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23. März 2017 - von Claudia Posca

Erich Bödeker

Ruhrgebiet

Man muss ihn einfach lieben! Ich bin fremd gegangen. Gern sogar. Über Grenzen hinweg. Um wo zu landen? Man glaubt es kaum: beim lieb Vertrauten.

Jedenfalls: So war`s letzten Donnerstag, als ich „uns Erich“ hinterher reiste. Hinein ins Niederrheinisch-Neusser Revier, wo zumindest irgendwann einmal Rom am Rhein lag, bevor, - da schrieb man mittelalterliches Latein -, ein mächtig-prächtiges „Obertor“, heute verbandelt mit dem Clemens Sels Museum, das Süd-Portal im Stadtbefestigungsring stellte. So weit, so imposant die Historie umme Ecke.

Aus dem Pott aber kommt mächtig prächtig Eigenes: Naive Kunst von „Kumpel Bödeker“. Zum Verlieben! Anrührendes, das in Holz, Zement und Metall steckt. Gebaut hat`s der „Bergmann im Blaumann“ aus Recklinghausen. Jetzt sind Tier und Mensch von Erich Bödeker zu Gast in Neuss. Weshalb Fremdgehen im Nachbar-Revier Pflicht war. Gucken gehen, was die am Niederrhein zum Ruhri-Künstler erzählen.

Mit Frauen und materiellen Widrigkeiten habe Erich Bödeker gehadert. Woher die das wissen? Freund, Museumsmann und Künstlerkollege Thomas Grochowiak (1914-2012), selbst Urgestein aus dem Westen, hat es schmunzelnd notiert: „Die Brüste, aus dem schweren, nassen Beton modelliert, sackten langsam ab. Da kam ihm der Einfall, zu Unterstützung der Masse, Libby`s-Milchdosen in den Beton-Brustkorb einzumontieren, und darüber spachtelte oder modellierte er dann mit den Händen üppige, hochstehende Brüste, die nun hielten.“

Ich seh`s förmlich vor mir: ´Oben ohne` könnte auch der volkstümlichen „Dompteuse mit Tanzbär“ Ähnliches widerfahren sein. Was für Geschichten! Erich Bödekers Kunst ist alles, außer irdisch!

Weswegen ich gerne untreu wurde. Wer kann schon Bödekers beredtem „Brautpaar“ widerstehen? Sie: im langen Weißen, er: in Frack und Zylinder, beide Händchenhaltend auf Betonsockel, er: lächelnd, sie: ängstlich-zerknirscht. Da kriegt man Entzugserscheinungen, wenn das Naive auf Tour geht und nicht mehr im Ruhrland vor der Haustür fürs eigne Herz-Schmerz-Kapriolen-Kino Leben karikiert.

Tatsächlich ist es schon eine Weile her, dass ich sah, was „der Ringelnatz der Skulptur“ - von 1904 bis 1971 hat er gelebt - so zauberte. Zuletzt noch in Essens Folkwang Museum, 2015/16, im Rahmen der wunderbaren Schau „Die Schatten der Avantgarde“, wo Bödeker-Wesen ein bisschen ungehobelt, ein bisschen ruppig und irgendwie knuddel-knorzig auffielen.

Nicht gesehen? Es ging um „die großen Autodidakten im Spannungsfeld von Moderne und Gegenwart“. Zur Neukartierung Naiver Kunst hatte man den Bogen gespannt. Der Kunst-Laie Erich Bödeker war mit von der Partie. Neben Henri Rousseau, dem Godfather aller Naiven.

Vergangene Woche aber wollte ich ´meinen` Bödeker ganz für mich haben: seine Königsfamilie, seinen Gartenzwerg, den Klempner, den Koch, den Pfarrer, den Ziegenbock. Kurzum jenen herrlichen Mix aus „Hergottsschnitzerei, Giacometti und Galionsfigur“, wunderbar schräg, ein bisschen traurig. Bödeker-Kunst hat Melancholie.

Ganz allerdings hat es nicht geklappt. Fürs Rendezvous blieb nur, den zweiten Naiven im Neusser Boot, den Maler Josef Wittlich, ganz und gar ungehörig, einfach auszublenden. Pech gehabt! Doch wer nicht aus Ruhrland kommt…?

Ich aber hatte mein Date. Mit einem „der bedeutendsten naiven Bildhauer der Welt“, wie es die 1982 in Hannover gegründete „Erich-Bödeker-Gesellschaft für naive Kunst“ auf ihrer Internet-Seite schreibt. Glück gehabt!

Nur Hape Kerkeling, der hatte einst noch mehr Sahne. „Opa Bödeker“ war sein lieber Nachbar. „Ich bin dann mal weg“, Hapes Roman vom Jakobsweg, erzählt vom Nah-dran in Recklinghausen: „Seine Plastiken prägen das Bild meiner Geburtsstadt bis heute. Er gilt als der Botero des Ruhrgebiets. Habe mich immer gut mit ihm verstanden und durfte als Kind zwischen den märchenhaften Figuren spielen“ schwärmt es aus den Zeilen.

Hat der Kerkeling es gut gehabt! Dabei ist er sogar ein Jahr jünger als ich. Theoretisch also hätte auch ich zwischen echten Bödekers herum tollen können, hätte ich damals denn nicht in Hagen gewohnt.

