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15. Januar 2019 - von Claudia Posca

Die Last mit der Lust auf Kunst

Witten

Die Last mit der Lust auf Kunst beim Erben Ich staune immer wieder, was Ausstellungen und Kunstschaffende Wertvolles zu denken geben. In diesem Fall betrifft es die sicherste Sache der Welt: Nach dem Leben kommt der Tod. Allerdings will kaum einer davon wissen. Trauen Sie sich doch mal bloß ihrem Spiegelbild den Satz ins Gesicht zu sagen: Ich werde sterben. Sehen Sie. Es fällt schwer den eigenen Tod aufzurufen. Und für die Überlebenden hängt - immer! -  ein ganzer Rattenschwanz dran: Was passiert mit dem Nachlass? Und da wir auf der Bühne der Kunst sind: Was passiert mit den nicht ins Museum oder ins Privatsammlungsdepot gelangten Kunstwerken, wenn sie ihre Schöpfer überleben? Da beginnt ganz realistisch die Last mit der Lust auf Kunst.

Die Last mit der Lust auf Kunst beim Erben

Ich staune immer wieder, was Ausstellungen und Kunstschaffende Wertvolles zu denken geben. In diesem Fall betrifft es die sicherste Sache der Welt: Nach dem Leben kommt der Tod. Allerdings will kaum einer davon wissen. Trauen Sie sich doch mal bloß ihrem Spiegelbild den Satz ins Gesicht zu sagen: Ich werde sterben. Sehen Sie. Es fällt schwer den eigenen Tod aufzurufen. Und für die Überlebenden hängt - immer! -  ein ganzer Rattenschwanz dran: Was passiert mit dem Nachlass? Und da wir auf der Bühne der Kunst sind: Was passiert mit den nicht ins Museum oder ins Privatsammlungsdepot gelangten Kunstwerken, wenn sie ihre Schöpfer überleben? Da beginnt ganz realistisch die Last mit der Lust auf Kunst.

Aber Augen auf, Augen zu? 

Einen Vorteil immerhin haben verwaiste Werke. Vor allen anderen nachgelassenen Materialsammlungen haben sie die theoretische Chance als bewahrungswürdiges Kulturgut eingestuft zu werden. Weil eben doch eine gewisse Ehrfurcht vor dem Sehnsuchtspotential künstlerischer Produktionen an Kunst hängt, in der Hoffnung, diese möge doch durch Kreativität die Welt besser machen. Und findet sich gar jemand, besser mehrere mit Muße, Zeit, Platz und Geld fürs Bewahren, haben Kunstwerke sogar eine gute Prognose dem Schredder zu entgehen, um sagen wir mal, in einem Nachlass-Archiv zu landen. Mit der Option auf Ewigkeit. 

Oder doch nicht? 

„Aah, ich höre da was raus: Du bist im Märkischen Museum Witten gewesen, hast Frank Michael Zeidlers „Einzelgänger und Paare“-Ausstellung geguckt, die von einem Künstler stammt, der 2016 „Das verlorene Bild – Eine Aufforderung zur Reflexion über Künstlernachlässe“ publiziert hat. Richtig?“

Richtig. Und – ich entschuldige mich im Voraus dafür, dass ich, während mein Blick in die klein- und großformatigen Bilder und Zeichnungen des 1952 in Leipzig geborenen Malers rein kroch, um sich in den facettenreichen Gegensätzen von Schwarz und Weiß, von Fülle und Leere bis hin zu Spontanität und Konzept zu verlieren, nicht vergessen konnte, dass der, der diese Spannung von These und Antithese auf den Bildgrund zauberte, es im Bewusstsein eines über allem schwebenden Damoklesschwertes tat: nämlich, dass, sollte er nicht selbst zu Lebzeiten die eigenen Kunstnachlassangelegenheiten geregelt haben, seine von ihm genuin erfundene Welt möglicherweise im Nirwana verschwindet, weil ja potentiell stimmt, was er auf Seite 35 notiert hat: „So wichtig diese kaum überschaubaren Heerscharen von Künstlerinnen und Künstlern für ein kreatives Klima in unserer Gesellschaft auch sein mögen, so vorteilhaft sich die gesamte Unterstützung von kreativem Potenzial auch immer darstellt, so wenig wurde und wird eine kritische Äußerung zu den stets anwachsenden Materialansammlungen in den Ateliers geführt. Der Drang nach Selbstverwirklichung der eigenen Individualität lässt die Fragen nach dem Umgang mit all den geschaffenen Werken während eines Künstlerlebens und sinnerweise nach dem Tode fürs Erste vollkommen nebensächlich erscheinen.“ Selten so klar hört man so realistisch das künstlerische Tun bis zum Ende überdacht.

