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7. August 2015 - von Armin Seltz

Ein Kunstspaziergang in Essen

Essen

Es ist Donnerstagmorgen im kunstgebiet.ruhr, 10 Uhr, blauer Himmel, die Sonne scheint über dem Ruhrgebiet und der Tag verspricht sommerlich zu werden. Was macht man an so einem schönen Tag? Für einen Museumsbesuch ist die Sonne einfach zu verlockend. Aber Kunstgucken wäre trotzdem schön.

Also macht sich die kgr-Redaktion auf den Weg, um einen Ausflug zu machen, um Kunst Outdoor zu entdecken. Und zwar in Essen. Wir haben uns ein kleines Gebiet zwischen Folkwang Museum, dem Essener Stadtgarten und dem Moltkeplatz gesteckt. Luftlinie knapp 1,39 Kilometer voneinander entfernt. Mal schauen, was sich hier alles entdecken lässt. Startpunkt ist das Folkwang Museum.

Das erste Kunstwerk ist in Sicht: Vier Corten-Stahlplatten stehen auf der Wiese vor dem Museumsbau. Es fordert uns regelrecht auf, es aus der Nähe zu betrachten und es zu umrunden, um herauszufinden wie es aufgebaut ist. Die vier schweren Corten-Stahlplatten scheinen sich gegenseitig ohne jegliche Stütze in einem Gleichgewicht zu halten. Trotz der Schwere des Materials scheint die Konstruktion fragil. Der Künstler ist der international bekannte amerikanische Bildhauer Richard Serra, der diese Arbeit Inverted House of Cards nannte. Es erinnert wirklich an ein auf dem Kopf stehendes Kartenhaus. In vielen seiner Arbeiten spielt er mit den Momenten von Stabilität und Instabilität, Schwere und Leichtigkeit. Serra hat einige Spuren im Ruhrgebiet hinterlassen: Weitere Arbeiten stehen in Duisburg, Bochum und Marl. Wir entdecken noch eine Skulptur von Ulrich Rückriem. Wir laufen weiter und biegen rechts um das Museum. Ein paar Meter weiter ist schon das nächste Kunstwerk: Auf der abschüssigen Rasenfläche glänzen die Schiffsketten von dem im Bochum geborenen Künstler Friedrich Gräsel. Seit 1985 ist die Edelstahlplastik dort aufgestellt. Gräsel, der in vielen seiner Arbeiten industriell vorgefertigte Industrieformen verwendete, erläutert  in einem Gespräch mit Friedrich Salzmann zu seinem Vorgehen: „Ich bin sicher, daß wir heute parallel zur Industrie auch eine ästhetische Produktion betreiben müssen, und zwar in dem Umfang, daß ein spürbares Maß an zweckfreien ästhetischen Dingen den Massen der Produktion und den Riesenmaßen zweckgebundener Umweltformen entgegen steht. – Und das ist paradoxerweise nur möglich mit Hilfe oder unter Benutzung industrieller Fertigungsmethoden.“ (Friedrich Gräsel zit. nach: Uwe Rüth in: Anja Zierbarth [Hrsg.]: 2007. S. 38.).

Wir laufen vorbei an dem Trecker des Künstlers Ludger Gerdes und überqueren die Fußgängerbrücke und landen in einem kleinen Grünstück am Glückaufhaus und stoßen dort auf den „Umraum“ von Timm Ulrichs. Der Umraum besteht aus zehn Betonstelen, die jeweils zu zweit gestaffelt auf einer quadratischen Grundfläche angeordnet sind. Jedes Betonelement wird oben von einem Buchstaben bekrönt. Geht man weiter um die Arbeit herum, dann wird nach einer Weile das Wort „Umraum“ lesbar. Die inhaltliche Dimension des Wortes Umraum wird so von Ulrichs räumlich umgesetzt und im Begehen erfahrbar.

Weiter geht es und wir biegen links auf die Rü. Während wir an der Ampel stehen und die vielen Autos an uns vorbei rasen, blicken wir auf die Dynamik von Ladis Schwartz. Im Stadtpark erwartet uns nicht nur wohltuender Schatten, sondern auch noch fantastische Kunstwerke: Max Bills „Unendliche Schleife“, die Fee von Wilhelm Nida-Rümelin, das „Cello“ von Stephan Huber, die begehbare Arbeit „Fünf Finger einer Hand, fünf Wände zum Pentagramm“ von Klaus Simon, Wolfgang Liesens „Platz für einen frei sprechenden oder rezitierenden  Menschen“ und die Erdmäuler von Guido Hoffmann-Flick.

Uns ziehen direkt Thomas Schüttes „Ganz große Geister“ in den Bann, die eigenwillige Gruppe steht vor der Philharmonie. Ihre wulstigen Körper und ihre verschrobenen Körperhaltungen lassen uns mit einer fröhlichen Stimmung weiterziehen. Vorbei an den Skulpturen von Ulrich Rückriem, der Ende der 80er-Jahre ein ganzes Ensemble von Skulpturenzusammengestellt hat.

Die Sonne bruzzelt gnadenlos auf unsere Köpfe und wir schleppen uns 1,3 km lang durch die Straßenwüste Essens und erblicken dann endlich den Moltkeplatz, der uns wie eine Oase mitten in der Stadt erscheint. Durch den Essener Galeristen Jochen Küpper in Zusammenarbeit mit Uwe Rüth entstand von Anfang der 1980er-Jahre bis 1994 ein ganzes Ensemble von Skulpturen. Dank des Vereins Kunst am Moltkeplatz, der von Anwohner gegründet wurde, können wir tollen Arbeiten noch an diesem Standort erleben.

Zwischen den Schatten spendenden Platanen steht das „Denkmal“ von Gloria Friedmann: In eine sechs Meter hohe rote Betonwand ist ein abgestorbener Baum eingelassen. Die Äste durchziehen die Betonwand wie Adern. Spinnen haben ihre Netze an den Verästelungen gesponnen. Dadurch wirkt der Baum noch lebloser. Mitten zwischen den noch lebenden Artgenossen wird hier dem Skelett eines Baumes ein Denkmal gesetzt. Es stimmt uns nachdenklich.

Friedrich Gräsel begegnet uns dieses Mal mit seinen typischen Röhrenformen: Das Hannover Tor. Weitere Arbeiten, die wir auf am Moltkeplatz sehen: „Eine echte falsche Geschichte“ von Hannes Forster, „Lebensgröße“ von Heinz Breloh, „Ein Stand“ von Lutz Fritsch, „Paarweise“ von Ansgar Nierhoff und eine weitere Arbeit von Ulrich Rückriem.

Intensiv war unser Kunstausflug. Und schön war es. Auf 1,6 gelaufenen Kilometern sind uns über zwanzig Kunstwerke und die unterschiedlichsten bildhauerischen Positionen begegnet. Und es gibt noch so viel mehr in Essen zu entdecken. Und nicht nur allein in Essen: Bochum, Dortmund, Duisburg, Oberhausen, Mülheim, Marl ....und die schönen anderen Städte des Ruhrgebiets!

 

Für alle, die diesen Spaziergang einmal selbst machen wollen, haben wir ihn auch als Route zusammengestellt: http://www.kunstgebiet.ruhr/kunstrouten/kunstspaziergang-essen/

Ein Kunstspaziergang in Essen