gefördert durch RAG Stiftung
Städtefilter:
  • Alle Städte
  • Alpen
  • Außerhalb vom Ruhrgebiet
  • Bergkamen
  • Bochum
  • Bottrop
  • Bönen
  • Castrop-Rauxel
  • Dinslaken
  • Dorsten
  • Dortmund
  • Duisburg
  • Essen
  • Fröndenberg
  • Gelsenkirchen
  • Gevelsberg
  • Gladbeck
  • Hagen
  • Hamm
  • Hamminkeln
  • Hattingen
  • Herdecke
  • Herne
  • Herten
  • Holzwickede
  • Hünxe
  • Kamen
  • Lünen
  • Marl
  • Moers
  • Mülheim an der Ruhr
  • Neukirchen-Vluyn
  • Oberhausen
  • Recklinghausen
  • Ruhrgebiet
  • Schwelm
  • Schwerte
  • Selm
  • Unna
  • Waltrop
  • Werne
  • Wesel
  • Witten
  • Xanten
Filter schließen

16. April 2015 - von Claudia Posca

Ein Großer des Ruhrgebiets ist gegangen: Werner Ruhnau, der Raum-Meister

So kennt man ihn im Revier: eine Hornbrille auf der Nase, kratzbürstiges Denken in der Rede, das berühmte Käppi auf dem Kopf. Und in Hemd und Weste live unterwegs auf spannenden Baukunstführungen in seinem Gelsenkirchener Musiktheater MiR, das 1997 unter Denkmalschutz gestellt, ein „Juwel“ der internationalen Architekturgeschichte nach 1945 ist: Ein transparenter Glaskubus, der den Öffentlichen Raum wettergeschützt ins Kulturhaus integriert. Die Farbe Blau im Inneren? Als Symbol für „humanes Klima“ will es der Architektur-Könner verstanden wissen.

Jetzt ist Werner Ruhnau, der Ruhrgebiets- und MiR-Architekt, der Erfinder der Spielstraße für die Olympischen Spiele München 1972, tot. Er starb am 6. März dieses Jahres. Wer spielt jetzt mit dem Raum? „Am liebsten ohne Wände?"

Regelmäßig trat der 1922 in Königsberg als Sohn eines Brennstoffhändlers und einer Malerin geborene Wahl-Essener mit Domizil in Kettwig, Vater vierer Söhne, im Gelsenkirchener Opernhaus auf: Bestimmt, klar, mitreißend, sichtlich die Helden-Verehrung genießend, die ihm als Mensch und Architekt entgegen gebracht wurde. Und wer wollte, konnte ihn bei seinen Lebenswerk-Führungen durch die riesige Glasfassade beobachten. Von außen nach Innen: Stadtraum integriert. Die Stadt, der Alltag, die Bürger - das zusammen sollte, nach Werner Ruhnau, Theater spielen. Eine charismatische Vorstellung.

Werner Ruhnau hatte Charisma - ein Bau-Künstler, einer, der was zu sagen hatte und sagte, weil ihm die Menschen, die Städte nicht gleichgültig waren. Ein „Spielraumkünstler“ wurde er genannt, ein Architektur-Visionär, ein Meister-Architekt ist er gewesen.

Dem Ruhrgebiet gab Werner Ruhnau ein Gesicht: Neben dem MiR geht der Umbau des Essener Grillo-Theaters und des Ebertbades Oberhausen auf sein Konto. Auch die Neugestaltung der Verwaltungsgebäude der Herta KG in Herten, der Flachglas AG in Gelsenkirchen (heute: Pilkington) sowie die Oberhausener Werkbundsiedlung. Wer wird jetzt Bau-Feste fürs Mitspiel der Menschen feiern mit der Einladung „nicht mehr nur zuzuschauen, zuzuhören, sondern selbst gestalten und beteiligt sein“?

Werner Ruhnau hat auf Integration gesetzt. Der Einbezug des Außenraumes, der Stadt, des Separierten, des Klimas, des Publikums. Überzeugend erzählt er die Anfänge, wie es war in den 1950er Jahre, damals als junger Architekt nach einem Studium in Danzig, Braunschweig, Karlsruhe. Soeben hatte er den ersten Job in der Tasche: Münster, Planung des neuen Verwaltungsgebäudes der Landwirtschaftskammer. Dann: Münster soll wieder Theaterstadt werden, man entscheidet sich gegen die Rekonstruktion des zerstörten Jahrhundert-Wende-Baus, Werner Ruhnau bekommt seine Chance.

Und wird ausgerechnet von Künstlerseite heftig kritisiert, - ausgerechnet von „seinen“ Künstlern, für die er doch bauen wollte: „Als er unseren Entwurf sah, trat mir der Dramaturg Claus Bremer in den Hintern. „Total konventionell“ habe er alles gefunden, „wir wollen auch mal anders spielen als nur von vorne und von oben herab.“

Die Münster-Ohrfeige sitzt, trifft ins Ruhnau-Herz: Was, wenn man, wie John Cage, nicht nur auf dem Klavier spielt, sondern mit ihm? Es war Fluxus-Zeit seinerzeit, es ging um die Demokratisierung der Künste, der Öffentliche Raum rückte in den Fokus, Kritik an hehrer Kunst im Wohnzimmer war angesagt: Kultur für Alle.

