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1. Oktober 2015 - von Claudia Posca

„Die beste Skulptur, die im öffentlichen Raum stehen kann, ist der Schneemann.“

Essen

„Art Public? Erzähl doch mal.“ Sohn und Freundin quetschen mich aus. Ein 5-Stunden-Symposion liegt hinter mir: Kunst im öffentlichen Raum. Tagungsort: Scheidtsche Hallen in Essen-Kettwig, Ringstr. 51, im dortigen „kunstraum“. Geschätzte 100 Leute drängen sich drinnen, WDR 3 schneidet fürs Radio mit, das Podium ist mit Experten aus Kunst und Politik besetzt. Draußen zaubert die Sonne einen herrlichen 26. September-Tag.

Der örtliche Heimat- und Verkehrsverein hatte zur Gratis-Fachtagung eingeladen. 30 Jahre Kettwiger Skulpturenpark - das Jubiläum war’s den Kunstenthusiasten wert, ein Mammut-Projekt zu stemmen. Hut ab! Für beste Stadtteilkultur.

14 Skulpturen hat der Verein im gesamten Stadtgebiet Kettwigs platziert, Carl Emanuel Wolffs etwas anderer „Märchenbrunnen“ darunter, Friedrich Werthmanns informell-raumtänzerischer „Siebener Sinus mit Loop“, Johannes Brus’ „Nashorn“, liegend in Beton. Neben der Bürger-Initiative „Kunst am Moltkeplatz“ in Essen-City ist der Kettwiger Skulpturenpark ein herausragendes Projekt. Die Künstlerin Marianne Kühn brachte es 1985 auf den Weg.

„Und?“ Meine Familie ist neugierig. Dass es im „kunstraum“ um nicht museal präsentierte, witterungsbeständige Kunst unter freiem Himmel ging, brauche ich nicht zu erklären. „Art Public heißt doch auch, dass die Kunst für die Öffentlichkeit gemacht ist. Wird die Öffentlichkeit denn gefragt? Können wir zum Beispiel mitbestimmen, welche Kunst von welchem Künstler wir in der City sehen möchten?“

Gut, dass das Leben einen immer wieder aus Trott und Routine rausreißt. Die Fragen sind iggelig. Auch, wenn ich ziemlich Kettwig-geschafft bin, das Thema reizt. Also kein Feierabend zu Haus. Das Symposion geht weiter.

„Ja, wie kommt denn nun Kunst in die Cities? Wer holt und bestimmt sie? Was überhaupt macht den öffentlichen Raum aus?“

Ähnliches hatte ich heute schon mal gehört. Kurz und knapp: Am Anfang von Public Art steht die griechische Agora, der Ort für alle und alles, ein Platz, wo das Leben pulsiert, wo sich Upper- und Lower-Class treffen, wo Politik stattfindet. Und heute? Städte heute haben einen Mangel an Plätzen, in Italien ist das ganz anders. Bei uns jedoch ist die City zersplittert, der öffentliche Raum als sozialer Ort für Austausch und Kommunikation ist eher tot denn lebendig.  Open-Air-Kunst bringt den öffentlichen Raum immerhin ins Gespräch,  macht ihn überhaupt erst sichtbar.

Und eben deswegen ist es mir wichtiger, wie das geschieht, was da an ästhetischem Angebot in der City passiert. Die Frage, ob das gewünscht ist? Ist natürlich auch wichtig.

Aber: Im Binnenzirkel ästhetischer Diskussion steht Streitkultur im Vorfeld der Aufstellung öffentlicher Kunst nicht unbedingt an erster Stelle. „Ist aber auch gut so“ raunt mein Alter Ego aus der Seele: „Würde man ein breites Publikum befragen, welche Kunst den öffentlichen Raum bevölkern kann, darf, soll, dann kämen Brunnen und Brünnchen und vielleicht eine Gartenzwerg-Kultur dabei heraus.“ „Wasser-Buletten“  frötzelte ein Symposion-Teilnehmer.

