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13. Oktober 2016 - von Claudia Posca

Die Banane ist nicht Banane!

Hagen

Es ist eine Binsenweisheit, aber wahr: Aus dem Ruhrgebiet kommen Künstler, die sind so bekannt, wie der bunte Hund. Nur, dass dieser, der jetzt im Hagener Osthaus Museum mit über 50 Arbeiten zu Gast ist, mit nur einem einzigen Farbton berühmt wurde: Poppig-Sonnenlichtgelb.

Ja, 30 Jahre Bananensprayer Thomas Baumgärtel sind eine Macht! Sie wissen schon, überall dort, wo der Künstler überzeugt ist, dass Kunst drin steckt, da sprüht er Bananen drauf. Kultig finden das viele, so wie viele auch Andy Warhols Marilyn kultig finden.

In Bochum sind`s vier gelbe Paradiesfeigen - so hießen die krummen Dinger früher einmal -, in Dortmund sind es elf, in Gelsenkirchen acht, in Duisburg vier - und hier, nicht zu vergessen, steht zudem noch das erste „Bananenhaus der Welt“ an der Karlstraße 28 in Duisburg Ruhrort. Essen gar hat vierzehn Bananen. Wer das Komplett-Programm der Revier-Bananisierung abfragen will, der gibt im Netz ein: „Die herausragenden Kunst-Orte des Ruhrgebiets von Thomas Baumgärtel mit der Spraybanane markiert“. Weltweit sollen es an die 4000 Spray-Bananen sein, verteilt in ganz Europa und in Amerika.

Inzwischen ist das Markenzeichen ein begehrtes Kulturgut, etabliert als Ikone,  Auszeichnung, Qualitätsmerkmal. 1989 soll Siegfried Gohr, ehemaliger Direktor des Museum Ludwig Köln dem Konzept-Gärtner geschrieben haben: „Suchen Sie sich bitte einen schönen Platz für Ihre Banane aus. Ich bin schon gespannt, Ihr Zeichen an unserem Haus zu sehen.“

Jetzt ist auch Hagen im Bananen-Adel vertreten. Re-designed muss man sagen, denn 2010 hatte der schon x-mal für seine Sprüh-Aktionen verhaftete, 1960 in Rheinberg, Kreis Wesel, geborene Künstler dem Osthaus Bananen-Kunst beschert. Allerdings im Innenraum, wo die tropische Frucht, die botanisch gesehen eigentlich eine Beere ist, im Laufe der Zeit versteckt verschütt gegangen war. Das neue Krumm-Wahrzeichen des Hagener Museumsquartiers dagegen prangt unübersehbar auf der Glasfront des Eingangsportals. Glückwunsch dazu!

Doch alles so schön gelb, einfach und klar ist das mit der Spraybanane des Thomas Baumgärtel nicht. Weil süß anders geht, schmecken tun nur die echten ´Finger` - ehrlich, so heißen die einzelnen Bananenfrüchte, die mit zehn bis zwanzig ´Fingern` eine ´Hand` bilden! 

Als Fingerzeig aber benutzt sie der in Köln beheimatete Künstler sehr wohl. Hoch brisant, hoch politisch. Jüngst noch im Kunstverein Langenfeld.

Im Vorfeld der Hagener Baumgärtel-Ausstellung wurden dort „Politische Bilder“ für nur kurze drei Wochen, vom 10. September bis zum 3. Oktober, gezeigt. Darunter ein Werk, dass für mächtig Furore sorgte: Baumgärtels „Unter der Gürtellinie“ zeigt Recep Erdogan mit heruntergelassener Hose vornübergebeugt mit Banane im Allerwertesten, gemeint als Solidaritätsbekundung an die Adresse des Satirikers Jan Böhmermann und als Kritik an dem türkischen Präsidenten, „der nicht nur im eigenen Land die Kunst- und Meinungsfreiheit unterdrückt, sondern auch in Deutschland mit seinen 6000 Informanten (ein größeres Agentenheer als einst die Stasi!) versucht Druck auszuüben und Leute einzuschüchtern…“, notiert es der aus der Gegenwartskunstszene nicht wegzudenkende Künstler, ein allererster Mitbegründer europäischer Urban Art, in einer Stellungnahme auf der HP des Kunstvereins Langenfeld.

Der wiederum schreibt an selbiger Stelle: „Als Street-Art-Künstler ist Thomas Baumgärtel seit Jahren mit „seiner Banane“ unterwegs - kritisch, ironisch, frech, provokant… Selbstverständlich ist auch im Vorfeld diskutiert worden, ob dem Wunsch des Künstlers entsprochen werden soll, jenes Bild auszustellen… Die Art der Darstellung ließ kontroverse Diskussionen erwarten. Indem der Kunstverein sich für diese Ausstellung ebenso wie für das Bild entschied, war den Handelnden dies und die damit verbundene Verantwortung bewusst. Und dies bedeutet, dass von Beginn an klar war, wenn die Ausstellung einmal konzipiert ist, gibt es keine Option für Veränderung oder Austausch einzelner Exponate, denn die Präsentation ist im Gesamtzusammenhang zu sehen und zu diskutieren.“

Zwar ist das besagte Bild in Hagen nicht gezeigt. Dennoch, so sagt es der 1992 auf der documenta 9 mit neun Sprühbananen vertretene Gründer der „Ateliergemeinschaft CAP Cologne“ (mit inzwischen 50 internationalen Kunstschaffenden) in einem „Deutschlandradio Kultur“-Interview, stehe er derzeit unter Staatsschutz, das sei ihm nahe gelegt worden.

Die Banane als Hochrisiko, die Persiflage als No-Go?

Alles Banane?

Wohl überhaupt nicht. Thomas Baumgärtel hat Mut. In der Westfalenpost wird der Mann, der im Osthaus Museum neben seinen Bananen-Pointillismus-Bildern die „Baustelle Europa“ ortsspezifisch und temporär installiert hat, zitiert: „Ich habe als Künstler immer gemacht, was ich wollte, doch seit einiger Zeit wird die Bedrohung immer massiver. Viele Künstler haben Angst, viele trauen sich nicht mehr, frei zu arbeiten.“

Thomas Baumgärtel tut es trotzdem. „Freiheit für die Kunst“ heißt ein Bild mit Banane.

Anderes im Hagener Parcours könnte mächtig zünden. Ist, weil hoch wichtig, weil hoch brisant, hoch positioniert: an exponierter Stelle über dem Aufzug. Das kleine gelbe Blechschild verkündet: „In diesem Bereich ist für Ordnung und Sauberkeit Herr Erdogan verantwortlich“. Dessen Name findet sich nicht von ungefähr geschwärzt. Der Mann steht für finstere Zeiten, den Aufzug sieht man eher in den Keller fahren.

Das hat Wucht-Potential. Und ätzt, was ätzend ist. Selbst wenn sich die Hagener Ausstellung vom Titel her bedeckt hält: „30 Jahre Spraybanane - Thomas Baumgärtel in Hagen“.

Der aber, samt und sonders seiner Südfrüchte, politisiert. Das Publikum, die Gesellschaft, das Revier. Was ganz und gar nicht Banane ist!

Die Banane ist nicht Banane!