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28. August 2018 - von Claudia Posca

„Else“ auf „R1T8“

Bochum

Vermutlich ist Folgendes ziemlich wahrscheinlich: dass nämlich die meisten von uns sowieso und überhaupt schon immer ahnten, dass es nichts gibt, was es nicht gibt. Wollen Sie Verrücktes wissen? Aber Achtung: Vertrautes wird umdekoriert.

Wie? Geht so: In Bochum ist eine „Transall“ vom Himmel gefallen. Oder besser gesagt: Das in den 1960er Jahren entwickelte Luftwaffen-Transportflugzeug, eigentlich für militärische Einsätze geplant, dann aber bekannt geworden durch Hilfsflüge, „insbesondere in den 1970er und 1980er Jahren nach Afrika“, hat eine prächtig buchstäbliche Bruchlandung hingelegt. Passgenau dort, wo im letzten Jahr noch die nicht ganz stubenreine Großformat-Architektur „Domestikator“ des interdisziplinär arbeitenden, niederländischen Künstlerkollektivs „Atelier van Lieshout“ “ neben einer von manchen als „Arschbar“-Skulptur bezeichneten „Bar rectum“, - begehbar - , stand. 

Sie erinnern sich? Willkommen vor der Jahrhunderthalle Bochum. Noch bis zum 23. September ist „Triennale“-Zeit. Das seit 2002 im Revier etablierte, international renommierte Kunstfestival, - alljährlich sechs Wochen lang im August, September unter einer alle drei Jahre wechselnden, künstlerischen Leitung - , hat`s raus, wie man sich immer wieder neu erfindet. Für nicht nur Flugzeuge im Bauch, sondern auch für ganz Handfeste aufm Platz. 

„Zwischenzeit“ heißt heuer die Route. Theater, Tanz, Konzerte, Kunst, Mitmachaktionen, Diskussionen im urbanen Raum sollen, wollen, können Dinge verrücken.  

Zum Programm „R1T8“ (für Ruhrtriennale 2018) heißt es: „Noch nie haben wir so stark empfunden, dass sich innerhalb kurzer Zeit alle unsere Lebensumstände verändern werden. Flüchtende, vertriebene und migrierende Menschen durchziehen die Kontinente, werden ausgegrenzt, durch ewige bürokratische Prozesse am Leben gehindert. Verteilungskriege von unvorstellbarer Grausamkeit zerstören ganze Gesellschaften und Kulturen. Spätestens jetzt hat jede*r begriffen, dass die Forderung nach Beteiligung, Gleichheit und Freiheit keine Frage eines politischen Geschmacks ist, sondern eine Frage des zivilisierten Überlebens.“ (Stefanie Carp, Intendantin/Artistic director der Ruhrtriennale seit 2018 bis 2020)

Ergo ist das alte Festivalzentrum von vor einem Jahr passé, das neue zur „Triennale“-Saison 2018 akut präsent. „raumlaborberlin“ hat`s gemacht. Was acht ausgebildete Architekten im Künstlerkollektiv sind, die seit 1999 an der Schnittstelle von Architektur, Stadtplanung, Kunst und Intervention arbeiten. Stichwort: „Pionierfelder“. Auch „forschungsbasiertes Gestalten“ zählt dazu, „Aktionsbündnisse zwischen lokalen Akteuren und externen Spezialisten“. 

Das, was „raumlaborberlin“ experimentiert, baut um: Räume, Material, Erwartung, Gewohnheit, ist ortsspezifisch, temporär, offen strukturiert. Viel Esprit steckt drin. Für konfrontative Dialoge zwischen Kunst, Stadt, Land, Bürger, Politik und Kultur.

Ich sag` nur „Else“. 

Worüber Sie jetzt staunen. 

´Wie bitte was` habe` ich mich auch irritieren lassen. Worauf die drei Haupt-Macher von „raumlaborberlin“, Benjamin Förster-Baldenius, Marius Busch und Francesco Apuzzo, auf dem Presse-Meeting vor gut einer Woche erklärten: „Hier etwa sieht man im Cockpit diesen Schriftzug, den man nicht mehr sieht. Da stand „Else“. Der Name hängt jetzt im Militärmuseum der Bundeswehr.“

Es ist also wahr: Ich stehe ich in einem echten Militärflieger. Nicht unbedingt mein Wunschtraum. Aber so, wie`s um mich rum ausschaut, gefällt mir der Spacy-Space gut.

Die zur öffentlich und gratis begehbaren Veranstaltungsplattform umfunktionierte „Transall“-Maschine gibt ein abgedreht staunenswertes Forum, sponsored by innogy Stiftung. In veränderter Gestalt wird der Riesenflieger aktuell und kommend in 2019 und 2020 Offenheit und Veränderung spiegeln, in die Tat umsetzen. „Wir bauen ja noch weiter. Mit Ihnen zusammen, wenn Sie mögen. (…) Alles ist möglich. Es wird uns eine große Inspiration sein, was jetzt im ersten Jahr während der sechs Wochen an Ideen rein kommt. Denn noch wissen wir nicht, was wir hier anstellen werden. Klar, es wird eine Architektur, eine Installation geben. Aber wie schafft man eine Situation? Wie eine Intensität?“

Nächstes Jahr also könnte „Else“ als „Third Space“ vom anderen Stern vollkommen anders aussehen.