„Einspruch, euer Ehren, die Basis ist nicht so dumm, wie Sie meinen. Und Dirigismus von oben kommt bei der Bevölkerung gar nicht gut an“, antwortet sogleich meine zweite innere Stimme. Allerdings Niedlich-Kunst? Kann genauso Dirigismus sein. Diesmal allerdings von unten. Was also tun? Niemand möchte bevormundet werden.

Die Materie ist komplex. Das Symposion ist eine beste Werbung für die Notwendigkeit, die Ecken und Kanten der Kunst im öffentlichen Raum dringlich zu machen, sie öffentlich zu diskutieren. Einfach ist das nicht. Zumal da noch einiges im Hintergrund dräut: Finanzierungs-, Versicherungs-, Transport-  und Pflege-Kosten, Material- und Standort-Fragen, die Überlegung, ob nicht temporäre Kunst, Sound- oder Klangkunst, Video-Art oder Licht-Kunst ebenfalls in die Open-Air-Galerie einziehen sollte, könnte, müsste?

Und wenn man dann noch bedenkt, was Dr. Uwe Rüth in seinem Sieben-Meilen-Stiefel-Impulsreferat zur Kunstgeschichte der Art Public vom Kaiser-Wilhelm-Denkmal über die Münsteraner Skulptur-Projekte bis hin zu zeitgenössischer Street Art, Urban Gardening und Knitting Art (umstrickte Bäume, Pöller etc.) antippte, nämlich dass die Definition von Kunst stets historisch gebunden, auch interessengeleitet ist, heutige Kunst also in der Zukunft eventuell anders gesehen und bewertet wird, dann ist’s einmal mehr vertrackt.

Trotzdem: Ich von meiner Warte aus möchte im öffentlichen Raum nachhaltiger Kunst begegnen, einer Kunst von überdauernder Aussagekraft und bildnerisch überzeugender Qualität in authentischer Einmaligkeit. Und wenn sie dann auch noch einem internationalen Vergleich stand hält - umso besser. Da vertraue ich in der Regel lieber den Experten und Jury-Kommissionen als meinen Nachbarn, die ich sehr schätze.

„Aber ich mag’s nicht, dass mir einfach was vor die Nase gesetzt wird, dass ich dann auch noch gut finden soll. Kein Wunder, dass viele die Draußen-Kunst blöd finden!“

Auch das kann ich verstehen. Ob es die Skulptur um die Ecke deswegen so schwer hat? Vor allem, wenn sie rostet statt glänzt, wenn sie sperrig statt schmeichlerisch ist?

Andererseits: Darf Kunst, nur weil sie nicht gefällt, besprüht, bemalt, beschmiert werden? Art Public hat viel auszuhalten. Vogelfrei hat man das früher genannt. Richard Serra, der Welt-Star der Sparte, und im Revier bestens durch seine Bramme auf der Essener Schurenbach-Halde sowie das Bochumer „Terminal“ bekannt, legt den Finger in die Wunde: „Wenn Leute (ins Terminal) rein scheißen wollen, dann offenbart das etwas über die Leute in diesem Land. Wenn sie sich daran freuen wollen, dann offenbart das etwas über die Leute. Und wenn sie das Werk nur auf seine technische Konstruktionsformel reduzieren und in einem Kunstwerk nicht mehr sehen können, dann offenbart das etwas über ihr beschränktes Kunstverständnis.“

„Stimmt auch wieder. Vielleicht ist der Schneemann tatsächlich die beste Lösung?“ Das Zuhause-Symposion findet eben sowenig eine Lösung, wie das in Kettwig. „So kompliziert hab’ ich mir Straßen-Kunst nicht vorgestellt.“

Vielleicht ist Kunst im öffentlichen Raum viel grundsätzlicher problematisch als wir hier unten und die da oben so denken? 

„Die beste Skulptur, die im öffentlichen Raum stehen kann, ist der Schneemann.“