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19. Mai 2016 - von Claudia Posca

Die Stadt hat was

Lünen

Glauben Sie‘s mir: Das Ruhrgebiet ist eine Schatzkammer! Historie, Tradition, Strukturwandel, Kunst und Kultur, 53 Städte, 5 Millionen Einwohner. Alles da, alles nah.

In diesem Fall ist der Datteln-Hamm-Kanal nicht weit, die Lippe fließt durchs Land, der Kreis heißt Unna, die größte Stadt am Platz hat Grund zu feiern: 675 Jahre Stadtrecht. Eine Bescherung gab‘s auch schon: „Von den Bürgern für die Bürger“. Was ein kleiner feiner Kunstführer - unter anderem - ist, mit 27 Kunst-Stationen im Öffentlichen Raum, QR-Codes für Internet-Zusatz-Infos ergänzen die Broschüre: „Stadtkunst 1 - Wegweiser zur Kunst in…?“

Na, erraten? Die 90.000-Einwohner-Stadt liegt am nordöstlichen Rand des Ruhrgebietes, am südlichen des Münsterlandes, war Bergbaustadt durch und durch, ist heute Kompetenzzentrum für Umwelttechnik und Kreislaufwirtschaft, hat eine restaurierte kleine Altstadt und einen schönen Fluss-Promenadenweg. Bürger-Engagement brachte 1993 ein Pogrom-Mahnmal auf den Weg. Beispielhaft, nicht selbstverständlich.

Jetzt schwant Ihnen was? Die Stadt mit den Nachbarn Kamen, Bergkamen, Selm und Waltrop heißt wie? Genau: Lünen.

Und Lünen hat was: Kunst umsonst und draußen von Hannes Forster, von Kazuo Katase, von Gereon Lepper, von Ekkehard Neumann, von Rüdiger Tamschick, Namen, die für eine Kunst am Puls der Zeit stehen. Ein Bildhauer-Symposion unter Einbezug ortsansässiger Firmen zur „Kunst am Arbeitsplatz“ hat es schon in den 1980er Jahren gegeben.

Allerdings ist der Ort mit den vierzig Hanse-Bildern (aus denen, Druck-fotografisch zusammengeführt, das geplante große Hanse-Tuch werden soll), trotz aller Kunst, ein bisschen scheu mit Umgang mit derselben. Eher bescheiden versteckt denn stolz präsentiert, findet sich Kunst auf der offiziellen Stadt-Homepage verlinkt.

Passt das zusammen? Wo Lünen doch echte Kunstwerk-Schätze hat, siehe aktuelle Kunstwerkbroschüre.

Und war es nicht schon vor einem Vierteljahrhundert, dass in der ehemaligen Hanse-Stadt mit „Dänischem Ochsenweg“ ein Ufo landete? Colani-Design-geformt, ein Ellipsoid als futuristische Neugestaltung eines Förderturms auf der ehemaligen Steinkohlenzeche Minister Achenbach in Lünen-Brambauer. Dort, wo heute, nach Restaurierung des Lüntec-Towers (Technologiezentrum Lünen), in eben dieser Architektur in 37 Metern Höhe, eine Business-Lounge mit Panorama-Blick lockt?

Ja, das war Lünen! Und die Recherche verspricht: Lünen hat Kunst. Und zwar im und am Ort, wo Opa Fritz einst Bergmann war, uns Kindern stolz und gern die Grubenlampe zeigte, und die meisten nicht vermuten, dass hier gefördert wird, was es schwer hat: Kunst.

Den dafür engagiert schaffenden „Förderverein für Kunst und Kultur“ wollte ich kennen lernen,  den im Rahmen von Kulturhauptstadtjahr Ruhr 2010 installierten Seseke-Skulpturen-Pfad etwas außerhalb von Lünen-City kenne ich in Teilen, den „Hellweg- ein Lichtweg“ mit Kunstwerk-Satelliten in Lünen ebenfalls. Nicht zu vergessen das vom Lüner Förderverein schon 1993 gestemmte Projekt „Kunstobjekte für Lünen-Süd“, mit Außen-Installationen von Hannes Forster, Christina Kubisch und Raffael Rheinsberg. Ganz schön viel los im 890 erstmals urkundlich erwähnten Lünen, oder?

Verabredet bin ich mit dem 1. Vorsitzenden, Bernhard Schreiter, Sparkassendirektor i.R. Er hat den Lüner Förderverein 1985 aus der Taufe gehoben, die aktuelle „Kunst in Lünen“-Broschüre in Zusammenarbeit mit der Stadt auch. Das Ziel des rund 50köpfigen Vereins: „Initiieren, fördern, erwerben, beraten“. Auch Stellvertreter Peter Freudenthal, Architekt, steht dafür ein. Unser Meeting-Point: Lünen-City, Rathaus, Willy-Brandt-Platz.

