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21. September 2017 - von Claudia Posca

Ein Hoch auf uns!

Duisburg

Aber ja doch, gern. Bei so viel Freude pur. Nur - wer lässt da wen hochleben? Und weshalb, warum, wieso, wozu?

Die Geschichte hat eine Geschichte. In gewisser Weise hängt sie mit einer Art Erbfolge zusammen. Was an einem strahlenden Augustwochenende in Duisburg gefeiert wurde, rund ums Lehmbruck Museum, drinnen und draußen: „Ein Hoch auf uns! 30 Jahre Kunstvermittlung“.

Klar, dass man da zurück voraus in die Zukunft guckte. Mit Ehemaligen und Aktiven, mit einem Publikum, das Alt und Jung ganz family-like versammelte. Für Talkrunde, Workshop und Spaß-Ausstellung, für Open-Air-Konzert, Fingerfood und - ja, doch auch, fürs Chillen auf dem Liegestuhl.

Letzteren tatsächlich gab es nicht zu knapp. Wer flink genug war, schnappte sich einen. Deckchair-Liegen am Haupteingang, Sonnenbaden musisch-museal. Dazu jede Menge Volk, viel Kinderlachen. Fast nostalgisch ist`s gewesen. Und ganz und gar analog. Ehrlich, sogar mein Handy blieb stumm. Genuss pur, kein von A-bis Z-Takten.

Aber vielleicht waren auch Sie vor Ort, um herrlich relaxt dem tollkühn tönenden „Mobile Musik Museum“ des Hamburger Klang-Kunstpädagogen Michael Bradke beizuwohnen. Was - derart interaktiv -  gar nicht einfach zu bedienen war. Schon mal in einem H2O-Orchester mitgespielt? Ein Geräusch-Werkzeug bedient? Auf Giganten-Instrumenten geklimpert?

Eben, ich auch nicht. Gut, dass die Kids es konnten. Ein Riesen-Spaß. Michael Bradke weiß, was Kiddies klasse finden. 2000 erhielt er den Deutschen Kinderkulturpreis. Der Mann ist bekannt für ´mach mit` und ´klingende Zahlen`. Und natürlich für die Kunst seiner Riesen-Instrument-Skulpturen.

Unabhängig aber von Klang-Giganten-Werken und Ooohm-Liegeliegen an der Porta museale war tags zuvor schon kalendernotiert: Da musst Du hin, das Duisburger Lehmbruck-Haus/Zentrum Internationale Skulptur feiert zu recht. Denn was viele wenig wissen: Die Kunstvermittlung dort ist im Revier so etwas wie die Wiege fürs zielgruppenorientierte Kunstvermitteln.

Wie man mit dem Werkzeug des eigenen Ich modelliert, um der Kunst nahe zu kommen, im Lehmbruck probiert man viele Wege aus, wie`s gehen kann. Professionelle Führungen, kunsthistorisch profunde Projekte, wissenschaftliche Evaluierung einerseits, vor allem aber sinnliche Erlebnisse ermöglichen sind das Ziel: Staunen erwünscht, Gedankenspiele erlaubt.

„Genauso. Es geht darum, dem Publikum Ängste zu nehmen, Hemmschwellen abzubauen, Zutrauen möglich zu machen“ wird mir später eine Grundfeste der Duisburger Museumspädagogik erläutert. 

Wozu der schöne Satz passt: Die Seele kann man nicht anfassen, aber berühren.

Außerdem erfahre ich an diesem Tag: Kunstpädagogik heute heißt Kunstvermittlung. „Es geht in die Richtung, dass ein Kunstwerk etwas aufschließt, so dass der Kunstbetrachtende an sein eigenes Potential anschließen kann.“

Hatte ich nicht neulich etwas Ähnliches gelesen?: „Dem Kind, das nicht spielt, dem erwachsenen Kind, ist daher zu misstrauen, denn es trägt den antipoetischen Keim der extremen Rationalität in sich.“ Hat Charles Baudelaire 1853 in seinem Werk „La morale du joujou“ geschrieben. Der Satz war 2005 der museumspädagogischen Ausstellung „Spielräume“ im Lehmbruck Museum als Motto vorangestellt.

