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5. Dezember 2018 - von Claudia Posca

Durchscheinend

Herne

„Damit Sie auch morgen noch kraftvoll zubeißen können.“ Ich wette, jetzt sehen Sie das Bild eines sowas von knackigen Grünapfels in den sowas von bildschöne Zähne beißen, dass dieser Ohrwurm fürs Auge Sie den lieben langen Tag begleiten wird. Nur, wie kommt Eine aus der Sparte Bildende Künste auf eine Nummer aus der Produktwerbung? Apfel für Zahnpasta im Kunstgebiet Ruhr. Ja, isset denn wahr?

Wie das kommt, hat Gründe. Persönliche. Und Nein, es hat nicht etwa mit Karius & Baktus zu tun, die an Zahnweiß & Fleisch nagen. Warum auch sollte ich das Hier & Ihnen erzählen? Es gibt schließlich Appetitlicheres.

Womit Sie recht haben. Aber ich kam ja auch weder aus dem Bauch noch Mund heraus aufs Thema. Ich sage nur Kunst, ich sage nur Wachs. In der Kunst. Am Apfel.

Und schlaglichtartig wissen jetzt Sie, warum ich auf die Werbung mit dem Apfel kam, der ein ´Malus domestica` mit Ursprung Australien, ein nachgewiesener Zufallssämling ist, erfrischend säuerlich im Geschmack. Jedes Mal, wenn ich abends beim Schmökern in einen biss, war das Gefühl da: Das Obst ist gewachst. Ein kleines Kunstwerk, glatt poliert mit Firnis drauf. Heute weiß ich, dass der feine Fettfilm vor der Luft schützte, also konservierte. Igitt. Schön anzusehen ist`s trotzdem, und wie`s scheint: nicht schädlich. Was mir den Granny aber nicht rettete. Zu hart, zu künstlich finde ich heute seine vermeintliche oder echte Wachshaut. 

Wo waren wir stehen geblieben?

Richtig: Kunst. Genauer: Wachs in und mit Kunst. Zu sehen derzeit in Herne, Straße des Bohrhammers, Flottmannhallen. „roundabout about round“ von Inge Gutbrod, bis 16. Dezember.

Jetzt könnte man denken, das nahende Ausstellungsende hätte ködernd gewirkt. Oder der seltsame Titel habe gelockt, den man im Übrigen so oder so oder noch anders übersetzten könnte, weswegen ich erst gar keinen Übersetzungsversuch starte, weil es zwischen ´ungefähr` (roundabout) und ´Kreisverkehr` (roundabout) bezeichnenderweise ´ums Runde` (about round) geht, das dem Stromlinienförmigen und damit vermutlich auch der Eindeutigkeit widerspricht. 

Aber wir waren ja beim Wachs. Was ist Wachs? Jenseits davon, dass es was hat, dieses Matschen, Kneten, Formen und Verändern eines weichen Materials, das sich ausgesprochen leicht mit Wärme zum Leben erwecken lässt, um es sodann mit kleinem Aufwand für große Wirkung zu gestalten - sei es in figürlicher, abstrakter oder konkreter Form. Denken Sie nur mal an die wunderbar fein ziselierte Wachsbildnerei, die uns aus Jahrhunderten überliefert ist. Berühmt: die zu medizinischen Studienzwecken um 1785 im Auftrag von Kaiser Joseph II. angefertigte Frau mit geöffnetem Bauch, heute in der Anatomiesammlung Wien, ein bestes Beispiel der sogenannten Keroplastik – von griech. Keros (Wachs). Oder die lebensgroße Wachsvotivfigur der Anna Bruggmayr im Kaufbeurener Creszentia-Kloster aus dem 18. Jahrhundert. Oder die „Kleine vierzehnjährige Tänzerin“ von Edgar Degas, die zwischen 1875 und 1880 als bemalte Wachsfigur entstand und sich heute in der National Gallery of Art in Washington befindet. 

Das alles ist alles andere als Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett. Und Inge Gutbrods Wachs-Plastiken in Herne wiederum sind alles andere als historische Wachs-Figurenkunst. Für ihre Arbeiten gilt: Wachs ist Wachs ist Wachs samt und sonders aller damit verknüpften Eigenschaften und Möglichkeiten. Sagen wir also, es handelt sich um Artefakte, die aus sich heraus in den Raum hinein wirken. Was durchaus buchstäblich gemeint ist, weil Inge Gutbrod Wachs transluzid, also durchscheinend, einsetzt. Impressionen aus der Ausstellung "roundabout about round" von Inge Gutbrod

Was aber der formbare Stoff an sich und eigentlich ist? Über den sich die Geister streiten, ob es dasWachs oder derWachs heißt? Jaah, so kommt man vom Kunstwerk zur Detektivarbeit.

Immerhin: Klar ist, dass „Wachs (lat. cera) eine organische Verbindung ist, die bei über etwa 40 Grad schmilzt und dann eine Flüssigkeit niedriger Viskosität bildet. Wachse sind nahezu unlöslich in Wasser, aber löslich in organischen, unpolaren Medien. Wachse können in ihrer chemischen Zusammensetzung und Herkunft sehr unterschiedlich sein, sie werden daher heute durch ihre mechanisch-physikalischen Eigenschaften definiert.“ Sagt das Wikipedia-Lexikon. Und es weist auch drauf hin, dass „bis heute keine exakte Definition für Wachse“ gefunden werden konnte.

Aha, kein Wunder also, dass man beim Thema ins Schwimmen kommt: Stearin, Lanolin, Paraffin, natürliche Wachse, Öle, Fette, tierische, pflanzliche, mineralisch/fossile, teilsynthetische, synthetische Wachse, Mikrowachse. Wie soll sich einer da zurecht finden? Eine Wissenschaft. 