Heute, na klar, wenn die Sehnsucht wächst, könnte ich die grandiose „Bergmannskapelle“ im ´Kunstbunker` Recklinghausen besuchen. Oder eben ins Clemens Sels Museum pilgern. Das nämlich hat Bödeker-Bestand im Fundus, einen besonders traumhaften Doppelkopf-Apfelschimmel im Kofferformat darunter. Oder -, was natürlich nur zur Überblickskomplettierung des reichen Bödeker-Schatzes im Revier dient: Ich könnte ins ferne Bönnigheim/Baden-Württemberg reisen, wo mit der Sammlung Zander die „weltweit größte und wichtigste“ Kollektion von Naiver Kunst und Art brut versammelt wurde. Achtundzwanzig (!) Bödekers sind dort beheimatet, seit neuestem auch eine hinreißend Langhalsige aus Bödekers hartem Streichelzoo.

Aber wozu in die Ferne schweifen? Bödekers liebt man vor der Haustür. Im Ruhrgebiet zählt der Laien-Künstler zur Kunst-Prominenz. ´Naiver` hin oder her. Oder vielleicht gerade deshalb?

Auf der Biennale in Venedig war des Bergmanns Kunst 2001 vertreten. 1979 hatte ihm das Kunstmagazin „art“ in seiner Erstausgabe elf Seiten Reportage gewidmet. Große Namen, wie Ernst Wilhelm Nay, Henry Moore, Emil Schumacher und Ferdinand Spindel sammelten die skurril-modernen Jedermann-Wesen. Des Authentischen wegen. Und weil niemand sonst so unverkrampft anpackte, was ´selbst ist der Mann` heißt.

Der wiederum wusste sich zu helfen. Wenn`s mal brenzlig wurde, „wenn ich bei Tieren den Bauch mache, dann bin ich heute schlau. Dann lege ich das Tier auf den Rücken und mache erst den Bauch. Und wenn das dann fest ist, dann drehe ich das Tier um.“ Punktum.

Bödeker machte Kunst, wie Bödeker sie konnte, unbelastet von Schulung und Theorie, frei aus der Seele heraus. Selbst Foto oder Postkarten als Bildvorlagen änderten nichts daran: Es kamen Bödeker-Originale heraus.

Studium? Akademiebesuch? Fehlanzeige!

Dass jeder Mensch ein Künstler ist? War für den Mann aus Recklinghausen so was von klar. Beim großen Joseph Beuys hat „Kumpel Bödeker“ Seelenverwandtschaft gewittert, ihm zu Ehren eine wunderbar schlanke Stelen-Figur im typischen Style geschnitzt. Großartig geguckt aber hat er auch andere: „Brigitte Bardot“ etwa. Ob er sie wirklich mochte? Eigenwillig schön ist sie ja, wie Bödeker sie, den Blaustrumpf das Spinnewibb-Bein hochziehend, portraitiert hat. Große große Klasse! Für so was geht man doch gern fremd, oder?

Die ihn hautnah kannten, sagen vom Pfundskerl mit den rissigen Händen, - Achtung: Zement ätzt! -, er sei ein Schalk gewesen. So richtig heftig kräftig fluchen habe er gekonnt. Ausgesprochen freundlich sei er zu denen gewesen, die er mochte: Hunde, Pferde, Ziegen, Elefanten, Bären, Giraffen, Kinder.

Drei Kinder hat er gehabt, zwei Mädels, einen Jungen, sie wohnten mit ihm und seiner Frau seit 1941 im geerbten Elternhaus, Bockholter Straße 269, in Recklinghausen.

1959 war`s vorbei mit dem Streb, Erich Bödeker erkrankte 55-jährig an Silikose. Jahrzehnte unter Tage, über dreißig Jahre, hatten ihm eine Staublunge gemacht. Vielleicht zum Trost schenkte man ihm Wichtel. Da war ´Schicht im Schacht`: angelnde Gartenzwerge? Erich Bödeker mochte sie nicht.

„Ich habe dann gefragt, wie teuer die Dinger sind. Da wurde mir gesagt, dass man einem geschenkten Gaul nicht ins Maul guckt. Ich bin es aber doch gewahr geworden. Ich habe gesagt, dass ich das besser mache. Und dann bin ich angefangen mit dem Hobby.“

Ab da ging`s los mit der tausend Mal „ehrlichen“ Kunst, so hoch wird der Bödeker-Werke-Bestand geschätzt. Seinen Recklinghäuser Garten bevölkerten hunderte Seltsam-Geschöpfe, die meisten guckten stoisch drein. Thomas Grochowiak entdeckte das ungekünstelte Völkchen beim Vorbeifahren. Zu den Ruhrfestspielen 1963 gab`s eine erste Schau im Revier. Die Nachfrage stieg, die Preise auch. Doch der Kumpel-Künstler blieb moderat. 1963 kostete ein Bödeker-Hund 35 Mark. Sieben Jahre später verkauften sich die Vierbeiner-Plastiken für 150 Mark. Wurde nach Fotovorlage gearbeitet, war ihm der künstlerische Zentimeter 1,15 Mark wert, die Plinthe zählte nicht mit.

Ach, ach. Wie gern hätte ich Tierisches aus Bödekers Wunderwelt der Tiere erstanden. Vorbei. Das legendäre Ende des großen Erich Bödeker schildert ein Freund: „Am Sonntag, 21.Februar 1971, ging Erich Bödeker in den Garten, um Petersilie zu holen. Wenig später sah Frau Bödeker aus dem Fenster und sah einen Körper auf dem Hof liegen. Der erste Gedanke war: Wen hat er denn da schon wieder gebaut? Da lag ihr Mann tot zwischen seinen Figuren.“

Genau so hatte es sich Erich Bödeker gewünscht: sterben draußen, bei seinen Geschöpfen. Auch dafür muss man ihn lieben.

Erich Bödeker