gefördert durch RAG Stiftung
Städtefilter:
  • Alle Städte
  • Alpen
  • Außerhalb vom Ruhrgebiet
  • Bergkamen
  • Bochum
  • Bottrop
  • Bönen
  • Castrop-Rauxel
  • Dinslaken
  • Dorsten
  • Dortmund
  • Duisburg
  • Essen
  • Fröndenberg
  • Gelsenkirchen
  • Gevelsberg
  • Gladbeck
  • Hagen
  • Hamm
  • Hamminkeln
  • Hattingen
  • Herdecke
  • Herne
  • Herten
  • Holzwickede
  • Hünxe
  • Kamen
  • Lünen
  • Marl
  • Moers
  • Mülheim an der Ruhr
  • Neukirchen-Vluyn
  • Oberhausen
  • Recklinghausen
  • Ruhrgebiet
  • Schwelm
  • Schwerte
  • Selm
  • Unna
  • Waltrop
  • Werne
  • Wesel
  • Witten
  • Xanten
Filter schließen

12. Februar 2015 - von Claudia Posca

Eine nicht alltägliche Begegnung

Bochum

Notiert steht in meinem Terminkalender: Kunstmuseum Bochum, 11 Uhr, neue Arbeiten von Kurt Rehm. Der Künstler lebt seit vielen Jahren in Mülheim, geboren wurde er 1929 in Duisburg.

Was die wenigsten wissen: Kurt Rehm ist ein echtes Urgestein der Region. Seine Spezialität sind filigrane Papiercollagen abstrakter Natur, auch kalligrafische Zeichnungen. Wer die tänzerischen Kleinformate einmal gesehen hat, vergisst so schnell nicht ihre scharfkantige Harmonie.

Zudem ist Kurt Rehm Schüler des legendären, einst an der Stuttgarter Akademie lehrenden Willi Baumeisters (1889-1955), Wegbereiter der abstrakten Kunst im Nachkriegsdeutschland und Autor des Buches „Das Unbekannte in der Kunst“ (1947 erstmals erschienen). Was zu erwähnen wichtig ist, Kurt Rehm, der seinen Lehrer schätzte, trug eine wunderbare Baumeister-Grafik-Sammlung zusammen.

Die wiederum hing bis 2004 bei ihm zu Hause an der Wand, bevor er Teile davon neben eigenen Bildern demKunstmuseum Bochum schenkte: „Kurt Rehm - Sein Werk und seine Willi-Baumeister-Sammlung“ hieß die damalige Ausstellung, ein schöner 2-bändiger Katalog erschien parallel zur Schau.

Jetzt geht es um sein Spätwerk. Die Presse-Info macht Lust aufs Gucken: „Märchenhaft wirken die farbigen Tempera-Kompositionen, die mitunter an ein skurriles Phantasiereich oder an persische Miniaturen erinnern… ein Wechsel zwischen Konstruktion und Inspiration... In sechs Jahrzehnten hat Rehm in weitgehender Zurückgezogenheit ein Werk von einer in der Kunstwelt heute selten an zutreffenden stilistischen Homogenität geschaffen… fernab von einem vielfältigen Kunstpluralismus.“

Wenn das mal nicht Kunstgeschichte pur, aber zum ´Anfassen` ist! Gespannt bin ich schon deshalb, weil ich die Rehm-Kunst (ein bisschen) kenne, den dahinter steckenden Künstler aber nicht. Wie wird er sein? Wie wird es sein, einer „lebenden Kunstgeschichte“ gegenüber zu sitzen? Passen Autor und Werk zusammen?

Ich krame im imaginären Museum. Und erinnere mich vor allem an die fein ziselierten Scherenschnitte Kurt Rehms, lichtleuchtende Papierreliefs mit akkurat aufgeklebten Formarchitekturen von konzentrierter Reduktion, bisweilen auf der Grenze zum Graphik-Design balancierend. Und dass Kurt Rehm seit vielen Jahren als Mitglied in der Arbeits- und Ausstellungsgemeinschaft Mülheimer Künstler und Künstlerinnen engagiert ist. 700 Bleistiftzeichnungen sowie 39 farbige Papierschnitte schenkte er 2011 dem Kunstmuseum Mülheim.

Inzwischen ist Kurt Rehm 85 Jahre alt. Was ihn weder daran hinderte, zur Bochumer PK zu kommen, noch uns Rede und Antwort zu stehen. Sein Alter? Man merkt es nicht. Bewundernswert.

Jetzt sitze ich neben diesem Menschen, der die Kunstgeschichte besser kennt als ich. Von kleiner Statur, ist Kurt Rehms Präsenz groß. Ich stelle mir vor, wie er, während er Kunst macht, auf dem Boden sitzt, ganz nach japanischer Art, die ihm in Fleisch und Blut übergegangen zu sein scheint.

Haben Sie neben Ihren Tusche-, Tempera-, Aquarellzeichnungen und den Scherenschnitten auch in Öl gemalt?

„Ich habe nie Öl-Bilder gemacht, aber immer schon mit der Schere gearbeitet. Viele fragen mich nach dem Cutter-Messer. 

Aber: Nein, bloß kein Messer! Ich arbeite mit der Nagelschere.“

Worauf sollte man bei Ihren Arbeiten besonders achten?

„Die Negativräume in meinen Bildern spielen eine große Rolle.“

Weshalb gibt es in vielen Ihrer Bilder eine innere Rahmung?

„Dann atmen die Bilder! Und manchmal bin ich auch zu weit an die Bildgrenzen herangegangen.“

Viele empfinden Ihre Bilder als sehr musikalisch.

„Ja, Musik liebe ich. Gustav Mahler, moderne Musik. Und Strawinsky natürlich. Japanische Musik kann ich stundenlang hören. Musik läuft immer, aber ich drücke keine Musik visuell aus.“

Welche Künstler gefallen Ihnen?

„Léger mag ich gar nicht. Modigliani sehr. Und Paul Klee.“

Im Alter von sieben Jahren sind Sie mit Ihren Eltern für zweieinhalb Jahre nach Japan in die Nähe von Tokio gegangen,  1939 kehrten Sie nach Duisburg zurück. Würden Sie gerne noch einmal nach Japan fliegen?

„Zunächst einmal: Ich steige nicht ins Flugzeug, bin immer mit dem Schiff gereist. Und dann: Ich würde, glaub` ich, sehr enttäuscht sein, weil sich viel verändert hat.“

Kurt Rehm macht keine großen Worte. So viel Schönschrift in seiner Kunst steckt, so minimalistisch ist der Autor. Mir fällt auf: Kurt Rehm hat, was man ein ruhendes Auge nennt. Intensiv guckt er einem beim Reden zu. Die Gelassenheit dabei fasziniert. Dieser Mann ist seinen Weg gegangen. Wie dieser aussah?

„Meiner war manchmal etwas seltsam.“

Auf meinem Weg nach Hause wird mir klar: Kurt Rehm ist nicht nur lebendige Kunstgeschichte, sondern ein Haiku aus dem Ruhrgebiet.

Eine nicht alltägliche Begegnung