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31. August 2017 - von Claudia Posca

Einmal im Leben

Ruhrgebiet

Angemeldet! Platz gekriegt! Ich war in der „Besucherschule“ von Bazon Brock. Na und? Nee, nix na und. Eher: doch, doch. Weil der Mann tolldreisten Gedankenschlenkerns Besonderes besonders beschert. Was immer ein Versprechen zur Elastifizierung des Hirns ist. „Ich bringe Menschen zum Parallelswingen“ hat der gelernte Dramaturg mal gesagt.

Ja, Bazon Brock versteht was von Synapsen-Wellness. Ein Jahrzehnt war er bis 1991 Professor für Ästhetik und Kulturvermittlung an der Universität Wuppertal, lehrte Metabolismus und andere alltägliche Transsubstantiationsvisionen „zur Schätzung der kleinen Dinge außerhalb ihres Nutzens“, knetete Gehirnwindungen durch.

Also auf zum „Lustmarsch durchs Theoriegelände“. Dafür ist Bazon Brock bekannt wie ein bunter Hund. Und der heißt eigentlich Jürgen Johannes Hermann, bekam aber von seinem Griechischlehrer den Namen Bazon, was im Altgriechischen  Schwätzer heißt. Der Mann trägst mit Fassung, hat einen Ehrennamen draus gemacht. Er selbst sieht sich als „Beweger“, als „Änderungsdenker“, ist Generalist. Manche nennen ihn einen „Geburtshelfer der Wahrheit“.

In Berlin-Kreuzberg, Oranienplatz 2, steht seine „Denkerei“. Seit 2011 leitet der Autor einer „Kritik der kabarettistischen Vernunft“ dieses „Amt für Arbeit an unlösbaren Problemen und Maßnahmen der hohen Hand“: „Walten wir also unseres Amtes, indem wir von der Euro-Krise oder der Endlagerungskrise bis zu den Sinnkrisen der Lebensführung jeweils zeigen, wie man angemessen Probleme bemeistern kann, anstatt sie mit immer höherem Einsatz aus der Welt schaffen zu wollen.“

Alles klar? Die Arbeitsgebiete in der „Denkerei“ werden von namhaften Wissenschaftlern beackert: U.a. betreut Peter Sloterdijk die Psychopolitik, Peter Weibel die Technotheologie, Wolfgang Ullrich forscht Konsum. Und Bazon Brock selbst lehrt Evidenzkritik/Müllkulte. „Zur heilenden Selbsterkenntnis führt das Einverständnis mit der je eigenen Beschränktheit in Wissen, Können und Haben.“ Wie wahr.

Letzten Sonntag, in der laufenden Erwin Wurm-Ausstellung, Duisburger Küppersmühle, gab sich Bazon Brock die Ehre. „Das ist die beste aller Wurm-Ausstellungen.“ ´Ever` hat er nicht gesagt, aber „aller Zeiten“.

Gemeint hat „der unmittelbare Nachfahre von Sokrates, des Denkers ohne Werk, der auf dem Marktplatz von Athen das Action-Teaching erfand“ (Kerstin Decker im Berliner Tagesspiegel), den größten Pullover des Reviers. Den nämlich hat Erwin Wurm ins Duisburger MKM schön grün an die Wand gestrickt. Ein 90 Meter bestrickendes Erlebnis. Rundumlaufend u.a. um einen skulptural aufgespannten Schlüpfer - „so ähnlich werden Astronauten angezogen“ - und einer pikant in den Raum vorstoßenden Hosenbeule unter einem Rumpf ohne Kopf. Wollen Sie noch mehr wissen?

„Hier sehen Sie, wie einer die Welt umarmt.“

Ich dagegen war gekommen, klar zu kriegen, wie der Alltagsästhetiker Brock, übrigens ein Lehrer des Künstlers Erwin Wurm und ein Gemeinsamherausgeber des „Profi-Bürger“-Buches mit „Handreichungen für die Ausbildung von Diplom-Bürgern, Diplom-Patienten, Diplom-Konsumenten, Diplom-Rezipienten und Diplom-Gläubigen“, diese Wurm-Kunst umarmt.
Das berühmte Brocksche Sparten-Hopping hautnah erleben, das Rede- und Denk-Performen über Grenzen hinweg genießen, die nicht und nix gelten für den Künstlerkollegen von Joseph Beuys - viele hatten an diesem sonnigen Sonntag viel Lust drauf. Einige hatten sogar das Neueste von Brock gelesen: „Theoreme. Er lebte, liebte, lehrte und starb. Was hat er sich dabei gedacht?“

Genau das will ich wissen. Meine Absicht: Einmal im Leben den Säulenheiligen sinnlicher Syntaxierungen zur grundsätzlichen Erschütterung bisheriger Denke erleben, live streamen, wie aus Worten Welten werden. Bazon Brock nennt das „romantisieren“. Schon des Wortes wegen, kann ich das nur liken, auch wenn Bazon Brock das Internet mal als „totalitär-faschistisches Weltlager der Zukunft“ bezeichnet hat, „der Gulag unserer Zeit“.

