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8. Oktober 2015 - von Claudia Posca

Dunkle Welt, lichte Kunst

Hagen

Es ist kein Geheimnis: Sonne ist mein Lebenselixier. Bis September. Dann kommt jahreszeitlich bedingt „Mordor“. Nicht nur der „Herr der Ringe“ in J. R. R. Tolkiens Welt kämpft gegen Verdunklung. Melancholie macht sich breit. Vielleicht kam Platon so aufs Höhlengleichnis. Und die Kunst zur Lichtphilosophie.

Im Moment aber genieße ich (noch) mein Feierabend-Ritual: Kerzenleuchter an, Nachrichtenmagazin auf. Zufall oder nicht? Ein beiliegender Infoflyer kündigt Erhellendes an: „Licht-Kunst in der Volme-Stadt Hagen mit „Urban Lights Ruhr“. Das passt zur Jahreszeit. Und ins Befinden. Hauptsache raus zum Licht.

Ich reise nach Hagen, unterwegs kommen mir weitere Anti-Dunkelstrategien in den Sinn. Das könnte eine Pilgerreise zu gotischen Kathedralen und erhabener Licht-Metaphorik sein. Oder das Studium von Laszlo Moholy-Nagys kinetischem Licht-Raum-Modulator (1920/1930). Leider zaubert der aber nur Licht-Schatten-Träume in Schwarz-Weiß. Dann doch die therapeutische Tageslicht-Leuchte, 10.000 Lux hell, kaufen? Ehrlich gesagt: zu artifiziell. Eine andere Option: nach Bonn fahren, wo in der Bundeskunsthalle „Japans Liebe zum Impressionismus“ grandioses Farb-Licht-Surfen bis Februar nächsten Jahres verspricht.

Ankunft Hagen, Treffpunkt: Bunker, Bergstraße 98, Nähe Karl Ernst Osthaus- und Emil Schumacher-Museum. Drei Wochen lang ab kommenden Freitag und im Rahmen des UNESCO-Jahres des Lichts 2015 wird „Urban Lights Ruhr“ eine 15-Stationen-Galerie open-air performen: Kunstlicht, Licht-Kunst gegen Winterdepression. Hoffentlich wirkt es.

Organisiert wird das Lichtfestival zum dritten Mal von UrbaneKünsteRuhr. Die Federführung hat Kuratorin Katja Aßmann, sie hat internationale Größen aus der Sparte Kontext- und Medienkunst auf die Straße geholt. Frühere Gastgeber des ambitionierten Projekts waren Bergkamen und Hamm. Der rote Faden bis heute: „Die künstlerischen Interventionen laden Bewohner und Besucher ein, das Potential neu entstehender Stadtlandschaften zu erleben und zu aktivieren.“

Den Köder schnapp ich mir! Licht und Kunst und Urbanität im Kombi-Pack: sind vor Ort in Hagen ortsspezifische Schlaglichter, die prekäre oder ungesehene oder außergewöhnliche Stellen, Plätze, Orte und Unorte fokussieren. Damit Nicht-Sichtbares sichtbar werde in Hagens City.

Lichtleuchten also als Nadelöhr fürs Gesellschaftliche? Mit möglicherweise städtebaulicher, mit gar politischer Wirkung? Ob Hagen schöner wird?

Die Vorstellung ist Aspirin gegen gefühlte Sonnenfinsternis. Mehr Licht durch Kunst im Alltag schadet niemandem. Das „Urban Lights Ruhr“-Motto dazu: Funzeln an, Augen auf! Die Schatzsuche mach ich mit. Von Taschenlampen ist abzuraten, der Hagen-Parcours hat Eigen-Strahlkraft.

