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25. September 2018 - von Claudia Posca

Die Welt ist ein Panoptikum

Essen

Ja, ich gebe es zu: Dinge, die Geschichten erzählen, machen mich schwach. Auch Orte, die wispern. In den meisten Fällen hängt das am Irgendwie-anders-Besonders-Fluidum. Das sich erinnerungsträchtig wo erinnert? Genau. Als Sammelsurium im Setzkasten. Was intime Kuriositätenkabinette indoor mit existentiellen Bedeutsamkeiten von outdoor sind. Früher wurde Ähnliches Panoptikum genannt. Oder Wunderkammer.

Und dann das: Eine Ausstellung im Essener Museum Folkwang heißt genau so: „Panoptikum“. 

Über das Sie natürlich wissen, was andere auf wikipedia erst nachlesen müssen: „Panoptikum (latinisierte Form des griechischen pānoptikón, zusammengesetzt aus gr. πᾶν pān, ,alles’, und ὀπτικό optikó, ,zum Sehen gehörend’) steht für (unter anderem)ein Kuriositätenkabinett, siehe Wunderkammer und Kuriosum.“ 

Dorthin geklickt findet sich Kunsthistorisches gelistet: „Die Wunderkammern oder Kunstkammern der Spätrenaissance und des Barock gingen aus den früheren Raritäten- oder Kuriositätenkabinetten (Panoptika) hervor und bezeichnen ein Sammlungskonzept aus der Frühphase der Museumsgeschichte, das Objekte in ihrer unterschiedlichen Herkunft und Bestimmung gemeinsam präsentierte. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurden die Kunst- und Wunderkammern von den heute üblichen, spezialisierten Museen (…) abgelöst.“

Aha. Soweit die Wissenschaft. 

Bleibt die Frage: Was denn im Allgemeinen und Besonderen heute Alleszusehendes im Mit-, Bei- und Nebeneinander sein könnte? Mal ganz abgesehen von unseren Kabinettstückchen zu Hause. Oder der wunderbaren Wunderkammer Ruhrgebiet um uns herum.

Genau: Auf nach Essen, „da werden Sie geholfen.“ 

Wer mal so richtig tief in ein echtes Panoptikum gucken will, der ist vor Ort genau richtig. Nur zu, noch bis zum 30. September gibt`s die einmalige Gelegenheit. Und versprochen, es geht markig schwarzhumorig ab. Grandiose Bild- und Zeichenkunst, phantastisch Biestiges in Schrift und Bild ist am Werk, - von Kurator Tobias Berg auf 500 Quadratmetern zu einer rund 210-Werke-starken Schau zusammengestellt: 

Panoptikum total, ich war gespannt.

Der es bespielt heißt Roland Topor, ist Franzose, starb 1997 im Alter von nur 59 Jahren, wird hoch geschätzt als Illustrator, Cartoonist, Autor, Filmemacher, Kostüm- und Bühnenbildner. Berühmt: seine spitze Feder in Bild und Text. Köstlich: sein Buch „Memoiren eines alten Arschlochs“, 1975 im Diogenes-Verlag erschienen darin sich der faustisch ins Weltgeschehen blickende Topor ausgiebig über Mensch, Kunst und Genie-Kult belustigt. 

Jaja, Roland Topor kennt sich aus mit dem Menschlich-allzu-Menschlichen. Von wegen melancholisches Panoptikum. Mit Obsession und Leidenschaft schickt er uns Abgründe rauf und runter. So, als wär`s das Normalste der Welt „besonders unbekömmliche Zeichnungen“ (so die Zeitschrift „Bizarre“ 1958) fürs irdische Narrenschiff zu erfinden.

Die Moral von der Geschicht`? 

Fragen Sie mal Herrn Topor. Über viel Unordentliches im Leben berichtet seine Kunst, wo Unterkiefer und Gegenbiss ab- und weggehauen werden, Stoßzähne mit ganzem Elefanten dran, festgesetzt im Boden stecken und Frauen den Teufel im Leib, pardon, zwischen den Beinen haben. Das ätzt, ist krass, ist gar nicht stubenrein, ist iggelige Ironie, hammerharte Satire und schönster Dirty-Corner-Surrealismus.

Im Ruhrgebiet ist der geniale Zeichner, der auch Linolschnitt konnte, den schön schrägen Zeichentrickfilm „Die Schnecken“ erfand, kein Unbekannter. Fürs Essener Aalto-Theater hatte der Mann 1990 seine erste große Opernausgestaltung realisiert. Die „Zauberflöte“ war`s. Und die war Topor-like - auf Zeichnungen ist`s zu sehen - anti-traditionell. Etwa, wenn Papagenas Brüste barbusig aus dem Kostüm staksen und Papageno einen Vogelkäfig in Menschengestalt auf dem Rücken trägt. „Der erinnert bei allem Flatterhaften auch an die Fesseln des Menschseins“ hat Roland Topor erklärt. 

Und uns flugs, schwarz auf weiß oder leuchtend bunt, ein menschlich-animalisches Pandämonium kreiert, das unter die Haut geht, weil`s mit Ihnen und mir zu tun hat. 

Herrlich böse ist das, kühn abgefahren, deftig manchmal, finster fabulös immer. Sogar einen Federico Fellini hat`s beeindruckt: „Mir scheint, dass Topor der letzte Vertreter jener echten großen Illustratoren ist, die, wie Blake und Daumier, Doré und Carlo Chiostri, fähig sind, ein vollständiges Universum zu erschaffen, das bis in die kleinsten Details hinein ausgestaltet ist. Eine „Gegenwelt“ also, eine teuflische Welt, geschaffen aus Verachtung für die unsrige (…).“

In der Tat: Im Kosmos Topor spiegelt sich manches auf Erden. 

Vorsicht also im Essener Parcours. Aus der Büchse der Pandora kriecht Entlarvendes, - hart beim Hieb auf das, was auch nur ansatzweise Romantik heißt, herzlich aber im Crazy-Geradeaus-Blick.


Teaser: Roland Topor, Marteau pilon poil au menton, 1972, Fallhammer – Haare am Kinn, Lithografie, 42 x 31,3 cm, Galerie KK Klaus Kiefer, Essen © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Abbildung 1: Roland Topor, L'Emigrant, 1977, Der Auswanderer, Tuschfeder und Farbstift, 38 x 56,5 cm, Sammlung Jakob und Philipp Keel © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Abbildung 2: Roland Topor, Ohne Titel, 1965 (veröffentlicht), Tuschfeder, 60 x 50 cm, Sammlung Jakob und Philipp Keel © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Abbildung 3: Roland Topor, Tu es vraiment crétin, Samuel, 1968, Samuel, du bist wirklich dumm, Tuschfeder und Farbstift, 42 x 24,8 cm, Sammlung Jakob und Philipp Keel © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Die Welt ist ein Panoptikum