Der Mann weiß in der Tat, wovon er spricht. Zusammen mit der Berlinischen Galerie hat Frank Michael Zeidler 2012 ein Symposion über Künstlernachlässe initiiert. Seither lässt ihn das Thema nicht los: „Waren es in der Vergangenheit oftmals wenige gerahmte Werke und unzählige gefüllte Mappen, welche Nachlassnehmer sortieren mussten, sind heute in einem Atelier ganze Kollektionen präsentationsfertiger Ausstellungen aufbewahrt und warten darauf, von Erben versorgt zu werden.“

Ausstellungsansicht „Frank Michael Zeidler: Einzelgänger und Paare", Märkisches Museum Witten 2018/19, Foto: Eric Jobs, Hattingen. © VG BILD-KUNST BONN. Und wenn bei den Nachlassnehmern die Lust auf Kunst in Frust umschlägt? Weil nichts geregelt ist, weil der Nachlassgeber zwar ein volles Atelier, aber weder ein Werkverzeichnis noch ein Vertragswerk noch Lieferscheinlisten erstellt hat? In einem solchen Fall verkehrt sich eine inhaltlich gewünschte, weil inspirierende Sperrigkeit von Kunst ins Gegenteil. Klar doch, dass das flasht, erschreckt, überfordert.

Als Retter in der Not erscheint da manchem Erbnehmer, das im hoffentlich vorhandenen Testament (!) bisweilen gar drin steht, was keiner vermuten würde, dass der Erblasser sein Werk nach seinem Ableben vernichtet wissen will. Puh, noch mal Glück gehabt mit dem geerbten Kunstschatz?

Ja, denkste! Frank Michael Zeitler, der übrigens seit 2008 die Interessen der Bildenden Künstlerinnen und Künstler als Verwaltungsratsvorsitzender der Verwertungsgesellschaft VG Bild-Kunst vertritt, beschreibt in seinem wunderbar einfühlsamen Buch (unbedingt lesenswert!), was kein Handbuch ist, aber ein intensiv informierender Weckruf, so manchen versteckten Fallstrick: „Juristisch ebenfalls nicht uninteressant ist die testamentarische Verfügung des Verstorbenen, der einen potenziellen Erbnehmer veranlassen will, ein Werk posthum zu vernichten. Folgt der Erbe diesem Wunsch, macht er sich streng genommen der Steuerhinterziehung schuldig, weil er dem Staat Steuereinnahmen – insbesondere Einnahmen, die aus der Mehrwertsteuer resultieren – vorenthält. Allerdings ist dieser Fall so besonders, dass er auch in juristischen Kreisen kontrovers diskutiert wird. Er zeigt jedoch in aller Deutlichkeit die steuerrechtlichen Verquickungen, in denen sich der Künstler oder die Künstlerin befindet und denen man sich offenbar auch als künstlerisch bestimmter Freigeist nur schwerlich entziehen kann – es sei denn, es ist einem egal, welche fiskalische Verantwortung man seinen Erben hinterlässt.“ Ausstellungsansicht „Frank Michael Zeidler: Einzelgänger und Paare", Märkisches Museum Witten 2018/19, Foto: Eric Jobs, Hattingen. © VG BILD-KUNST BONN.

„Mannomann, sowas von kompliziert! Also, da finde ich ja, bei tiefstem Mitgefühl fürs Unwohlsein im Umgang mit der Thematik auf Seiten der Kunstproduzenten, dass es ganz eindeutig ihre ureigenste Verantwortung ist, sich zu Lebzeiten kundig zu machen und alles frühzeitig zu regeln, damit die Erben nicht hinten rüber fallen. Kunst hin oder her. So gewissenhaft muss auch der traumverträumteste Künstler sein.“

