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26. Februar 2015 - von Claudia Posca

Die Neue Galerie Gladbeck - Erfolg mit Mentor hinter den Kulissen

Gladbeck

Das Gladbecker Geiseldrama von vor 27 Jahren kennt im Ruhrgebiet nahezu jeder. Aber Gladbeck als schillernden Ort junger, zeitgenössischer, auch sperriger Kunst? Fehlanzeige.

Oder halt, stopp: In der Berliner Kunstszene ist das Forum im Gladbecker Rathauspark bestens bekannt, in Düsseldorf und Köln übrigens auch. Felix Droese hat hier ausgestellt, Emil Schumacher, Timm Ulrichs, Johannes Brus. Und Judith Samen, Ricardo Saro, Wilhelm Mundt . Große Namen, mal eben ums Eck präsentiert, zwischen Bottrop, Dorsten, Gelsenkirchen und Essen. Irgendwie verrückt, imposant. In Insiderkreisen munkelt man schon von der Gladbecker Kunst-„KÖ“.

Das war nicht immer so. Seit 1984 dümpelte die damals noch „Städtische Galerie“ genannte Institution mehr oder weniger ambitioniert vor sich hin. 1995 wurde rundumerneuert - mit Gastronomie, frischem Konzept und dem Mann, der aus einer grauen Vorstadtmaus die „Neue Galerie Gladbeck“ zauberte: Gerd Weggel, Realschul-Direktor und Träger des Bundesverdienstkreuzes, auch als der  „Unermüdliche“  bekannt, ob seines Engagements und blitzgescheiter Ideen. Und als jemand, der stets und gern „obwohl“ sagt, weil das halb leere Glas für ihn immer noch halb voll ist, ein Kunstenthusiast durch und durch, die Utopie im Herzen, heute Anfang sechzig Jahre alt, freundlich, besonnen, ein bisschen weise, kein bisschen müde.

Im Jahr 2000 greift dieser Mann zu den Sternen. Der Mittelmäßigkeit zum Trotz will Gerd Weggel Einmaliges für Gladbeck: Ein moderner Ausstellungsanbau soll her, ein Hingucker, ein Magnet für Künstler, Publikum und die Gladbecker Provinz. 2006 schließt der Galeriebetrieb im maroden alten Ausstellungshaus.

Planen, sagen, tun ist angesagt! Die Stadt findet Gerd Weggels Visionen attraktiv, steigt ins Boot, hat kein Geld, aber einen ´Macher`. Der trommelt einen Trägerverein zusammen, überzeugt das Land, gewinnt den damaligen Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Große-Brockhoff als Schirmherr, versammelt Sponsoren und die Künstlerschaft. Über 60 Arbeiten spenden namhafte Kunstproduzenten für die Weggeler Gladbeck-Utopie, eine Benefizaktion spült ansehnlich viel Geld ins Kästchen. 2009 steht der renommierte Kurscheid & Wiegand-Bau, wird von Werner Pokorny erstmals bespielt, von über 300 Gästen gelobt und nicht schlecht bestaunt: Wie kann ein Mensch aus ihrer Mitte so eine Großtat nahezu allein stemmen?

Gerd Weggel lacht: „Ja, mittlerweile läuft es richtig gut. Die Zeit gibt einem recht. Und - ich muss mich nicht abgrenzen, ich bin mit meinen 62 Jahren nicht mehr so aufgeregt.“ Das haben ihm auch viele seiner zahlreichen Künstlerfreunde attestiert, „wohltuend unaufgeregt“ zu sein, die Dinge relaxt anzugehen, eine Ausstellung mit Muße und in Ruhe durchzuziehen. Zwei Jahre Vorlaufzeit gönnt er sich und den Künstlern, „damit eine Ausstellung wachsen kann. Qualität und Nachhaltigkeit sind unverzichtbar. Das braucht Zeit.“

Gerd Weggel und ich sitzen bei einer Tasse Tee in der Gastronomie der Neuen Galerie und plaudern aus dem Nähkästchen. „Ja, dort oben auf der Empore, da hing vor Jahren die Polke-Ausstellung.“ Der große Polke, wie kommt man denn an den? „Von vielen befreundeten Künstlern bekomme ich Tipps. Da kommt eins zum anderen. Mittlerweile spricht sich rum, dass Gladbeck eine Adresse ist.“

