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6. Juni 2018 - von Claudia Posca

Es hämmert!

Herne

Vermutlich kennen Sie das Gefühl: Es gibt Zeiten, da kommt eins zum anderen. Zum Glück auch das Schöne. Konzerttermine etwa. In diesem Fall gleich drei. Was ausgesprochen charmant ist. Und mich zur Überlegung hinreißt, ob Termine konspirativ sind. Von wegen plötzlicher Präsenz und so.

Gucken Sie mich ruhig schief an für schräge Gedanken. Aber die Serie Musik in meinem Kalender macht mich stutzig. Vielleicht terminieren Termine ja nicht nur Zeit, sondern haben Zeit für ein Eigenleben? Frei nach dem Motto: ´Entweder ganz oder gar nicht`, beziehungsweise, ´wenn was kommt, dann richtig`. Also alles auf einmal.

Sehen Sie, so gewinnt auch das Schräge an Logik.

Tatsächlich verhält es sich so: In dieser Woche folgt ein Konzert auf das andere. Wobei letzteres wiederum in der Nachfolge von einem von vor zwei Wochen steht. Sie erinnern sich? Das war „Germinal“. Ich schrieb darüber, wie staunenswert der berühmte Roman von Émile Zola „auf die Ohren“ kommt. Und dass es sich um eine Stummfilm-Interpretations-Performance mit Klarinette, Viola und Percussion im Rahmen von „Kunst & Kohle“ im Duisburger Wilhelm Lehmbruck Museum handelt. 

Gestern dann bin ich fremd gegangen, abseits vom derzeit im Revier glitzernden „Kunst & Kohle“-Pfad. Zu Gast war ich bei der famosen Pianistin Hélène Grimaud. Die eindrucksvolle Musikerin ist nicht nur in den berühmtesten Konzerthäusern der Welt zu Hause, sondern verbringt ihre Freizeit mit Wölfen, hat das „Wolf Conservation Center“ in New York gegründet und ist derzeit zusammen mit ihrem Lebenspartner, dem Fotokünstler Mat Hennek, mit „Woodlands and beyond“ auf Tour, um eine neue Konzertform als spirituelle „Tour d´imagination“ zu experimentieren. Hochspannend. Fabelhaft. Und jetzt wissen Sie auch, dass ich Wolfs- und Piano-Fan bin.

Tja, und nu steht kommenden Samstag, 9. Juni, ein drittes Konzert an. In den Flottmannhallen Herne: Christof Schläger – Abbauhammerkonzert. Es ist eine Hommage an den endgültigen Ausstieg aus der Kohle Ende 2018, Eintritt frei.

Die außergewöhnliche Symphonie bespielt das Rahmenprogramm von „Kunst & Kohle“, ist inspiriert vom Klangkosmos unter Tage, verbeugt sich vor der harten Arbeit des Bergmanns. Um 20 Uhr geht`s los. Jeder, der schon mal dabei war, - im Bottroper Josef Albers Museum etwa vor vierzehn Tagen - , ist überzeugt: So ein Konzert darf man einfach nicht verpassen. „Weil`s umwerfend einmalig ist.“ Oder haben Sie schon mal von Brausern, Woppern, Schwirrern, Federinen gehört, können sich vorstellen, dass druckluftbetriebene Abbbauhämmer aus dem Kohleflöz, - rot lackiert, kiloschwer-, konzertant sind? Ja wirklich, bei diesem Musikevent wird aus heißer Luft auratischer Klang.

Ratlos? Ich bin`s auch gewesen. Und aus dem Staunen nicht herausgekommen.

Aber gehen Sie mal auf YouTube. Ich schwör`s, da kriegen Sie einen ersten Eindruck davon, was dieser Klangkünstler mit der profunden Klavier- und Verfahrenstechnikausbildung ganz gegenteilig dazu so eigentlich macht. Irgendwo zwischen Computergesteuert und durch und durch mechanisch erzeugt, kreiert der Mann ein grandioses Geräusch-Gestalten-Orchester. Mal funktioniert das über räumliche Distanzen hinweg, wie bei den „Schwingungen“ während des Kulturhauptstadtjahres Ruhr 2010 am Rhein-Herne-Kanal, was so eine Art  akustisch-skulpturale Landart war. Mal konzentriert es sich an einem Ort, wie in Shanghai, wo eine Gruppe aus 64 Drucklufthörnern vor den hohen Glasfronten der Wolkenkratzer, ausgerichtet in die vier Himmelsrichtungen, Echos erzeugten, die sich kraftvoll vielfältigten: zur „musikalischen Kathedrale aus klingenden Wolkenkratzern“. Wow-Effekt. Klingt klasse, nicht klassisch. 

Aber natürlich war ich in Shanghai nicht dabei. Finde aber, dass klingende Beschreibungen Ohren aufgehen lassen.