Stimmt. Zumal es noch vertrackter kommen kann: „Manchmal stellt der Nachlass eines Künstlers die Erben vor ein ästhetisches Dilemma, aber viel öfter noch vor ein steuerliches. So kann auch der Künstlernachlass Betriebsvermögen sein, denn diese Eigenschaft geht nicht allein deshalb verloren, weil die künstlerische Tätigkeit aufgrund ihrer höchstpersönlichen Natur von den Erben nicht fortgesetzt werden kann. Mit dieser Feststellung des Bundesfinanzhofes fängt das Problem jedoch erst an: Werden die Kunstwerke zu schnell verkauft, gilt das als freibetragsschädliche Betriebsveräußerung. Und entscheiden sich die Erben dafür, die Kunstwerke dauerhaft zu behalten, liegt in der Regel eine ebenso schädliche Betriebsaufgabe vor. In solchen Fällen ist daher eine Steuerplanung schon zu Lebzeiten des Künstlers keine schlechte Idee.“

Ob man bei dieser verzwickt verzwackten Seite des Künstlerdaseins überhaupt noch frei arbeiten kann? Eingedenk der Tatsache, dass man als Kunsttätiger selbst dazu beiträgt den Kunstberg wunderbarer Fantasien stetig wachsen zu lassen und hunderte Absolventen die Akademien Jahr für Jahr mit Meisterbrief/ Diplom verlassen? Wohin nur mit all dem, was da erdacht, gestaltet, materialisiert wird?

Ausstellungsansicht „Frank Michael Zeidler: Einzelgänger und Paare", Märkisches Museum Witten 2018/19, Foto: Eric Jobs, Hattingen. © VG BILD-KUNST BONN. „Ja, wohin mit der erbrachten Leistung? Wo denn soll`s bleiben, dieses sich massierende Kreativpotential am Ende eines Lebens, wo doch selbst Museen inzwischen kaum mehr Schenkung oder Stiftung aufnehmen? Letztens noch hab` ich `ne Diskussion zum Entsammeln des öffentlichen Raumes im Blick auf Public Art gehört. Würde mich nicht wundern, wenn das in letzter Konsequenz auch eine Option fürs Museum ist.“

Die Vorstellung ist gruselig. Aber denkbar. Zumal selbst eigens zur Bewahrung von Künstlernachlässen gegründete Institute, wie beispielsweise das Künstlerarchiv Brauweiler auf dem Gelände des LVR-Kulturzentrum Abtei Brauweilerin Pulheim bei Köln, wo Frank Michael Zeidler seit 2009 Mitglied des Aufnahmegremiums ist, schon im Aufnahmeantrag schreiben: „Da die räumlichen Kapazitäten des Archivs mit derzeit 2000 m² zwar großzügig bemessen, aber doch begrenzt sind, kann nicht jedes angebotene Œuvre aufgenommen werden.“

„Na dann noch einmal mehr: Die Kunstschaffenden selbst sollten sich zeitlebens um ihren Nachlass kümmern. Was ja nicht heißt, dass es kein öffentliches Engagement für Künstlernachlässe und jedwede nur erdenkliche Hilfestellung geben muss! Aber nach mir die Sintflut – das geht am Herzschlag der Kunst vorbei.“ Ausstellungsansicht „Frank Michael Zeidler: Einzelgänger und Paare", Märkisches Museum Witten 2018/19, Foto: Eric Jobs, Hattingen. © VG BILD-KUNST BONN.

Da sagst Du was. Auch wenn`s natürlich schwer fällt sich mit Tod, Bürokratie und Steuer zu befassen, was mit zunehmendem Alter und anstehender Erbschaftregelung verständlicherweise zu einer Last mit der Lust auf Kunst werden kann. Aber sich die Lust von der Last streitig machen lassen? Never ever!

Chapeau deshalb für ein wichtiges Buch. Es hilft denjenigen klarer sehen, die die Kunst bis zuletzt als existentielle Haltung verstehen.


Mehr zur Ausstellung Frank Michael Zeidler: Einzelgänger und Paare im Märkischen Museum in Witten finden Sie in unserem Kunstgebiet.Ruhr Ausstellungskalender.

Bildrechte:

Titelbild: © Claudia Posca.

Weitere Bilder: Ausstellungsansichten „Frank Michael Zeidler: Einzelgänger und Paare", Märkisches Museum Witten 2018/19, Foto: Eric Jobs, Hattingen. © VG BILD-KUNST BONN.

 

 

Die Last mit der Lust auf Kunst