Gibt es ein Programm? „Es gibt keine Programmatik, aber ich achte auf die Bandbreite, also darauf, dass Installation, Malerei, Figürliche Plastik etc. vertreten ist, das gesamte Spektrum künstlerischer Ausdrucksformen. Vier Ausstellungen pro Jahr mit professionellen Künstlern. Oder auch mit vielversprechend frischem Wind aus den Kunstakademien. Und“ - Gerd Weggel hält inne – „ich möchte hier etwas Eigenes machen, mit dem Raum zusammen. Unverwechselbarkeit ist wichtig.“

Das gefällt mir, ist absolut nachvollziehbar. Der Kurscheid-Wiegand-Raum ist ein besonderer: fensterlos, schlicht, enorme Deckenhöhe, einfacher Estrich, Wände aus Sichtbeton, konkret, nicht dekorativ - ein „white cube“ ohne Schnickschnack, hermetisch, ein Ort für Kunst. Wer hier ausstellt, kommt nicht drum rum, Raum als Potential zu fühlen, mit nicht gegen den Raum arbeiten zu wollen. Im Gegenzug nobilitiert der Raum das Werk. Ausgestelltes fräst sich nachhaltig ins Gedächtnis.

So, wie gerade die Ausstellung der 1977 in Gwanju/Südchorea geborenen SEO, die in Berlin lebt, von 2001 bis 2004 bei Georg Baselitz an der Universität der Künste Berlin studierte und in Gladbeck neben acht reliefartigen Aluminium-Wandarbeiten („Kalte Landschaften“), weiteren farbexpressiven Collage-Malerei-Bildern, vier beeindruckend überlebensgroße Aluminium-Glocken frei schwebend im Raum zu sphärischen Klängen und als Licht-Raum-Installation zeigt.

Hochästhetisch spielt die puristische Installation mit Schattenwurf, subtiler Kinetik und meditativem Sound, imaginiert Wasser-Impressionen, ruft Natur-Assoziation, Kultur-Faszination auf den Plan. „Das Gefühl in meinem Inneren“ zielt auf die globalisierte Welt. SEO drückt es so aus: „Wir haben kein eigenes Heimatgefühl. Im Grunde sind wir durch diese Entwicklung Heimatfremde geworden.“ Nach Ende der Ausstellung in Gladbeck am 3. April geht die Präsentation direkt zur Biennale nach Venedig. Wow, die Neue Galerie Gladbeck war erste Station!

Ob auch SEO den Gladbecker Raum am liebsten „so, wie er ist“ komplett mitnehmen würde? Mancher Künstler vor ihr hatte genau das vor, für andere Ausstellungsstätten mit weniger optimalen Bedingungen.

„Ein bisschen stolz macht das schon, wir besetzen eine Nische, bieten einen Ort für zeitgenössische Kunst, der auch großformatigen Arbeiten Platz bietet. Viele Werke entstehen eigens für diesen Ausstellungsraum“ sagt Gerd Weggel und ist da zu Recht einmal nicht bescheiden.

Sympathisch denkt und spricht er wie ein Künstler, feinnervig, sensibel, mit Blick für architektonische, für atmosphärische Details. Mich wundert es nicht, dass er eigentlich mal - „lang ist`s her“ - Kunst studieren wollte. Zwei Semester Essener Folkwang-Studiumwurden es. In denen merkte Gerd Weggel, dass irgendetwas nicht „echt“ war. Das Kunstwollen, das Kunstmachen habe sich „gefaked“, „kopflastig“ angefühlt .

Er schwenkt um, studiert Visuelle Kommunikation, Designpädagogik, Germanistik, macht Staatsexamen, kommt 1989 als Schulleiter an die Erich-Kästner-Realschule in Gladbeck. Statt dort Mangel zu verwalten, packt Gerd Weggel an: stärkt Lehrer wie Schüler, gibt die Parole aus: „Komm mit - Fördern statt sitzenbleiben!“, führt einheitliche Schulkleidung ein, gibt jedem Jugendlichen ein Gesicht. Portraits der Kids hängen im Schulbüro, stärken das Wir-Gefühl. Schule als Lebensraum, das ist Gerd Weggels Vision. Die Kunst spielt da mit. Besuche der Neuen Galerie Gladbeck stehen auf dem Stundenplan, werden angenommen. Inzwischen so einschlägig, dass die „Schule schon so eine Art Beschleuniger für das Ausstellungsforum ist.“

Wenn ich mich nicht täusche, klingt Gerd Weggel richtig glücklich. Was wiederum mich glücklich macht. Nur selten stimmt der Einklang von Kunst und Leben so überzeugend wie hier. Was Mut macht - rundum.

Die Neue Galerie Gladbeck - Erfolg mit Mentor hinter den Kulissen