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8. Dezember 2016 - von Claudia Posca

„Der Schamp“ auf der Baustelle

Ruhrgebiet

Ja, und nun? Es wird renoviert. Rot-weißes Flatterband, Einrüstungen, Staub: Baustelle Kunstmuseum Bochum. Aber: Der Betrieb geht weiter. „Sammeln, sammeln“ lautet das Motto. Das Haus ist geöffnet, mit der Baustelle ist es ein halbes Museum. Linker Hand werden gezeigt: Schuhspanner und Pins, Eulen und Elefanten, Beatle- und Sissi-Kultur, zusammengetragen von Bochumer Bürgern. Rechts ist zu sehen: unter anderem, eine Cy Twombly-Zeichnung in Kombination mit einem Ratzefummel. Wer traut sich sowas?

Der Blick übern Tellerrand ist schräg. Ich kann`s nur empfehlen.

Was aber, wenn keiner gucken geht? Auch Museen haben Traumata.    

Die Therapie dagegen: Dem Super-Gau ins Auge schauen!

In Bochum wehrt man sich, packt an: Aus Not wird Tugend. Die „Baustelle Museum“ ist jetzt Thema. Das rockt den Ring, das lockt das Publikum. Bochum hat den „Schamp“.

Der heißt eigentlich Matthias Schamp, nennt sich „Der Schamp“, ist Performance-Künstler mit Herz und Konzept. Und hat irre viele Ideen. Kein anderer käme drauf. Woanders würden Häuser dicht gemacht. „Der Schamp“ aber öffnet Pforten.

Im Revier ist das „Schamperl“ berühmt, sein „Mythos-Grill“ ist legendär. Sein Projekt „Frittieren & Reflektieren“ ist Premium-Kost.

„Prost, Günter Bruno Fuchs!“ An diesem Abend hat Matthias Schamp zum Bauplatz-Meeting eingeladen: „Gedächtnistrinken“. Ich bin dabei.

Die Einladung reizt, die Schampsche Kunst auch. Drin steckt ein Faible fürs Transzendieren, Gedanken-Schlenkern ist Passion. Denksport und Guck-Übung kommen gut an. Zum „Günter Bruno Fuchs-Gedächtnistrinken“ sind viele, trotz Baustelle, gekommen.

Kunst, Literatur, Philosophie, Politik, Design und Botanik? Matthias Schamp zaubert zwischen den Welten. Für Spiel, Spaß , Philosophie. Ein grandioses Quer-Knüpfen stellt er vor. Praktizieren allerdings muss man es selbst. Schließlich braucht die fröhliche Wissenschaft Teilnehmer. Unter www.der-schamp.de  sind zig Aktionen versammelt. Nur zu: Stöbern und staunen, es lohnt sich!

Wie aber kommt man auf Kunst und Fritte, wie auf „Schubberstücke“?

„Ampelperformer“ wohl muss man dafür sein. Die Profession hat „Der Schamp“ erfunden. Rot, Gelb, Grün stehen für Stop and Go, für Power und Pause, was Forschung ist für Kunst und Leben, schlicht „Kontext-Hopping“ genannt. Das Sparten-Switchen verhilft zum Anders-Guck. Man spürt es sofort: vagabundierendes Wahrnehmen ist angesagt.

Vor zwei Jahren gab der Sinn-Artist, - seit 2013 ist er als Dozent an der Evangelischen Fachhochschule RWL in Bochum aktiv -, die Parole aus: „Hamlett frittieren! Sein oder Nichtsein: Diese Frage stellt sich auch und gerade im Angesicht der Kartoffel. Hamlett frittieren ist ein modernes Kartoffeltheater… Hamlet begegnet dem Geist seines Vaters. Ophelia versinkt im Frittenfett. Und der Rest ist Schweigen.“ In heimatlicher Küche allerdings war`s ein beredtes Knollen-Schnitzen im Studentenkreis -, die Mit-Mach-Performance im Shakespeare-Jahr 2014.