Sein Atelier hat der mit seiner Frau und Künstlerkollegin Marjon Smit in den Niederlanden und Deutschland lebende, 1958 in Beuthen/Oberschlesien geborene Christof Schläger in der Maschinenhalle der ehemaligen Herner Zeche Teutoburgia, Schadebergstraße. Dort baut der Soundmagier seine Maschinenwesen als wundersame Hybriden zusammen. Klanginstrumente, Skulpturen sind sie zugleich, zischen, tuten, heulen, donnern, rattern, sirren, wummern, klapperrappeln. Und betören, was das Zeug hält, der Klang hergibt. 

Anderes, was mit Helix-Horn und Flatterbaum zur großen Industrie-Oper aufläuft, tönt minimalistisch, klingt aber famos anders als serielle Partituren à la Philip Glass. Die nämlich sind nicht lupenrein industriell inspiriert, Christof Schlägers Musikperformances aber schon. Als akustische Roadtrips durchs Maschinenzeitalter hab` ich sie abgespeichert, bin gespannt auf den aktuellen Soundtrack von unter Tage: Abbauhammerkonzert. Dort wo einst in den Flottmannhallen Herne die Bohrhämmer fürs Arbeiten am Flöz produziert wurden. 

Das Instrumentarium fürs Super-Special-Concert? Acht Pressluftabbauhämmer in Schweißgestellen mit Schalltrichtern, vier Abbauhämmer in Kesselblechen, vier Abbauhämmer in Stahlröhren, zwei pneumatische Hub-Zug-Motoren, zwei Prall-Bleche, zwei Förderkorb-Signalglocken, vier präparierte Druckluft-Töner, zwei elektrisch-pneumatische Steuerungen, eine Partitur-Maschine (Notebook) und eine Druckluftwasserpumpe. Drei waschechte Bergleute aus der Zentralwerkstatt Prosper Haniel der RAG AG helfen mit, das sperrige Orchester zu bedienen. Wenn das kein Erlebnis ist!

Alle Computer-verschalteten Instrument-Skulpturen sind Marke Christof Schläger, - herrlich plastisch, vertrackt findig im Outfit. Da kann klassisches Klavierspiel noch so komplex sein. Wer Rauscher, Quäker, Sirene & Co erfindet, ist anderswo unterwegs. „Das Klavier fand ich am Ende schlicht begrenzt. Wenn ich das jetzt betrachte, so stand Pythagoras vor mir, die Vorstellung von der Harmonie der Klänge, ihren Verhältnissen und so weiter. Das widersprach ursächlich einer ganz anderen Erfahrung, die ich mit meiner Umwelt gemacht habe. Diese Welt war eben voller Maschinen, voller Geräusche, ein Universum von Krach, von Lärm, bedrohlich natürlich, aber eben auch faszinierend.“

Fortan hörte der Soundkünstler hin. „Bei einem Nachtspaziergang am Kanal, wenn das Akustische durch die Dunkelheit intensiver wird, hörte ich ein beeindruckendes Wechselspiel von einem Schiffshorn und einem entfernten Güterzugsignal“ steht`s im hochinformativen Katalogbuch zitiert. Auch, dass Christof Schläger dem gemeinen Sauger Ideen abtrotzte: „Beim Staubsaugen des Bades kam ich mit dem Saugrohr zu nahe an den Duschvorhang. Die Rohröffnung saugte sich fest an der straff gespannten Folie und ein tief brummender Ton entstand.“ So einfach, so nachhaltig, so impressionant kann Tonkunst sein.

Was wohl die Herner Symphonie kommenden Samstag mit uns macht? Ohrenbetäubung, Ohrenbetörung durch Hammer-Sound? Fest steht: Es hämmert, - was der Hammer ist. 

 

Mehr von Christof Schläger.

Das "Abbauhammer Konzert" wird mit einem speziell präparierten Druckluft Instrumentarium gespielt: Sechzehn Abbauhämmer (acht davon mit Schalltrichtern), zwei HubZug Motoren, zwei Schlagschrauber, zwei Prallbleche, vier Kesselböden, vier Stempel, vier speziell gebaute Druckluft-Motorhörner, zwei Förderkorb Signalglocken. Gesteuert wird das Konzert von einer für diesen Zweck gebauten "Partiturmaschine", die der Künstler bedient. Während des Konzertes haben drei Bergmänner; Frank, Marc und Tobi ihre Einsätze, je am Nagelhammer, dem Schlagschrauber und der pneumatischen Wasserpumpe.  

Eine Aufführung dauert 20 Minuten.

Der Eintritt ist konstenlos.

Weiter Termine:

9 Juni 2018, 20:00 Flottmannhallen, Herne
21 Juni 2018, 19:00 Lehmbruck, Duisburg
23 Juni 2018, 15:30 Glaskasten, Marl
26 August 2018, 12:00 Kunsthalle, Recklinghausen
16 September 2018, 12:00 Kunstmuseum, Bochum

Es hämmert!