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28. November 2018 - von Claudia Posca

Eine Ahnung nur

Gladbeck

Vor ein paar Tagen ist es passiert: Die Wortlosigkeit kam über mich, das Armageddon der schreibenden Zunft. Stellen Sie sich das vor: Sie müssen, sollen, wollen berichten, aber kein Wort weit und breit, das die Sache trifft. Obwohl es zwar Ahnungen noch und nöcher gibt, das ja. Aber sonst?

Nichts scheint passend, kein Satz gefällt. Novemberstimmung. Und natürlich passiert sowas im ungünstigsten aller Augenblicke. In diesem Fall bei einer Künstlerin, die als eine der wichtigsten der Gegenwart gilt, in den großen Museen der Welt ausstellt, vielfach preisprämiert ist, heute in Berlin und Köln lebt und derzeit in der Neuen Galerie Gladbeck Bilder, Papierarbeiten und Plastiken zeigt. Wer`s ist, verrate ich gleich. Denn Sie haben vermutlich gerade `Na und?!` gedacht und mit den Schultern gezuckt. Weil schließlich noch jedem im Leben schon einmal der Text ausging, vorzugsweise, wenn`s drauf ankam. Blackout und basta. Davon geht die Welt nicht unter. Nein, das haben Sie nicht gedacht? Dann habe ich es selbst übernommen. Und kann Ihnen versichern: Das war kein schwarzes Loch, worein Dinge verschwinden, Sätze, die jetzt fehlen. Nein, es waren Bilder, die Worte auflösen.

Kunstwerk von Leiko Ikemura, Foto: © Claudia Posca Aber keine Panik. Eigentlich sind`s keine grausamen Vertreter ihrer Art, die in Gladbeck so bildmächtig auftreten. Nur mit dem Vertexten hadern sie. Weshalb sie flugs bannen, was als Ahnung auf der Zunge liegt - vis-a-vis von Fee- und Märchenwesen, von Wurzelfrau und Hybrid, die ein schemenhaftes Traumreich auf dem Bildgrund geben. Dafür bloß keine Fest-Rede! Weg mit der Fixierung! Es lebe die Symbiose, der Übergang, die Transfiguration – so das Motto dieser Kunst.

Was also blieb zu tun? Vornehmlich mal das: Staunen, und zwar stumm. Das Flüstern hatten ja schon die Bilder übernommen, buchstäblich im Bilde darüber, was es zu einer Welt im Fluss zu sagen gibt. Beispielsweise über große Landschaftspanoramen, wo Hügel und Berge, Wasser, Bäume und Kreaturen drin und drauf sitzen, wo Mensch und Magie uns zum Bilde zusammenkommen. Das Resultat: Ist ein verwobener Kosmos, weich gemalt in erdig-warmen Tönen mit einem Hauch asiatischen Flairs, - eine Poesie in Bildern. Markant, eigen.

Ja, Sie haben richtig gelesen. Die Rede ist von beredten Bildern, die stumm machen. Auf dass man ihnen alle Sinne widmet, weil alles Tendenz ist. Hin zu Aura, Eros und Thanatos, hin zu Identität und Nicht-Identität. Der Entwurf ist nomadisch, fühlt umfassend und denkt flüssig in einer losen Welt, wo der Wandel das einzig Beständige ist: eine Ewigkeitsgrenzverschiebung. In der Tat sind das Schwellenbilder, verortet im Flanieren zwischen den Welten fernöstlicher und europäischer Tradition.

Meine Vermutung: Diese Bilder setzen mich stumm, weil die Phänomene darauf unfassbar sind, nicht wirklich erzählerisch, kaum übersetzbar, von poetischem Wesen. Wollte man ihren Tonus bestimmen, wäre er metamorphischer, sinnlich-fluider, melancholischer Struktur, ein Etwas zwischen den Zeilen, dazu buchstäblich tiefgründig eingemalt in die grobe Juteleinwand, während die Bildmotive in verschwebenden Farben siedeln, sich im Auflösen und Werden zeigen und unterdessen Landschaft und Figuration mit Blick auf einen fernen Emil Nolde (1867-1956), auf einen ebenso fernen Odilon Redon (1840-1916) oder Edvard Munch (1863-1944) und auf die noch ferneren Alten Meister Japans, Chinas oder Koreas zusammenkommen.

Merken Sie`s? Das ist beschreibend. Bestenfalls ist es ein Umschreiben einer zweifellos fabelhaften Bildlichkeit, darin Mensch und Tier und Natur zur elementaren „Female Genesis“ verschmelzen, was übrigens den Ausstellungstitel gibt. Jene Frage steckt drin, ob diese Schöpfung nicht ausdrücklich den Spieß umdreht, um Mutter Erde und allen Urmüttern und Evas dieser Welt zu huldigen: Tschüss Adam. 

„Jetzt sag schon, - wer hat solche Schwellen-Bilder erfunden, die Herz über Kopf setzen, oder besser gesagt, die die Spiritualität fördern? Kunstwerk von Leiko Ikemura, Foto: © Claudia Posca

Gut erkannt. Tatsächlich hat die japanisch-schweizerische Künstlerin Leiko Ikemura ein großes Interesse daran, mit ihrer Kunst gegen die „meanings“, also gegen feststehende Bedeutungen, anzuarbeiten. Aus diesem Grund gibt`s in den Gladbecker Tempera/Öl-Bildern weder scharf umrissene Details noch trennende Konturlinien. In einem Ateliergespräch hat die 1951 in Tsu (Mie) geborene, nach Spanien und in die Schweiz, später nach Deutschland übersiedelte Leiko Ikemura mal gesagt: „Wir agieren dauernd mit Bedeutungen und ich möchte viel distanzierter damit umgehen. Ich glaube, jede Bedeutung hat einen anderen Subkontext und Subtext. Menschen, Tiere und Pflanzen, das sind drei Kategorien, bei denen es im westlichen Denken eine gewisse Hierarchie gibt. Alle Künstler, die ich schätze, haben genau diese Hierarchie eingerissen. Was die Energie dieser Lebewesen angeht – ob es eine weibliche Figur ist, ein Tierkadaver oder Obst – sie haben eine gewisse Äquivalenz. In meinem Fall ist es nicht unbedingt ein Nebeneinander der Dinge, sondern mich interessiert diese Hybridität. In jedem Menschen sehe ich einen Baum, einen Löwen oder Pinguin oder anderes. Das ist nicht einfach hineinprojiziert, sondern ich erkenne sie. Ich erkenne diese „Pinguinität“ in einem Menschen. Ich spüre sie, ich empfinde sie.“ (https://www.spiegelberger-stiftung.de/ateliergesprache/leiko-ikemura/)

Kunstwerk von Leiko Ikemura, Foto: © Claudia Posca „Pinguinität“. Das ist nah dran an dem, was mir angesichts der Gladbecker Bilder die Sprache verschlägt, weil es statt FaktenSeele hat, so wie die Malerei von Leiko Ikemura packt: ein Selbst-so-Sein, das sich finden, aber nicht suchen lässt, das trotz Traumgesicht und mystischem Plot von wärmender Gelassenheit ist, keinem Story-Telling, keinem fröhlichen Clash der Kulturen frönt, Haltung besitzt. 

Es ist eine Ahnung, vielleicht ein Haiku wie dieses: 

 

Die Eintagsfliege

Ist für ein bisschen Welt nur

Geboren worden.

(Kenkabô)

 

Wie gesagt: Eine Ahnung nur.

Eine Ahnung nur