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26. Mai 2016 - von Claudia Posca

Die Krux mit Frau F.

Essen

So, heute ist mal wieder Plaudern aus dem Nähkästchen angesagt. Weil ich oft danach gefragt werde, wie ich an Kunst, Künstler und all die Themen auf dem Kunstparkett rankomme? Was schnell beantwortet ist: Gucken, gucken, und nochmals gucken. Und natürlich lesen, recherchieren und telefonieren, rumfahren, nachfragen, Künstler, Ateliers, Kuratoren, Pressekonferenzen und Ausstellungsorte besuchen: das ganze Programm des schönsten Berufs der Welt.

Manchmal allerdings ist es zum Haare ausraufen. Da kommt man keinen einzigen Schritt weiter. Mein Waterloo heißt Frau F. und hat mit meinem Wunsch zu tun, einmal im Leben die bedeutende Künstlerin Frau F. aus Essen, dort vor sechzig Jahren geboren und inzwischen berühmt für ihre monochromen Großskulpturen, höchstpersönlich zu treffen.

Kollegen aber haben schon frötzelnd prophezeit: „Viel Glück! Frau Katharina Fritsch gibt keine Interviews!“ Aber wie heißt es so schön: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Meine auch.

Zumal ich schon 1987, damals unterwegs zu den „Skulptur Projekten“ auf Münsters Straßen, zu einem Fan der gelben Fritsch- „Madonna“ geworden war. Die hatte keine Scheu vor Publikum, war dafür aber auch mehrmals angegriffen worden. Vielleicht eben weil die Dame aus Lourdes mitten im Leben stand? Und auch das Rendezvous mit Katharina Fritschs „Mann und Maus“ hab` ich nicht vergessen, genauso wenig wie ihren fies-schönen „Rattenkönig“ und ihre berühmte 32-Gleichfiguren-„Tischgesellschaft“.

„Wer bin ich - und wenn ja wie viele“, der Bestseller-Titel von Richard David Precht bringt es auf den Punkt: Fritsch-Kunst ist existentialistisch angehaucht, ist schaurig schön, ist Klon-Treff, Nachtmahr, Rätsel. Ich hätte da viele Fragen an die Meisterin. Vor zehn Jahren hat sie mal zu ihrer Gesellschaft der Gleichen gesagt: „Für mich selbst ist das ein Schreckensbild, die Auflösung der Identität in einen unendlichen Raum.“  Manchmal geben Stars dann doch Interviews.

Was wiederum mir Mut macht. Einmal mehr, weil ich Katharina Fritsch sogar auf YouTube finde, 2013 in einen Talk verwickelt, geführt im Frankfurter MMK mit Ausstellungsmacher Julian Heynen. 2002 zeigte der Mann zur Eröffnung des umgebauten ehemaligen Landtages am Kaiserteich in Düsseldorf, heute K21, eine erste große Fritsch-Schau. Klar, dass Katharina Fritsch da Vertrauen hat.

So ein Julian Heynen bin ich natürlich nicht. Welches Kunstpublikum ist das schon? Aber auch der ´gemeine Ruhri` ist fasziniert von einer Star-Künstlerin, die aus dem Ruhrpott stammt. Da gibt es nun mal Schnittmengen: Wir aus dem Revier. Außerdem finde ich ja, dass Fritsch-Kunst etwas hat. Weil sie mit individuellen und kollektiven Erinnerungen spielt, weil sie mit Klischees und Wünschen Zitterdramaturgie inszeniert, weil sie aus Abgründen und einer absurden Magie Milieustudien kreiert. Welcher Kunst-Sympathisant würde da nicht schwach? Ob die Frau selbst ein Geheimnis ist?

Das Rausfinden ist Sisyphus-Arbeit. Also träumte ich weiter: Traum- wahr-werden. Irgendwann musste es doch klappen mit einem Small-Talk, allen Gerüchten zum Trotz, dass Frau F. „medienscheu“ sei, wie Kunstkreise munkeln. 

Self-Fullfilling-prophecy oder nicht? Es kam der Tag, es kam Frau Fritsch. Hierher ins Revier, zurück in ihre Geburtsstadt Essen. Lang ist`s her, dass sie das tat. Düsseldorf ist seit Jahrzehnten ihr Revier. Essen verließ sie im zarten Alter von nur einem Jahr.