Nur die Deutsche Gesellschaft für Fettwissenschaft (DGF) – die gibt es wirklich! – hat den Durchblick. Sie kümmert sich um Produktsicherheit, Entschleimung, Neutralisation und Bleichung, um kaltgepresste Öle, um Sachverstand. Im nächsten Jahr wird sie die Rapsöl-Medaille verleihen.

Ich dagegen weiß nur eins: Die Kunst von Inge Gutbrod steckt nicht in Bienenwachs. Was vermutlich das natürlichste, edelste und bekannteste aller Wachse ist. Vor 5000 Jahren soll es Fackeln befeuert haben. Tatsächlich gesichert ist, dass Bienenwachs in der Zeit der Antike (800 v.Chr.) schon benutzt wurde. Die Kulturgeschichte also wuchs mit dem Wachs. Bis heute wirkt das handschmeichlerische Material faszinierend.

Impressionen aus der Ausstellung "roundabout about round" von Inge Gutbrod.

Der indisch-britische Künstler Anish Kapoor etwa ballerte 2013 einen Mix aus Pigment, Wachs und Ölfarbe mit einer Geschossmaschine im 15-Minuten-Takt in eine Ecke des Berliner Martin-Gropius-Baus, wollte aber die Geheimrezeptur für sein blutrotes „Shooting into the corner“ nicht verraten. Doch selbst wenn er es getan hätte, es wäre bedeutungslos für die Herner Wachskunst geblieben. Denn Inge Gutbrod arbeitet seit Jahren bevorzugt mit dem industriell hergestellten, farbneutralen, geruchslosen Paraffin, das überwiegend aus dem fossilen Rohstoff Erdöl gewonnen wird. Rund 90 Prozent aller Kerzen in Europa bestehen aus Paraffin. Was kein Stearin ist, das hauptsächlich aus pflanzlichem Palmöl oder aus tierischen Fetten gewonnen wird. Nichts also für Veganer. Schließlich wollen die wissen, ob da Schwein, Rind oder sonstiges Tier in der Kerze steckt.

Da stellt sich doch glatt die Frage nach Veganer Kunst. Oder nicht?

Wie dem auch sei, Wachs fesselt, Wachs beflügelt. Allerdings würde Ikarus darüber lieber nicht sprechen, hat er sich doch laut griechischer Mythologie beim Höhenflug so verkalkuliert, dass ihm die von Vater Daedalus mit Wachs angeklebten Flügel dahin schmolzen, weil er dem Sonnenlicht zu nahe kam, infolge zu Tode stürzte. Das ist traurig, aber was kann der wächserne Klebstoff dazu?

Apropos Klebstoff. Wachs und Kerzenbasteln stehen derzeit hoch im Kurs: Adventszeit, Weihnachtsmarkt. Was zugegeben anheimelnd wirkt. Aber mal ehrlich: Hat Wachs nicht mehr verdient, so gnadenlos uralt, wie er ist. Ja, wirklich! Dem Wachs sollte mit Ehrfurcht begegnet werden! Inge Gutbrods Kunst trägt dazu bei.

Welchem Material schon war es vergönnt, ägyptische Mumien mit Farben enkaustisch einzufärben, ein Malverfahren, bei dem Farben durch Wachs gebunden werden. Eine alchemistische Geschichte. Hochspannend. Mal ganz abgesehen davon, dass Wachs insbesondere in der antiken und mittelalterlichen Heilkunde medizinisch eingesetzt wurde, bis zum 16. Jahrhundert zum Siegeln von Dokumenten Verwendung fand, in Form von Wachstafeln den alten Griechen und Römern, aber auch den mittelalterlichen Mönchen als Schreibgrund diente, im Mittelalter vom Lebzelter (Lebkuchenbäcker, honigverarbeitendes Gewerbe) vorangetrieben, die Produktion feinster Kerzen, leckerster Lebkuchen garantierte, als Politur für wertvolle Möbel in der Renaissance übers Barock und den Klassizismus bis heute gerühmt wird und nicht zuletzt Ledernes, wie Gürtel und Schuh, von jeher zum Glänzen bringt. Wie gesagt: Mit Wachs wuchs Bildung und Kultur. Joseph Beuys brachte es mit seiner legendären „Honigpumpe am Arbeitsplatz“ 1977 auf der documenta 6 in Kassel zur Sprache.

Impressionen aus der Ausstellung "roundabout about round" von Inge Gutbrod.

Wachs aber,das leuchtet? Weil es transluzid, also durchscheinend ist? Ein Spezialthema. Für das Inge Gutbrod Spezialistin ist. In der Herner Schau lotet die 1963 geborene Künstlerin „auf einzigartige Weise die Eigenschaften des Wachses aus, dekliniert es künstlerisch durch, arbeitet seine Sinnlichkeiten heraus.“ Sagt Oliver Boberg im Flyer zur Kunst der Künstlerin aus Nürnberg, die den Flottmannhallen in Herne betörend Leuchtendes beschert: in Form von lichtelektrifizierten, unterschiedlich hohen, unterschiedlich farbigen Wachszylindern neben skulpturalen Installationen mit binnenbeleuchteten Wachsscheiben. 

Die Folge: Ist ein atmosphärischer Wandel des Ortes in Stunden, wo das Winterdunkel ein Heimweh nach Licht ist - märchenhaft, auch ohne Apfel.

 


Die Ausstellung "roundabout about round" von Inge Gutbrod sehen Sie noch bis zum 16. Dezember 2018 in den Flottmann-Hallen in Herne. Mehr dazu finden Sie im Termin der Ausstellung "roundabout about round" in unserem Kunstgebiet.Ruhr-Ausstellungskalender.


Fotos: © Claudia Posca

Durchscheinend