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21. November 2018 - von Claudia Posca

Der Tag, an dem die Mauer wuchs

Marl

Jepp, ich war mal wieder in Marl. Wo derzeit preisprämierte Video- und Soundkünste auf dem Programm stehen. Nur zu: das Skulpturenmuseum Glaskasten bietet Beeindruckendes der Sparte Neue Medien. Futter für Auge und Ohr, fürs drüber Philosophieren. Dazu auch wäre es gekommen, wäre es nicht anders gekommen. Und das wiederum kam so:

Wand, ich sage nur Wand. Seit ein paar Wochen steht eine solche nächst des Marler Skulpturenmuseums seitlich der verwaisten Hauptschule an der Kampstraße mitten auf grüner Flur, dort, wo einst das städtische Hallenbad, heute abgerissen, stand. Nichts weiter sonst als nur diese Wand besetzt vor Ort den Ort. Was als viel Wenig erscheint, dann aber enorm präsent rüber kommt. Stünde das seltsame Phänomen auf einer Skulpturenwiese, man würde weniger rätseln. Aber so? Die Mauer springt ins Auge, fällt auf, irritiert, reizt, kitzelt die Neugier. Auch, weil sie beim Hallenbadabriss nicht etwa übersehen, sondern erst neulich teuflisch taufrisch, gewollt und konzipiert, im Urban Space hochgezogen wurde. Jaja, ohne den Teufel an die Wand zu malen: Surrealismus packt ähnlich crazy an. Allerdings, das gebe ich zu: Dieses Marler Mirakel kommt lang nicht so mystisch daher, wie der Monolith in Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“. Aber ob das die Marler Wand gegen die Wand fährt, ihre Präsenz entkräftet, nur weil die Sache mit dem Monolith ein sicheres Totschlagargument ist, so immens die kulturhistorische Wucht dieses filmischen Schwergewichts wirkt?

So oder so, geben wir es ruhig zu: Mit dem freistehenden Bollwerk auf grüner Wiese ist keiner schnell fertig. Achtung: kreativer Ausnahmezustand! Eine phantastische Zumutung.

Bums, es war tatsächlich der Tag, an dem die Mauer wuchs. Dass sie ein Solitär wurde, eine einsame Wand umgeben von großer Freiraumfläche, macht sie rätselhaft. Und ja, ich konnte sie zunächst bei allem Staunen nicht anders als auch ein bisschen melancholisch betrachten, so isoliert, so ohne Verbund die arme Wand dort ihr Dasein fristet: ein architektonisches Element, weder Architektur noch funktionales Teil vom Haus noch Baustelle in spe. Ein schnödes Mauerwerk nur, knapp zwei Meter hoch, aber mit immerhin einem zweiten angrenzenden Teilstück ausgestattet, das im rechten Winkel angesetzt wurde. Das allerdings ist frontal vor der Mauer stehend zunächst mal nicht zu sehen, heißt also: ums Eck gucken! Und siehe da: Von hinten sieht das Ganze anders aus - Rohzustand, Stein auf Stein, perfekt gemauert, weiße Fläche mit grauen Mörtelfugen, ein perfektes Rastersystem. 

Was im Umkehrschluss bedeutet? Richtig, ich hab`s verschwiegen. Vorn ist was drauf auf der mysteriösen Wand: schwarz-weiße Geometrie in horizontaler Struktur. Von wegen weiß wie eine Wand! Diese hier betreibt - ganz klar - einen genialen Joke mit digitaler QR-Codierung: Was in der wirklichen Welt digitales Muster ist, das sieht man hier ausschnitthaft seziert und groß geboostet. Um dieses Tun sogleich ad absurdum zu führen, weil natürlich nichts wirklich scan- und lesbar ist. Außer, dass ich höchstpersönlich den verfremdeten QR-Code als zeitgenössische Adaption des digitalen Zeitalters im Dialog mit handwerklicher Bau- und Maurertradition lese. Sorry, diese kunsttheoretische Interpretation minimalistischer Ästhetik musste jetzt raus, inspiriert vom atmosphärischen Flow vor Ort, wo der anwesende Vierbeiner - Achtung! - „Rietveld“ heißt und ein würdiger Nachfolger von Vorgänger-Hund „Mondrian“ ist, wie ich später erfahren werde.

Künstler Sebastian Freytag und Hund Rietveld vor dem Kunstwerk "Res Publica" in Marl. Foto: © Claudia Posca Aber keine Angst: Ich will ja nicht mit dem Kopf durch die Wand.

Was es aber mit der Marler Mauer auf sich hat, will ich schon wissen. Zumal das Ganze unter dem Titel „RES PUBLICA“ läuft, also die öffentliche Sache in den Fokus rückt und ein Beitrag zum „Stadtbesetzungs“-Projekt ist, gefördert vom Kultursekretariat Gütersloh (www.kultursekretariat.de). Stichwort: „Das Publikum muss nicht immer zur Kunst kommen. Es geht auch andersherum.“ 

In diesem Jahr waren Städte dazu eingeladen unter dem Motto „Freiraum – Leerstand“, Künstler und Künstlerinnen zu mobilisieren, „den Leerstand in den Innenstädten nicht allein als Problem, sondern als Chance zu sehen, kreativ mit einer veränderten Situation umzugehen. Um dieses Ziel zu erreichen, wurden künstlerische Interventionen vorgenommen, die Impulse setzen und Möglichkeiten aufzeigen sollen.“

