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15. Dezember 2016 - von Claudia Posca

Der Mann aus Hagen

Hagen

Na, das ist doch ein echtes Highlight! Die Hagener rollen dem Namensgeber ihres Museums, Karl Ernst Osthaus, den roten Teppich aus.

Einst allerdings hatte man ganz anderes an der Volme getan. 1922 verkauften die Erben Osthaus` dessen grandiose Folkwang-Sammlung mit Werken u.a. von Renoir, Cezanne, Matisse, Kandinsky, Marc und Rohlfs, -  ein rabenschwarzer Tag aus heutiger Sicht. Und der Grund, weshalb das Hagener Folkwang-Museum heute nicht in der Heimatstadt Karl Ernst Osthaus`, sondern in Essen steht.

Das jedoch ist Geschichte. Und vielleicht ist der rote Teppich deshalb an diesem Abend besonders symbolträchtig. „Wusstest Du, dass Karl Ernst Osthaus die allererste van Gogh-Ausstellung Deutschlands in Hagen gezaubert hat? Und das mitten im Wilhelminischen Kaiserreich!“

Nein, das wusste ich nicht. Genau deshalb aber hat es mich ins Hagener Museumsquartier gezogen.

Denn dem 1921 gestorbenen, legendären Kunst- und Kulturvisionär zu Ehren, - Stichwort: „Hagener Impuls“, ich komm gleich drauf zurück, - hat das LWL-Medienzentrum für Westfalen (mit Sitz in Münster) in enger Zusammenarbeit mit der Stadt Hagen einen richtig guten Film produziert: „Das Folkwang-Projekt. Der Hagener Museumsgründer Karl Ernst Osthaus.“

Die kleine Kunstgeschichte kostet 14,80 Euro. Was nicht zu viel ist für einen Faktenorientierten Erkenntniskrimi auf den Spuren des ´Urknalls` fortschrittlicher Sammlungs- und Museumskultur.

Noch kein Weihnachtsgeschenk? Karl Ernst Osthaus und seine „Zurückführung der Kunst ins Leben“, auf DVD digitalisiert, sind eine gute Idee, Ehrenwort!

Die Film-Premiere war am 7. Dezember. Der große Veranstaltungssaal im Hagener Kunstzentrum am Museumsplatz 3 platzte aus allen Nähten. Noch nie habe ich Kino im Stehen geguckt. Und schon gar nicht über eine Stunde lang. Mich aber vorzeitig zu verabschieden, das ging auf gar keinen Fall. Zu spannend, ja, hochaktuell war, was da im Auditorium über die Leinwand flimmerte, wohl komprimiert in Ton und Bild, kritisch kommentiert versammelt rund ums Portrait einer der schillerndsten Persönlichkeiten Deutschlands an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert.

Geboren wurde der Sohn einer Bankiers- und Großindustriellen-Familie 1874 in Hagen, wo Karl Ernst Osthaus auch das Realgymnasium besuchte, später 3 Millionen Mark von den Großeltern erbte, was heutigen 30 Millionen Euro entspricht.

Was er damit machte? Der Mann aus Hagen hatte einen Traum. Er reiste und rackerte dafür, dass eine lebensnahe Ästhetik auch und gerade in der Provinz möglich werden konnte: „So ist der trostlose Zustand unserer Städte und des Lebens in ihnen nicht nur die Frucht eines allgemeinen Systems, sondern einer ganz bewussten Erniedrigung der Provinz durch die Hauptstadt.“

Der brandaktuelle Film setzt die revolutionäre Vision Karl Ernst Osthaus` bestens in den Fokus: „Wandel zu schaffen. Denn unsere Bürger, auch die der Industriestädte, haben ein Recht darauf, am künstlerischen Leben unserer Nation teilzunehmen.“

Klingt doch irgendwie bekannt, oder? Lautete nicht das Motto der Kulturhauptstadt. Ruhr 2010: „Wandel durch Kultur - Kultur durch Wandel?“

Tatsächlich ist der „Hagener Impuls“ Vorbild für so manche reformpädagogische Bestrebung bis heute. Programmatisch auch die Notiz: „Je mehr Menschen an der Kunst teilhaben, umso höher steht die Gemeinschaft. Sozial ist es, diesen Zustand anzustreben.“ Denn Kunst, Kultur und Handwerk waren für Karl Ernst Osthaus nicht nur eine Sache des Herzens, sondern ein existentielles Halteseil.