Geboren wurde Katharina Fritsch als Tochter eines Architekten 1956 in Essen. Die Familie zog früh nach Langenberg/Velbert. Nach einem abgebrochenen Geschichts- und Kunstgeschichtsstudium begann Katharina Fritsch 1977 ihr Kunststudium bei Prof. Fritz Schwegler an der Kunstakademie Düsseldorf. Auf der richtungsweisenden Düsseldorfer Großausstellung „Von hier aus“ hatte sie 1984 ihren Durchbruch, damals war sie die jüngste Teilnehmerin. 1995 vertrat Katharina Fritsch Deutschland auf der Biennale in Venedig, 2001 war sie mit einer Solo-Schau in der Tate Modern Gallery London zu Gast, erhielt 2008 den mit 50.000 Euro dotierten Piepenbrock-Preis für Skulptur und 2014 den 55.000-Euro gewichtigen Kunstpreis der Landeshauptstadt Düsseldorf. Seit 2010 ist Katharina Fritsch Professorin für Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf. Essen aber war ihr aus den Augen, aus dem Sinn.

Was auch Essens Folkwang-Museumschef Tobia Bezzola verwundert feststellen musste, als er entschied: Das Folkwang-Museum soll Fritsch-Kunst zeigen. Eben auch, oder vielleicht gerade weil die namhafte Künstlerin ja im Grunde Ur-Essenerin ist, Wahl-Heimat Düsseldorf hin oder her.

Jetzt zeigt das Renommee-Museum Renommee-Kunst der Essen-Düsseldorferin. Und die ist in diesem Fall ausgesprochen Revier-freundlich. Historische Postkarten-Motive aus Essen und Umgebung, vom Opa einst an die Enkelin verschickt, liefern die Vorlage für Katharina Fritschs Großformat-Siebdruck-Serie, entstanden zwischen 2005 und 2007: der Baldeney-See, der Gruga-Park, der Kennedyplatz. Alles hat die Künstlerin enorm vergrößert und hauchzart eingefärbt. Ob der Opa ahnte, dass es schon in den 1970er/80er Jahren Zeit war, die aufstrebende Künstlerin ans schöne Ruhrland zu erinnern? Und ob Katharina Fritsch dann irgendwann selbst dachte, sich daran erinnern zu müssen?

Nostalgie von Katharina Fritsch?

Ja, aber gebrochen, farbig ver- und entfremdet. Bis Ende Oktober sind die Stadt-Interpretationen im Folkwang zu sehen, dreizehn an der Zahl, dazu vier Plastiken und in der Villa Hügel ein weiterer Fritsch-Raum.

Ob es aus diesem Anlass dazu kommt: Revier-Journalistin trifft internationale Künstlerin? Noch im Hirn ist mir das Fritsch-Zitat von 2013: „Künstler sollten ohnehin nicht zu viel reden.“ Hat die kluge Frau anlässlich einer Düsseldorfer „Kunst im Tunnel“- Ausstellung ihrer Akademie-Meisterschüler gesagt.

Was ich extrem gut nachvollziehen kann. Denn wenn Künstler Kunst erklären müssten, bräuchten sie kein Bild. Schließlich spricht Fritsch-Kunst bildlich, was nicht sprachlich und also übersprachlich ist. Fehlanzeige für eine 1:1-Übersetzung. „Oft haben meine Skulpturen eine glatte Oberfläche, sodass jegliche Reflektion der Umgebung verschwindet. Das verstärkt den Eindruck einer nicht greifbaren Erscheinung“ spielt mir die Künstlerin den Ball zu. Hat sie allerdings nicht mir beschert, sondern anlässlich ihrer Ausstellung 2009 in den Hamburger Deichtorhallen geäußert.

Reden tu` ich aber trotzdem über ihre Kunst und deren „nicht greifbare Erscheinung“. Denn Katharina Fritsch stammt nun mal aus Essen und das ist Revier im Kunstgebiet Ruhr. Weshalb es  ganz wunderbar wäre, sich ´in echt` mit der Künstlerin von Rang und Namen zu unterhalten.

Wann also ist das Presse-Date? Was? Das glaub` ich jetzt nicht: Der Termin ist seit Wochen fett in meinem Kalender geblockt. Allerdings nicht für die Essener Bildhauerin. Tut mir leid, ich kann nicht kommen. Die Krux mit Frau F. geht in die nächste Runde. Und ich denk` noch mal nach über den schönsten Beruf der Welt und seine Tücken.

Die Krux mit Frau F.