Tatsächlich ist es ein urbaner Platz, mit Relax-Bänken und Caféhaus-Anliegern. Viele Städte haben so etwas gar nicht oder gar nicht mehr. Und auch hier könnte man viel mehr draus machen. Immerhin: Es ist ein Platz. Ich liebe Plätze, die Chance für mediterranes Feeling!

Das Rathaus aber ist ein langes Elend, 15geschossig. Was es allerdings tatsächlich für ein ´Wow`- Bau ist, das habe ich zunächst mal eher ver- denn erkannt. Bis Peter Freudenthal kam und klärte.

Von wegen Null-Acht-Fünfzehn-Büroturm-Tower! Der Crash-Kurs ´Baugeschichts-Gucken` war Kult für Auge, Ohr und Hirn. Herzlich-Dank dafür, Herr Freudenthal! Sogar mit dem funktionstüchtigen, fürs Publikum normalerweise aber nicht nutzbaren De-Stijl-Stil-kolorierten Paternoster (= Personen-Umlauf-Aufzug) bin ich gefahren, rauf und runter in einem Hochhaus-Juwel aus den späten 1950er Jahren, erbaut vom Berliner Architekten-Duo Rausch & Stein: mit imposanter Bürgerhalle, die allein schon ein lichtes Gesamtkunstwerk ist, durchgestaltet vom Georg Meistermann-Schüler Buja Bingemer, mit Blattgoldwand, Freitreppe, relativ großen Fensterbändern, mit Stein-Mosaik-Boden und Deckengemälden. Erstaunlich? Schön!

Wie übrigens auch die in Lünen beheimatete, wunderbar organische Sharoun-Architektur der örtlichen Gesamtschule. Oder wie das aus den späten Fünfzigern stammende Hilpert-Theater aus der Feder Gerhard Graubners, der auch verantwortlich zeichnet für das Schauspielhaus Bochum, was aber eine andere Geschichte ist.

Von Bernhard Schreiter möchte ich wissen, wie es der Kunst in Lünen geht. Punktet in einer traditionellen Bergbau-Stadt nicht eher, was aussieht wie der bronzene „Ochsenzug“ von Ernemann Friedrich Sander?

„Ja, sicher, aber das ist doch das Spannende, dieses Nebeneinander von figürlicher und abstrakter Kunst. Und dass es Werke gibt, die anders sind, an denen man sich reibt. Wenn sich jemand über eine vielleicht eher unbequeme Kunst äußert, also darüber nachdenkt, dann ist das doch positiv.“

Sponsern bedeutet also Kunstvermitteln?

„Wir verstehen uns auf jeden Fall als Vermittler zur Kunst. Wir wollen Verständnis dafür schaffen, dass Kunst im öffentlichen Raum gut und richtig ist. Deshalb auch freuen wir uns sehr, mit der aktuellen Publikation den Bürgern im Jubiläumsjahr 2016 ein schönes Geschenk machen zu können.“

Und ihr persönliches Interesse an Kunst?

„Um soziale Dinge kümmern sich alle möglichen Leute. Es muss aber auch Menschen geben, die sich um Dinge kümmern, die das Leben einfach schöner machen“, sagt‘s Herr Schreiter sympathisch selbstverständlich und fährt mich ins Lüner Heinz-Hilpert-Theater: Schönes gucken. Unterwegs erzählt er, dass Kazuo Katases lichtleuchtender „Flusswächter“ ein Lieblingskunstwerk ist.

„Bitte nach Ihnen.“ Ich bin gespannt. An der „Orpheus“-Figurine von Gerhard Marcks (1889-1981), der Künstler gilt neben Barlach, Lehmbruck und Kolbe als bedeutendster deutscher Bildhauer des vergangenen Jahrhunderts, geht es vorbei in die angrenzende Galerie des Hansesaales.

Was sonst nur Städte wie Paris, Hannover und Duisburg haben, Lünen hat‘s: eine Skulptur der weltbekannten, rebellisch-zornigen Künstlerin Niki de Saint-Phalle (1930-2002), die gern schon mal auf Bilder schoss, mit dem Maschinen-Kinetik-Künstler Jean Tinguely verheiratet war, sich selbst Niki vom Heiligen Phallus taufte und in Deutschland vor allem durch ihre großformatigen „Nana“-Frauenfiguren bekannt wurde. Star-Kunst in Lünen, ich bin beeindruckt. Der bunt spiegelfunkelnde „Obelisque aux étoiles“ (1988-89), in byzantinischer Mosaik-Technik gefertigt, ist aber auch ein echter Hingucker. Organisch-bewegt strebt die überlebensgroße Plastik gen Himmel: ein Obelisk, der nach den Sternen greift.
Schöne Kunst, potente Kunst, sperrige Kunst, erzählerische Kunst - Lünen hat sie. Also auf zum Schatz-Kunst-Heben!

 

Die Stadt hat was