Die Konsequenz für den Jung-Architekten: „Man kann nicht nur im, sondern auch mit dem Raum spielen.“ Fortan ist für Werner Ruhnau klar: Architektur muss offen, muss variabel sein. Und muss ganz im Sinne mittelalterlicher Bauhütten von Beginn an als Gemeinschaftsarbeit zwischen Architekt und Künstler in Planung gehen: Baukunst statt Kunst am Bau. Das Gelsenkirchener Musiktheater im Revier ist dafür berühmt. Und seiner gigantischen Glasfassade wegen. Und wegen der Farb-optisch suggerierten Einheit von Bühne und Auditorium. Und als „Tritt in die Moderne“ sagt‘s der Profi selbst. Nicht zu vergessen: das „Gelsenkirchener Blau“, das nicht, wie oft geglaubt wird, das Yves-Klein-Blau alias „International Klein Blue“ (IKB) ist. Für all das - und auch für den Urheberstreit-Streit ums Blau des französischen Künstlerfreundes mit den Klein-Erben - ist das MiR eine BauKunst-Ikone.

Werner Ruhnau war lebende Kunstgeschichte, hat hautnah miterlebt, was sein Mitarbeiter Ernst Oberhoff erzählt: dass die für die große Yves Klein-Installation im MiR-Foyer angelieferten Tunesischen Naturschwämme gern geklaut wurden, „vor allem die großen“, um in der Badewanne zuhause zu landen.

Werner Ruhnau kannte Geschichte und Geschichtchen: „Die Kriegs- und Nachkriegshungerjahre hatten wir überstanden. Mitte der 50-er Jahre gab es die erste „Fresswelle“ und in den zerstörten Städten voller Baulärm, Dreck und rauchenden Schloten des Wiederaufbaus träumten wir, die Theaterplaner in unserer „Bauhütte“, in der „Stadt der 1000 Feuer“ vom „Garten Eden.“ Dazu wurde die „Blaue Revolution“ ausgerufen, zunächst in Paris mit Yves Klein als Häuptling, dann in Gelsenkirchen… zu deren Durchsetzung gründeten wir in der Theaterbauhütte im Frühjahr 1958 die „Partei der Blauen Patrioten“… Durch gemeinsames Bauen und Wohnen, durch Kooperation sollten Wettbewerbs- und Marktmechanismen auf eine höhere, eine „immaterielle“ Ebene gehoben werden.“

Viele Visionen hatte der Raum-Meister: Architektur „zur Abschaffung des Kannibalismus in Europa“ etwa. Oder eine „Schule der Sensibilität“, wo „die Möglichkeiten schöpferischer Imagination als Kräfte der persönlichen Verantwortung“ neu geweckt werden sollten. Eigene Ideen schöpfte er ab und zu auch schon mal am Lieblingsort seiner Kettwiger Eisdiele ab: Theater auf der Straße.

Hoftheater für ein passives Publikum? Das war nichts für einen Ruhrgebiets-Architekten.  Guckkastentheater mit einseitiger Kommunikation zwischen Bühnenakteuren und Zuschauern? Auch nicht. „Wer einmal in der Reihe sitzt, sitzt fest im Plüsch. Einlass nur während der Pausen, Rauchen, Trinken, Essen, Sprechen verboten. Stille und Andacht geboten“  frotzelte er zusammen mit dem Allround-Mixed-Media-Künstler und Hörspielautor Ferdinand Kriwet im 1968er-Manifest.

Statt „formierter Gesellschaft“, statt „bedingungsloser Parteidisziplin“ schwebte Werner Ruhnau eine „offene Gesellschaft“ vor. „Wir wollen selbstbewusste und verantwortungsfähige Mitbürger & Mitspieler.“ Den dafür notwendigen Optimismus lieferte der Architektur-Praktiker gleich mit: „Vergesst mal Arbeitslosigkeit, Putzschäden und marode Straßen! Guckt mal, ob hier nicht auch die Sonne scheint!“ Das macht die Architektur-Philosophie à la Ruhnau so sympathisch, Ruhnau-Architekturen menschlich.

Bis zuletzt fühlte sich der Meister-Architekt den Menschen im Ruhrgebiet verpflichtet. „Thekenlatein“ im Duisburger Malocherviertel Hochfeld etwa, im November 2014, war so ein Projekt nach Werner Ruhnaus Geschmack. Für ein kühles Bier rund um „Gespräche & Kultur am Tresen“ ließ sich der Raum-Virtuose nicht lumpen, in der Traditionskneipe „Alt Hochfeld“ aus seinem Leben zu erzählen: Star-Auftritt für einen schlecht beleumundeten Stadtteil. „Ihr müsst Karl Lagerfeld nach Hochfeld holen. Solche Aktionen können den Ruf des Stadtteils nach vorne bringen“ war er überzeugt.

Werner Ruhnau wird fehlen, im Revier und darüber hinaus.

 

Interview mit Werner Ruhnau: https://www.youtube.com/watch?v=IY05um3ZeO0

Ein Großer des Ruhrgebiets ist gegangen: Werner Ruhnau, der Raum-Meister