„raumlaborberlin“ arbeitetet dran. Nur keine Eventisierung des öffentlichen Raumes. „Mit Bratwurst und Bier und so. Ganze Industrien haben sich darauf spezialisiert. Die Ansätze hier sind anders: Was Menschen für Bedürfnisse im und für den öffentlichen Raum haben, darum geht`s. Was gibt es für Potentiale? Wie kann man sie erwecken?“

Auf der Internetseite von „raumlaborberlin“ (raumlabor.net) ist der programmatische Satz zu finden: „Architektur ist weniger als Objekt zu verstehen, als als Geschichte, die Teil der Geschichte des Ortes wird.“

 „Ach ja? Ach so? Und was soll`s?“ 

Nicht alle mögen die kühne Ver-rückung, tuscheln über „verquastes  Zeug“. Was klar ist, wenn man so handlich denkt, wie wikipedia formuliert: „Der Architekt (griechisch ἀρχιτέκτων architékton, deutsch: ´Oberster Handwerker`, ´Baukünstler`, ´Baumeister`, aus ἀρχή arché, deutsch ‚Anfang‘, ‚Ursprung‘, ‚Grundlage‘, ‚das Erste‘ und τέχνη téchne, deutsch ‚Kunst‘, ‚Handwerk‘) befasst sich mit der technischen, wirtschaftlichen, funktionalen und gestalterischen Planung und Errichtung oder Änderung von Gebäuden und Bauwerken vorwiegend des Hochbaues.“

„Else“ von „raumlaborberlin“ aber praktiziert Anderes. Statt Funktionsbau und Schmusekurs ist kritische Kollision angesagt: Architektur als Mit-Mach-Raum für Mitdenke: „Es gibt unzählige Geschichten, die an Flugzeugen dran hängen. Etwa die, dass es Leute gibt, die sich das Viel-Fliegen leisten können, während andere, die sich`s nicht leisten können, Schlauchboot fahren müssen. Zum Fliegen braucht man Papiere. Wenn man die nicht hat, kann man nicht fliegen, Schlauchbootfahren kann man ohne Papiere.“

„raumlaborberlin“ ist kabarettistisch entlarvend unterwegs: pointieren, klar stellen, aufklären, einladen, verändern. Jeden Freitag gibt`s eine Filmnacht, jeden Samstag performative Formate und Konzert. Im sonntäglichen Lesesalon im Bauch von „Else“ ist Gemeinschaftsschmökern angesagt. Und einen Stuhl-Bau-Workshop hat`s auch schon gegeben. Nur zu, gehen Sie mal hin. Das verrückte Flugzeug polt um.

Jedenfalls passt die Aero-Architektur zu Stefanie Carps Triennale-Motto „Zwischenzeit“, zu der sie auf WDR 5 sagte: „Naja ‚Zwischenzeit’ ist eigentlich ein Kunstbegriff. Der sich herausnimmt, sich vorzustellen, dass man jetzt noch einmal Zeit hätte, die Veränderungen aller Verhältnisse, die uns bevorstehen oder die schon begonnen haben, mitzugestalten. (…) Es gibt einen schönen Satz von Harald Welzer (dt. Soziologe und Sozialpsychologe): ‚Weiterbauen am zivilisatorischen Projekt. Das denke ich immer, wenn ich dieses Flugzeug von ‚raumlabor’ sehe’.“

Taffe transformierte „Transall“? Vorm Verschrotten gerettet?

„Es sind Leute vorbei gekommen, die haben ihre Biografie damit verknüpft, waren schon mal in der „Transall“.

Ob das Berliner Kollektiv den Flieger deswegen in Bochum landen ließen?

„Eigentlich muss man das den Bochumern nicht erklären. Sie wissen ja, dass sie keinen Flughafen haben. Aber wir interpretieren die Architektur der Jahrhunderthalle, die eine klare Typologie hat, die nicht die Typologie eines Theaters ist, sondern eher die eines Flughafens. (…) Ein Schiff wär` auch `ne Möglichkeit gewesen. Oder ein Raumschiff. Oder ein Satellit. Irgendetwas, das man wiederverwerten kann. Aber die Typologie hier hat für sich und für ein Flugzeug gesprochen. Und als dann irgendwann während der Findungsphase das Spielzeugmodell der Airforce vom Sohnemann ins Modell der Jahrhunderthalle reingestellt wurde, war klar: So etwas in der Art muss es sein.“

„Else“, - elastifizierend -, kam heraus. Ein „R1T8“-Kabinettstück.


Abbildung 1: © Ruhrtriennale 2018, Fotograf: Daniel Sadrowski

Links:

www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-scala-hintergrund/audio-ruhrtriennale-veraenderung-mitgestalten-100.html

www.ruhrtriennale.de/de/informatie/Third_Space_Festivalzentrum_Programm

 

„Else“ auf „R1T8“