Mit von der Partie: Ein „Disco-Dance-Floor“ in einem Fußgängertunnel; eine ganze Karussel-Stadt, allerdings besinnlich-stumm; die Möglichkeit, in schwindelnder Höhe einem Sternstrahler nahe zu sein; ein „Genius loci“ mit Lampen-Spenden von Hagener Einwohner, collagiert zu einer „partizipativen Installation“ in einer Unterführung; Graffities mit Neonröhren nachgezeichnet; ein wandelndes Mensch-Chamäleon, dessen Sensor-Kleidung Hagens Farbwelt spiegelt; Straßenbeleuchtungen, an den Mondzyklus angepasst. Und anderes mehr. Selten sah man das „Tor zum Sauerland“, wie Hagen auch genannt wird, so analytisch-poetisch-witzig.

Mit einem Wort: ganz schön helle! Mein inneres „Mordor“ lichtet sich, Hagen wird in den nächsten drei Wochen mein Licht-Dorado sein. Auch, weil das Projekt die Licht-Historie des Reviers experimentell fortschreibt.

Ein Blick in die Kunstgeschichte: Stichwort ZERO im Ruhrgebiet mit Heinz Mack, Otto Piene, Günter Uecker. Ihr Credo: Licht sei „die erste Bedingung aller Sichtbarkeit.“ Der NRZ-Kulturredakteur Heiner Stachelhaus präzisiert: „Es (das Licht) sei die Sphäre der Farbe, das Lebenselement des Menschen und des Bildes.“ Dem ist in dunkler Jahreszeit nichts hinzuzufügen! Fast so etwas wie eine ZERO-Bibel hat der 2002 gestorbene Revier-Kunstkritiker 1993 geschrieben. Die kommende Mack-Ausstellung in der Duisburger Küppersmühle liefert Gelegenheit ZEROs Lichtpassion hautnah zu erleben.

Was meinen Magazine-Wochenstapel zu Hause aber leider nicht lichtet. Ich stöber weiter, der Kerzenleuchter öhmt, eine Meldung springt ins Auge: „Lichtkünstler geehrt“. 

Mischa Kuball, der auch im Kunstgebiet Ruhr bestens bekannte Düsseldorfer Künstler - „Licht ist Soziologie, Licht ist Politik“ - hat soeben den mit 10.000 Euro dotierten „Deutschen Lichtkunstpreis“ erhalten. „Für seinen herausragenden Umgang mit Licht als Medium der öffentlichen (Inter-)Aktion.“ Erst zum zweiten Mal wurde er von der Robert Simon-Stiftung vergeben, 2014 hatte man Otto Piene damit geehrt. Jetzt wird ihn Anfang nächsten Jahres der Kölner Medienkunst-Professor erhalten, überreicht im niedersächsischen Kunstmuseum Celle, in jenem patentierten 24-Stunden-Kunstmuseum, das nach Öffnungszeitenende mit seinem lichtleuchtenden Architektur-Kubus und weiteren Strahl-/Klang-Installationen im Außenbereich lockt. Ein Augenschmaus für Lichtkunst-Fans.

Denen aber sei wärmsten empfohlen: Das Revier mit seinem einzigartigen „Internationalen Zentrum für Lichtkunst“ in Unna. Auf 2400 Quadratmetern tief unter der Erde in den Gewölbekellern der ehemaligen Linden-Brauerei zeigt das wunderbare Haus Wunderbares von international renommierten Licht-Künstlern wie James Turell, Francois Morellet oder Olafur Eliasson. Einen Licht-Kunst-Preis vergibt der faszinierende Ort seit 2015 auch: Den 10.000 Euro gewichtigen „International Light Art Award“. Möglich vielleicht, dass dereinst auch „Urban Lights Ruhr“ dafür kandidiert? Ich jedenfalls werd` schon bald mal wieder in Unna vorbei schauen: Sonne tanken!

Weitere Flashs gegen dunkle Zeiten: Hellwegs Wege!  Quer durchs Kunstgebiet Ruhr von Lünen über Schwerte bis nach Lippstadt auf dem „Hellweg - ein Lichtweg“ wandern! Und blitzgescheite Leuchte-Kunst entdecken, identitätsstiftend, gemütsaufhellend, von außen nach innen nach außen strahlend. Auf dass „Mordor“ keine Chance und der Winter ein Lichtleuchten hat.

Dunkle Welt, lichte Kunst