Dafür und für gute 70 Minuten Intensiv-Unterricht in Sachen international bedeutsamer Regional-Kunstgeschichte - wirklich, das gibt es! - ziehe ich den Hut. Der Hagener Regisseur Harald Sontowski nebst Team und Fachleuten zeichnen für den famosen Einblick in Osthaus` Kunst- und Kulturphilosophie, in seine Familiengeschichte und ein wuchtig breit gefächertes Interessenspektrum verantwortlich.

Dass Osthaus` Interesse an dem floralen Baustil Henry van de Veldes, - heute im restaurierten Zustand im Osthaus Museum Hagen zu sehen, -  mit seinem Orient-Faible zusammenhängt, beschert ein weiteres Staunen. So hatte Karl Ernst Osthaus um 1899 über die Einrichtung eines Islamischen Ausstellungsinstituts in Hagen nachgedacht! Mitten im Kaiserreich! Dafür schätzten Fachkreise ihn weltweit, in Hagen guckten viele Bürger schief.

„Der Orient hatte mein Urteil über Architektur geschärft, und meinem empfindlich gewordenen Auge hielt weder das deutsche Bauwesen im ganzen noch mein eigenes, im Bau befindliches Museum stand… Mich berührte besonders das Schaffen des Vlamen Henry van der Felde. Ein kurzer Entschluss machte ihn am 1. Mai 1900 zum Nachfolger meines Museumsarchitekten“, schrieb Karl Ernst Osthaus 1918 im selbst verfassten Lebenslauf.

Wie aber nur hat der Mann aus Hagen das alles gestemmt? Folkwang-Museumseröffnung 1902, das „Deutsche Museum für Kunst in Handel und Gewerbe“ folgt 1909, Lehr- und Fortbildungsanstalten, wie die „Handfertigkeitsseminare“, die „Silberschmiede“ und eine Fotografie-Zentrale liefen parallel, verschiedene Schriftenreihen und allererste Künstler-in-Residence-Stipendien (Rudolf Weiss, Christian Rohlfs, Jan Thorn-Prikker) auch. Dazu gab´s noch einzigartige Gesamtkunstwerk-Bauprojekte, wie die Gartenvorstadt „Hohenhagen“. Kein Kunstgeschichtsstudierender hier im Revier, der nicht irgendwann das berühmte Wohnhaus „Hohenhof“, erbaut von Henry van de Velde, mit echtem Matisse-Kachel-Fries und wertvollem Ferdinand Hodler-Gemälde in den Innenräumen, kennenlernt.

Wohlgemerkt: Das alles fand und findet sich in Hagen!

Ob dieser Fülle hab` ich flugs die DVD fürs Update zu Haus gekauft. So viel Input auf einmal, den muss man zwei Mal sehen.

Im Übrigen: Trotz aller Sympathien für den großen Sohn der Stadt betreibt das Filmprojekt keine Lobhudelei. Ausgesprochen klar nennt es auch Osthaus` dunkle Seiten: Monarchist, Nationalist, Anti-Semit. Karl Ernst Osthaus selbst schreibt im Lebenslauf, dass er sein Studium in Wien „etwas unfreiwillig beschloss, weil ich infolge eines zu intimen Verkehrs mit den Deutschnationalen in Österreich des Landes verwiesen wurde.“

Und so katapultiert der Film einen, erstens: auf den neuesten Stand der Forschung zur Kunst- und Kulturgeschichte des Ruhrgebiets. Und macht zweitens deutlich: Nach dem Film ist der Blick auf Hagen anders als vor dem Film.

Oder, wie es die stellvertretende Direktorin des Osthaus Museum, Birgit Schulte, im Begleitheft zur DVD auf den Punkt bringt: „Osthaus setzte darauf, die soziale Realität der westfälischen Industriestadt Hagen und darüber hinaus der gesamten Industrie-Region mittels Kunst und Kultur, Architektur und Stadtplanung… positiv zu beeinflussen. Er überschritt hiermit bei weitem die Grenzen seines Museums. Mit seinem Folkwang-Gedanken nahm der sendungsbewusste Hagener und Weltbürger die Vorstellung ernst, dass Bildende Kunst, Kultur und Architektur, Handwerk und Industrie, kurz: dass Kunst und Leben miteinander versöhnbar seien.“

Na, immer noch kein Weihnachtsgeschenk? Ich wüsste da etwas Besonderes mit und zu dem Mann aus Hagen.

Der Mann aus Hagen