„Ich begrüße Sie als Vertreter der Menschheit!“

Meint er sich selbst, Sie, mich, die anderen? Egal. Aber wow, so angesprochen zu werden. Um mich rum jedenfalls stellte das die Gänsehaut hoch. Trotz leicht satirischer Modulation. Hübsch bauchgepinselt fühlte sich das Auditorium. Auch, wenn`s keiner zugab.

 „Vertreter der Menschheit“. Ja, wenn das so ist. Da wächst einem nicht nur förmlich Verantwortung zu. Oder?

Einst hatte sich der am 2. Juni 1936 im pommerschen Stolp geborene Bazon Brock um eine Aufnahme im Frankfurter Zoo bemüht. Kein Scherz, ganz ehrlich. Was abgelehnt wurde. „Brock legte Beschwerde ein: „Warum wird Bazon Brock, Beweger, nicht in den Städtischen Zoo aufgenommen, wie er es angeboten hat (Säugetier, aufrecht, in Freiheit geboren, denkend  - sehr selten)?“ steht`s im Berliner „Tagesspiegel“ vom 2. Juni 2016 von Brock über Brock nachzulesen. Nachdenkenswert.

Weshalb ich zusammen mit knapp hundert anderen Angemeldeten und einem guten Dutzend Interessierter, die nicht reserviert hatten und noch hofften, dass irgendein Angemeldeter nicht kam, gespannt der Dinge harrte, die da kamen.

Eine klassische Führung kam nicht. Stattdessen kehrte Esprit ein. Die „elektromagnetischen Wellen“, die Kosmologe Brock - „das Banalste des Alltags in den Zusammenhang der Welt einbringen“ - über unseren Köpfen fluidieren sah, allerdings konnte ich nicht wahrnehmen. Nur imaginieren.

„Nehmen Sie bitte einen Kopfhörer.“

Ich hasse Kopfhörer. Aber nun gut. „Sie werden sonst nichts hören.“ Ob der Mann, dessen wortgewaltiger Querdenkerei ich gekommen war, flüsterte?

Tat er nicht. Schade eigentlich, dass ich mir erst nach einer Stunde den Kopfhörer um den Hals hängte. Unvermitteltes Lauschen passte viel besser zur mäandernden Theorie opulenter Gedankenkapriolen. Wirklich grandios rollte Bazon Brock den Bollerwagen der Phantasie von einem Wurm-Raum zum nächsten. So, als sei`s das Normalste der Welt. Die alten Griechen saßen mit im Boot. Deren Mythologie auch. Und so erstaunliche Sätze wie: „Ohne metaphysischen Wert ist nichts was wert. Bitte nicht rentnern!“

 

Wie bitte, was bitte?

 

Gemeint hatte der Freund satirischer Entlarvung und memorierender Strategien, dass wir nicht allzu langsam sein sollten, um besser aktiv Optionen zu öffnen. Siehe Bazon Brock: „Nun, ich bin ein Achselhöhlenforscher“.

 

Wovon er wirklich überzeugte, ich aber außerstande bin, es zu erzählen. Zu köstlich ist das Parlando tollkühner Referenzschaltungen gewesen, zu phantastisch die Synapsen-Blitze, die sich im schönsten Feuerwerk eines Dialogs von Spiralnebel und Buchstabensuppe befeuerten. Andacht hing im Raum. Wurden wir gerade auf die Fährte gesetzt, keine Angst zu haben vorm „Verkörperungsprinzip“, vor Umwandlung, Horizonterweiterung, Metamorphose, Poetisierung?

 

Stricken, Stoff, Pullover? „So sieht heute das denkende Gestalten aus.“ Jede Masche ein Wurmloch? Hatte ich dafür genug Chaos in mir, „um einen tanzenden Stern gebären zu können“? Sie wissen schon, das berühmte Zitat stammt vom alten Nietzsche. Ist aber frisch wie der Frühling und beherzt wie Bazon Brock.

 

Unglaubliche 81 Jahre alt ist der Mann, der da als „Denker im Dienst“ (Brock über Brock) neunzig Minuten kerzengerade die Realität im Bild der Kunst dozierte, wie sie ansonsten eigentlich nur mehr noch im Kabarett anzutreffen sei.

 

„Wie man sich aus der Welt etwas macht“, „von der Fußspreizung bis zum Kämmen“ lautet Bazon Brocks Philosophie der Achtsamkeit zur Verlebendigung der Dinge. Dabei greift er zu Erwin Wurms Saugheber, der als Pömpel gegen Verstopfung bekannt ist, „ein Organ der Expression“, der „was hervorhebt?“

 

Eben. „Es ist nichts mehr vergeblich, nichts mehr umsonst. So viel für die Sonntagsmorgen-Predigt.“ Gerne wieder, Herr Brock.

Einmal im Leben