt. Tolle Welt. „Il chiosco“ ist Tausend-und-eine-Nacht am Tag. 
Hast Du ihn vom Markusplatz weggekauft? 
„So einfach war das nicht. Wir haben ein halbes Jahr lang nach einem Kiosk gesucht. Die Kioske in Venedig sind alle an Konzessionen gebunden. Der hier ist der Chiosco Nr. 41.  Stand fast 30 Jahre in der Nähe von San Marco. Über ein paar Ecken hatte ich erfahren, dass er zu kaufen sei. Das war wunderbar. Denn ich wollte einen Kiosk haben, der historisch aufgeladen ist, der etwas Besonderes in sich trägt, vergleichbar etwa der Gitarre von Jimi Hendrix. Oder, wenn ich es übertreibe, dann spricht dieser Chiosco die Sprachen der Welt, weil er sie alle gehört hat. Auch viele Politiker hat er gesehen. Und sogar die Geissens, eine schrecklich nette Familie.“ 


Benjamin Bergmann versteht sich aufs Schmunzeln-machen. Und auf Wohlfühl-Atmosphäre. Ein Pläuschchen hier, ein Smalltalk da: Sein Kunstwerk lebt, hat Herz und Verstand. Mancher ist schon viele Male zum Chiosco gepilgert. „Mein Wohnzimmer open Air“ grinst ein Besucher. Magisch find ich das und real. So wie Seifenblasen an den Füßen.
„Ist das jetzt ein echter Kiosk oder nicht?“ Das Konzept geht auf, man rätselt gemeinsam: Wahr oder falsch? Kunst oder Kiosk? Beides zugleich? Oder weder noch? 
„È confuso, non?“ Danilo strahlt: „Für mich ist Benjamins Chiosco so etwas wie ein grandioser Fehler. Und der kann doch nur richtig verortet sein.“ 
Da kann ich als Ruhri-Viertel-Italienerin nur sagen: Mensch Leute, geht im Kiosk auf Phoenix! Meraviglioso!


Fabelhafter Chiosco