Ich sitze mit Sybille Kastner und Claudia Thümler für ein Kurzgespräch zusammen. Die beiden sind eine kleine gefühlte Ewigkeit schon Kunstvermittlerinnen am Lehmbruck. Was sie tun hat viel mit partizipativen Kompetenzerlebnissen zu tun. „Kunst ist für alle da!“

Ob ich das richtig verstanden habe? Dass es die Kunstvermittlung heute für ausgesprochen bedeutend hält, die individuelle Sinn- und Sinneserfahrung - oft ja als ´bloß subjektiv` verpönt - zu stärken? Im Dialog mit sich und dem Anderen? Was ein Fein-Tuning in Sachen Wahrnehmung ist: Augen schärfen, Fragen ermöglichen, Antworten diskutieren? Für den lockeren, aber selbst-bewussten Einstieg in die Welt von Kunst und Ästhetik jenseits einer Scheu, sich zu äußern?

„Ja, da hat sich viel verändert. Weg von hierarchischer Wissensvermittlung. Unsere Ausstellungen sind immer Angebote, von denen wir als Vermittler mindestens genauso profitieren wie das Publikum. Denn die Erfahrungen, die wir machen, übernehmen wir wieder in unsere Vermittlungsarbeit. Das wurde früher noch nicht einmal ansatzweise gedacht. Da lief die Wissensvermittlung vom Sender zum Empfänger. Das Konzept: Man gibt dem Bürger Wissen mit. Wir dagegen reagieren darauf, welche Entwicklungen es gibt und erstellen dafür entsprechende Angebote. Was man eine anlassorientierte Kunstvermittlung aus dem Leben heraus nennen könnte. So wie das Demenzprojekt, wo die Gesellschaftsentwicklung das Angebot formte.“

Sozialdienst Kunstvermittlung?

„Wir würden das eher eine besucherorientierte Arbeit nennen.“

Ja, und wo bleibt jenes Publikum, das nach wie vor klassisch-kunsthistorisches Wissen von einer Führung erwartet?

„Auch das ist legitim. Dieser Zielgruppe Wissen vorzuenthalten ist nicht korrekt. Es ist die Kunst der Kunstvermittlung, sich nicht zu eng zu fassen, nicht zu bestimmen, was gut oder richtig ist.“

Allmählich entwickelt sich mein Feeling dafür, dass moderne Kunstvermittlung ergebnisoffen funktioniert. Statt Fakten-Briefing steht ästhetische Kompetenzentwicklung auf dem Programm. Die Tools dafür? Sind Teilhabe, Austausch, Prozess, Kommunikation, Konzentration -  alles irre wichtig als Gegenpol und Navigationskorrektiv im Hexenkessel digitaler Bilderfluten.

„Ein Hoch auf uns“? Aber ja, doch. Und zu recht. Da kann der Kunstwissenschaftler und Buchautor Wolfgang Ullrich ruhig grundgrummeln „wie weit man mit dem Anwerben von Zielgruppen gehen kann.“

Europaweit ist die Duisburger Kunstvermittlung bekannt für ihr großartiges Schulungs-, Lehr- und Führungsangebot zur Qualifizierung von Kunstvermittlern vor allem im Bereich „Kunst für Demenzpatienten“.

Noch in den 1980er Jahren konnte man von solcher Spezialisierung nur träumen. Planstellen für Kunstvermittler? Fehlanzeige. Und ein Giganten-Orchester à la Michael Bradke hätte es auf einer Jubiläumsfeier anno dazumal auch nicht gegeben.

Anders in Duisburg. Hier wurde und wird die Kunstvermittlung konstant von der Peter-Klöckner-Stiftung  gefördert. Sie auch ermöglichte Mitte der 1980er Jahre durch eine großzügige Anschubfinanzierung eine erste Planstelle Museumspädagogik am Lehmbruck. Wegweisend. Bahnbrechend.

Ob es auch deshalb damals so unkompliziert war, ´meinen` Giacometti für ein Referat an der Ruhr-Uni aus dem Depot herausgeholt zu bekommen? „La forêt (Der Wald)“ exklusiv für mich? Unvergesslich.

So, wie unvergessen der Name Cornelia Brüninghaus-Knubel für Kunstvermittlung ´made im Lehmbruck` steht. Die Grande Dame der Museumspädagogik im Revier war am 27.August zur Talkrunde via Videobotschaft zugeschaltet. Was sie in dem lesenswerten Büchlein „… wie haben Sie denn das gemacht - Museumspädagogik an Kunstmuseen in Duisburg und NRW“ einst notierte, funkelt: „Ein Museumspädagoge  muss zugleich ernsthaft sein, die Lust verspüren, auf einem Bein tanzen zu wollen, und in die Niederungen des Irdischen eintauchen können…“

Dafür gern, sehr gern ein großes Hoch!

 

(Abbildungen: Lehmbruck Museum, Fotograf: Frank Vinken)

Ein Hoch auf uns!