Jetzt aber ist „Gedächtnistrinken“ auf musealer Baustelle angesagt.

„Prost, Günter Bruno Fuchs!“ Der Schriftsteller ist tot, 1977 starb er nach einem Blutsturz. Matthias Schamp hebt den Silberbecher, Andacht hängt im Raum. Das frisch importierte Bier aus Riga gibt`s in Blond oder Rot. Das eine ist herb, das andere ist süß, beide schmecken wie Berliner Weiße. Was gut zum Berliner Poeten passt, vor dem sich der 1964 geborene Künstler verneigt: „Ein Schriftsteller, den ich sehr schätze, Schöpfer so wunderbarer Bücher wie „Herrn Eules Kreuzberger Kneipentraum“, „Krümelnehmer oder 34 Kapitel aus dem Leben des Tierstimmen-Imitators Ewald K.“, „Trinkermeditationen“, „Ein dicker Mann wandert“, „Aus dem Leben eines Taugenichts“ oder „Ratten werden verschenkt.“

Die genannte Literatur liegt auf dem Tisch. Am Ende fotografieren alle was die Buchcover hergeben, weil kaum einer den Autor kennt, aber jeder begeistert ist. Dank Matthias Schamp. So bravourös liest der den „Bahnwärter Sandomir“, dass Groß und Klein und Relativ poetisch herrlich rum flottieren.

Überhaupt: Es geht um geheime Nabelschnüre.  Zwischen dem, was „Der Schamp“ gerade eben rezitiert hat, und dem, was er in der Ausstellung drum rum konzipiert: Stimmungsübertragung auf der Baustelle, ich find`s großartig.

Das Material dafür? Fand sich im Fundus, Matthias Schamp tauchte ein. Um „Sachen auszugraben, ganz nach meinem Gusto.“

Jetzt guckt er ernst: „Hier ist das Badezimmer.“ Wir sind perplex: „Wo, bitte, was?“

In diesem Moment wissen alle: Es gibt eigene Baustellen im Kopf. Stolpersteine inklusive. Die kulturelle Guerilla-Strategie des Matthias Schamp hat Kanten. „Auftauchen, zuschlagen und wieder wegtauchen in die Waldsäume des Ungewissen“ - so hat es der für Hirn-Dehnungen aller Couleur bekannte Künstler im World Wide Web notiert.

Im Raum aber von Wolf Vostells „B 52“-Bomber-Bild, wo auch Ferdinand Spindels Säule mit Schaumstoff-Knubbeln und das Objet-Trouvé-Klapp-Relief von Daniel Spoerri stehen, bin ich baff ob der Verstrickungen. Bis es uns allen dämmert: Lippenstift, Schwamm und Spiegel - die Ingredienzien der ausgestellten Kunst -  machen die Bade-Suite aus.  Erleichtertes Schmunzeln, wir steigen ein beim Ping-Pong-Match der Assoziationen.

Verstecken gilt dabei nicht, auch „schlechte Verstecke“ gibt es keine. Die gleichnamige Bilder-Serie allerdings wurde in der Satire-Zeitschrift „Titanic“ von 2001 bis 2004 publiziert. Sie gilt als bedeutendes Schamp-Kuriosum.

„So, wir sammeln uns jetzt.“ Matthias Schamp stellt vor, was Kunst mit uns macht.

Die ausgegrabenen Werke hat er mit kleinen Korrespondenzobjekten statt mit Info-Schildern bestückt: Bilder zum Bilde gewissermaßen. Für Referenz-Schaltungen, Analogie-Entdeckungen, für Witz und Humor. „Es sind Agenten einer anderen Ordnung: Krimskrams und Plunder, Siebensachen, die mit einem semantischen Klicken in ihrer neuen Umgebung einrasten. Die Risse in der Wahrnehmung, die sie erzeugen, sind kalkuliert. Sie treten untereinander und mit den Kunstwerken in Beziehung, um eine gedankliche Erzählung zu starten.“

Einfach genial! Die Baustelle hat sich gelohnt.

„Der Schamp“ auf der Baustelle