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15. Juni 2017 - von Claudia Posca

Es grünt so grün

Essen

Nur keine Panik! Ich will keinen zum Gärtnern bekehren. Obwohl. Das Museum Folkwang in Essen hat da eine gute Idee: „Vom Beet auf die Leinwand und zurück“. Das Sommer-Special 2017 ist speziell, macht Lust und Laune auf „Wellbeing“ im Museum. Wohlfühlen auf Ästhetisch? Streicheleinheiten für Sinne und Verstand? Schön, dass das längst musealer Alltag ist.

Mein Privatvergnügen in diesem Fall: Einmal im Leben Monets berühmten „Seerosenteich“ mit Gartenzwerg unterm Arm besuchen. Eine Vorstellung, herrlich-schräg. Selbst Böcklins „Flora, Blüten streuend“ nebenan im Ausstellungssaal dürfte staunen. Spontan-Visionen machen Spaß. Aber keine Sorge. Ich bin ohne Schäufelchen unterwegs gewesen.

Wir befinden uns im Jahr der „Grünen Hauptstadt Europas“, die Essen in diesem Jahr ist. Übrigens als erste Stadt der Montanindustrie überhaupt in der Geschichte des alle zwei Jahre seit 2010 verliehenen, europäischen „Green Capital“-Titels. Was das Revier weit über Essen hinaus ehrt.

Jaja, es grünt so grün an Emscher und Ruhr. Die Strukturwandel-Binsenweisheit ist vertrauter Konsens. Tut aber immer wieder gut, drauf hin zu weisen. Sorry, ich liebe alles, was kreucht und fleucht, was blüht und wächst. „Grünes“ im Museum ist mir da nur recht, im grünen Revier lebt es sich ausgesprochen wunderbar.

Und ein „Frühstück im Freien“? In einem eigens dafür angelegten Museumsgarten? Mit vorangehenden Führungen zu Gartenbildern von van Gogh bis Dérain, von Nolde bis Paul Thek zwischen Symbol, Expression und Plastikblume? Das Komplettprogramm organisiert vom berühmtesten Museum der Region?

Aber bitte doch, gern! Frische Ideen fürs Frischbleiben von Kunst und Mensch sind sympathisch.

Das Museum Folkwang ist gut darin. Weil die museale Überzeugung wirkt, die so gar nicht museal rüber kommt, dass eine kreative Kunstvermittlung im Sinne eines engagierten Sozial- und Bildungsauftrags handelt. Denn klar ist am Folkwang-Ort, der altnordisch „Fólkvangr“ heißt, was so viel wie „Volksfeld“ bedeutet, dass es ein gesellschaftliches Mandat gibt.

Heißt was?

Vor allem dies: Museen als öffentliche Institutionen müssen sich legitimieren, wollen sie ihren Bildungsauftrag erfüllen. Neben historischer Sammlung und Bewahrung, neben wissenschaftlicher Forschung und Lehre. Wer sonst als das Publikum sollte sie lieben?

Keine Frage: Zielgruppenorientierte Angebote sind richtig, wichtig, würdig, sie zu hegen und zu pflegen. Auch Geisteswissenschaften können Gärtnern.

Andere sind anderer Meinung. Der Kunstwissenschaftler und Buchautor Wolfgang Ullrich etwa. 2015 gab er in der „Zeit“ zu bedenken: „Stoppt die Banalisierung!“ Und fragt, „wie weit man mit dem Anwerben von Zielgruppen gehen kann.“

Übrigens habe ich dem Gartenzwerg auch lieber einen repräsentativen Platz in Nachbars großer Zipfelmützen-Sammlung versprochen. Nur, dass Sie sich keine Gedanken machen. Wegen der eingangs erwähnten Spontan-Vision.

Ansonsten aber sehen weder das Museum Folkwang noch die allermeisten Museen einen Widerspruch zwischen  „Wellbeing“ und wissenschaftlicher Arbeit: „Bildung und Vermittlung sind ein zentrales Anliegen des Museum Folkwang seit seiner Gründung durch Karl Ernst Osthaus im Jahr 1902. Der Umgang mit Werken der bildenden Kunst sollte vor allem junge Menschen dazu befähigen, ihr Leben kreativ und verantwortungsvoll selbst zu bestimmen. Diesen Gedanken formulierte Osthaus mit den Worten „Wandel durch Kultur, Kultur durch Wandel“ - ein Satz, der bis heute nichts von seiner Aktualität verloren hat“ steht`s unter www.museum-folkwang.de nachzulesen.

Vom Wort zur Tat: Peter Daners, Kurator für Bildung und Vermittlung, setzt das museumspädagogische Erbe am Folkwang um. Eine Vielzahl freier Mitarbeiter hilft mit. Zudem gibt es Gratis-Eintritt in die ständige Sammlung, dank einer großzügigen Förderung der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung.

Mehr Freundlichkeit fürs Publikum geht nicht. Und jetzt auch noch der „grüne Daumen“ in darstellender Kunst und praktischer Gärtnerei. Ich hänge definitiv am Folkwang-Köder eines köstlichen Flirts zwischen Kunst und Natur.

Also „ab ins Beet“, mit oder ohne Gartenzwerg? Was steckt hinter dem Sommer-Special vom Gartentraum auf dem Museumsparkett? Wohl kaum, dass die gleichnamige Doku-Fernseh-Soap jetzt im musealen Fahrwasser dreht. Aber man weiß ja nie.