Das Marler Projekt „RES PUBLICA“ also will Mauern zu Fall bringen? Will ganz und gar nicht mauern gegen das, was im öffentlichen Raum schlecht funzt? Ahäm - und baut dann eine Mauer? Da steh` ich glatt mit dem Rücken zur Wand. Erfahre aber dann von Sebastian Freytag, dem Urheber des „RES PUBLICA“-Projektes, der Schüler des benachbarten Marler Hans-Böckler-Berufskollegs ins Kunstprojekt mit einschleuste und selbst ein Spezialist für Installationen auf Zeit, genauso wie für permanente Wandarbeiten im öffentlichen Raum ist, worum es tatsächlich geht:

„Für einen temporären Zeitraum von einem halben Jahr wurde eine Kalksteinwand (…) künstlerisch mit einer alten kunsthandwerklichen Verputztechnik bearbeitet. In der Technik des sogenannten „Sgraffito“ werden mehrere teilweise farbig pigmentierte Fassadenputze aufgetragen und die Zeichnung in den nassen Putz geritzt. Diese Technik findet sich beispielsweise in Marl an Fassaden von Gebäuden der 1950er und 1960erJahre.“  Das Kunstwerk "Res Publica" des Künstlers Sebastian Freytag in Marl. Foto: © Sebastian Freytag

Stimmt. Allerdings ist die Motivwelt der historischen Sgraffiti mehrheitlich gegenständlich, weder ein verfremdeter QR-Code noch ein konzeptuelles Kunstwerk. Nichtsdestotrotz: Sgraffiti sind unter uns, illustrieren ein wichtiges Kapitel Kulturgeschichte. Nur aufarbeiten mag deren Geschichte und Bedeutung anscheinend kaum einer. Der traurige Befund: Der Gegenwart sind Sgraffiti schnurz. 

Weshalb sich „RES PUBLICA“ der bis in die Antike zurückreichenden Kratzputztechnik annimmt: Reflektiert werde „der Transformationsprozess von Architektur und Kunst-am-Bau-Werken der Nachkriegsmoderne. (…) Diese Werke sind teilweise derart mit der Architektur verbunden, dass sie heute dem Betrachter nicht als Kunstwerke auffallen. Da viele der Architekturen unterdessen sanierungsbedürftig sind, stellt sich die Frage, wie mit diesen Gebäuden umzugehen ist. Oftmals wird ein kompletter Abriss der Architektur entschieden, was gleichsam für die fest verankerten Kunst-am-Bau-Werke das gleiche Schicksal bedeutet“ spitzt es der 1978 in Hannover geborene, heute in Köln lebende Sebastian Freytag, übrigens Hundebesitzer, zu.

Im Revier ist der Mann bekannt für Kunst, die sich einmischt, hat u.a. 2011 für den Neubau des Finanzamtes in Herne die Wandmalerei „Chance“ entwickelt, 2014 auf dem Essener Moltkeplatz das temporäre Kollektivwerk „Korridor“ geschaffen und ist zusammen mit der Köln/Düsseldorfer Künstlergruppe „Konsortium“ (Lars Breuer, Sebastian Freytag, Guido Münch) international mit Gemeinschaftswerken, die die Methoden des Sampelns und Adaptierens kunsthistorischer Vorbilder nutzen, gut unterwegs. 

Wir sprechen darüber, dass beim aufmerksamen Citygang viele historische Kunst-am-Bau-Reliefs auffallen. In Marl etwa am Albert-Schweitzer-Geschwister-Scholl-Gymnasium, an der Katholischen Hauptschule, an der Heinrich-Kielhorn-Schule. Sebastian Freytag hat das akribisch im Vorfeld von „RES PUBLICA“ recherchiert, will Mitte 2019 einen dokumentierenden Katalog zur Marler Mauer und den Sgraffiti-Schätzen der Stadt herausgeben. Um die urbane Geschichte und Kultur sowie deren Transformation und Aktualisierung festzuhalten. Aber auch, um für die emotionale Funktion von Kratzputz-Bilder in der Nachkriegsära zu sensibilisieren. Denn Sgraffiti schmückten und individualisierten private wie öffentliche Gebäude, verliehen dem oft tristen Alltag mit optimistischer Bildmotivik eine gewisse Leichtigkeit und Zuversicht. Identitätsstiftend. Wer aber denkt darüber heute nach?

Das Sgraffito entsteht. Sebastian Freytags "Res Publica" in Marl. Foto © Claudia Posca Jetzt ist das kulturhistorische Gut der gekratzten Idylle bedroht: Kommt die Abrissbirne, stirbt das Sgraffito.

Dagegen mauert „RES PUCLICA“ an, will dem dezenten Kulturerbe helfen. Von wegen mystische Marler Wand. Was schleierhafter Ersteindruck war, entpuppt sich als bildmächtiges Manifest, macht aufmerksam auf  handwerkliche Techniken, schärft Sinne für Architekturformen, für Kunst-am-Bau-Werke. Auf dass die Ruhrmoderne-Diskussion (www.ruhrmoderne.com) kein Sgraffito vergisst.

Tolle Wand, diese Marler Wand!

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Teaserbild: © Claudia Posca

Bild 1: © Claudia Posca

Bild 2: © Sebastian Freytag

Bild 3: © Claudia Posca

Der Tag, an dem die Mauer wuchs