Spannend auch die Nachfrage, ob ich wüsste, wer diese bepflanzte Hochbeet-Architektur-Landschaft auf der Wiese neben dem Folkwang Museum installiert hat?

„Soll das eine Performance mit Flora und Arte werden? Temporär? Performativ? Eine Kunstaktion im dauerhaften Entstehungszustand? Eine Anspielung auf den „hortus conclusus“ (lat. geschlossener Garten mit besonderer Rolle in der Mariensymbolik) oder auf den „hortus amoenus“ (lat. lieblicher Ort)? Welche KünstlerInnen stecken dahinter?“

Grinsen meinerseits: „Überhaupt kein Künstler zeichnet verantwortlich. Das ist weder eine Installation noch eine Performance noch ein symbolisch aufgeladenes Werk.“ Diesmal war das Wissen mit mir. „Es ist, was es ist und sonst gar nichts.“

Was aber viel ist, weil die bis Oktober 2017 jederzeit zugängliche „Beet-Landschaft“ an der Ecke Kahrstraße/Goethestraße als erlebnispädagogisches Highlight einlädt, sie zu gießen, die Schubkarre in die Hand zu nehmen. Sozusagen praktisch-empathische Tuchfühlung draußen zur Teilhabe an der Gartenkunst drinnen. Was natürlich mit keinem „echten“ Künstlergarten vergleichbar ist, wie ihn etwa Niki de Saint Phalle mit ihrem „Tarotgarten“ in der südlichen Toskana verwirklicht hat. Oder wie ihn Daniel Spoerri am Monte Amiata, ebenfalls in der Toskana, anlegte. Oder wie er als „Park Güell“ von Antoni Gaudì in Barcelona verwirklicht wurde, um nur ein paar große Gartenträume aufs Tableau zu heben.

Und ja, ich weiß, dass das Stricken solcher Assoziationsketten gewagt ist. Sie werden aber in den Fransen der Wirkungsgeschichte provoziert. Nur so grünt Kunstgeschichte.

Zugegeben aber: Das Folkwang-Grün im Beetkasten hat schlicht und ergreifend weniger Theorie im Sinn. Es duftet, es schmeckt, es sieht schön aus und kann eigenhändig gegärtelt werden. Ob Sie vielleicht Minze, Basilikum, Hortensien pflanzen möchten? Oder eine Staude? Wer Lust hat, bringt eigenes Kraut mit. Auf dass die tausendundeine Seelenverwandtschaft vom Gärtelchen im Beet und auf der Leinwand in Herz und Hirn kriecht. Nur zu: Die Schnittmenge herauszufinden, ist die Herausforderung.

Kunst-Frontal-Unterricht jedenfalls war gestern, „es grünt so grün“ auf Wiese und Malgrund ist heute.

Der aktuelle „Museumsgarten“-Flyer listet auf: „Im Jahr der Grünen Hauptstadt Europas - Essen 2017 entsteht hinter dem Museum Folkwang ein Garten mit verschiedenen Zier- und Nutzpflanzen. Angeregt von Garten- und Blumenbildern aus der Sammlung oder dem eigenen grünen Daumen sind alle eingeladen mit zu pflanzen, ein eigenes Beet zu gestalten oder einfach nur Zeit in der Sonne zu verbringen. Zahlreiche Veranstaltungen rund um das Thema Garten vom Freilichtmalen bis zum Ferienprogramm für Kinder, vom Frühstück im Freien bis zur Live-Licht-Show machen den neuen Garten zum idealen Sommertreffpunkt im Museumsviertel.“

Klar, dass ich mich, möglicher Unkenrufe à la Wolfgang Ullrich zum Trotz, angemeldet habe. Fürs „Frühstück im Freien“ am vergangenen Sonntag. Und fürs Gucken auf lichtleuchtendes Gelb-Getreide in van Goghs „Kornfeld mit Schnitter“, auf Josef Anton Kochs raffinierte Bild-Zweiteilung zwischen Gartenanlage und frühchristlicher Kirche „Santa Maria Maggiore in Rom“, auf Kirchners grün-bläuliche „Leuchtturm auf Fehmarn“-Impression mit Baum und Feldweg, auf Otto Dix ungewöhnliches Tochterportrait „Nelly in Blumen“ und auf die mystisch-symbolische Installation Paul Theks mit Birkenwald, Plastik-Lilien und Meditationskissen. Empfehlenswert, sich da mal drauf zu knien. Oder wie es eine Dame sagte: „Ich staune über die Details. Das ist ein interessanter Wechsel vom ersten Bild zu diesem hier.“

Vor und zurück also in der Botanik, rein und raus aus dem Museum. Der Spannungsbogen ist groß. Und grün. Klönen auf der Picknickdecke im Sonnenschein ist angesagt. Selbst Münsters soeben eröffnete Skulptur Projekte taugten, hin und her diskutiert, zur Gartenprofilierung.

Darüber hab` ich doch glatt vergessen, die Museumsgartenschüppe zu schwingen. Jetzt müssen Sie ran. Ab ins Beet! Aber keine Panik! Es grünt so grün, wenn Essens Blüten blühen.

Es grünt so grün