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16. März 2017 - von Claudia Posca

Der Jacobs-Weg

Ruhrgebiet

Es spricht sich rum. Das Revier hat einen neuen Leiter für das Dortmunder „U“, Zentrum für Kunst und Kreativität. Lange wurde gesucht. Man hört, „der Neue“ habe Feeling für Menschen und Strukturen.

Die Rede ist von Edwin Jacobs. Wer ist der Mann?

Als Kunstwissenschaftler (Uni Tilburg) ist er ausgebildet, hat Erfahrung in der kaufmännischen und künstlerischen Leitung von Museen, bestens vernetzt in der internationalen Kunst-, Kultur- und Stiftungsszene. Locker erzählt er davon, dass er und seine Partnerin jetzt „zu hundert Prozent umgezogen“ sind. „Ein Riesenschritt, man muss vor Ort im Revier sein.“ Gekommen ist er aus Utrecht.

Und während die Familie in den Niederlanden blieb, Sohn und Tochter gibt es, wohnt man in Hagen-Hohensyburg, „sehr schön grün, ein großer Garten, Panoramablick, der Hengsteysee um die Ecke. In Utrecht habe ich im Zentrum gewohnt, relativ klein.“

Netter Mann, auf Anhieb ist er sympathisch. Er folgt dem Geschäftsführer der Dortmunder Kulturbetriebe, Kurt Eichler, nach. Acht Jahre ist Edwin Jacobs Generaldirektor des Centraal Museums in Utrecht gewesen, wo er die Besucherzahlen von 90.000 auf 350.000 hochkatapultiert hat. Zum Vergleich: Das Dortmunder „U“ lockte im letzten Jahr 137.000 Besucher an. Die Hoffnung auf Steigerung ist groß, Edwin Jacobs wird als „Museumsreformer“ gehandelt, soll das gigantische Kunstquartier verstärkt in der Dortmunder Stadtgesellschaft verankern: „Man findet immer die Möglichkeit, kreativ zu sein. Aber das Wichtigste ist, an sich selbst zu glauben. Das ist eine Eigenschaft, die diese Stadt aus ihrer Geschichte heraus hat.“

Dafür werden die Dortmunder ihn küssen.

Über sich erzählt der Visionär, dass er ein „Cocktail verschiedener Einflüsse“ sei: „Ich habe einen jüdischen Vater, der den Krieg überlebt hat, meine Schwester ist zum Islam konvertiert, meine Mutter ist katholisch, ich bin ohne Konfession. Vielleicht sind deshalb Geschichte, Identität, Intimität und Anonymität für mich wichtige Begriffe.“

Seine Lieblingskünstler?

„Theo van Doesburg und am anderen Ende des Spektrums bin ich ein großer Fan von Jonathan Meese. Mit ihm wird es im Oktober, November 2018 eine Ausstellung geben, in der er sich mit der Sammlung des Ostwall-Museums auseinandersetzt. Zuvor aber steht, parallel zum Ende des Bergbaus 2018, das große Projekt zur Kohle auf dem Programm. Der Arbeitstitel: „Himmel und Hölle“. Das ganze Haus wird dieses Leitmotiv bespielen, die Sammlung nimmt als Impuls- und Ideengeber eine wichtige Rolle ein. Auch im Hinblick auf eine Positionierung: Was ist unsere Nische? Was ist unsere Qualität?“

56 Jahre alt ist Edwin Jacobs, - oder sogar ein Jahr älter? -, wirkt aber viel jünger, kommt dynamisch, offen, zugewandt rüber. Seine Begeisterung steckt an. Er mag seinen Job. Binnen zehn Minuten hat er mich vom „Du“ überzeugt, obwohl ich mit gehörig Respekt angereist war, um zu gucken, wer derjenige ist, der einen solchen Posten besetzt.

„Dein Nachname, woher kommt der?“

Ich gucke perplex, es geht doch um Edwin Jacobs? Er lacht.

Der Niederländer interessiert sich für Menschen. Das ist Programm. Für sie hat er diesen einmalig ruhenden Blick. „Das ist interessant“, sagt er ehrlich und oft im Gespräch, sagt es, wenn man einen Kulturschock beim Umzug aus dem schönen Utrecht in den Pott vermutet. Oder wenn man ihn als einen sehr anderen Typ von Museumsleiter empfindet, der einen freundschaftlichen Ton anschlägt, egal, ob bei Pressekonferenzen oder im Interview. Und jedes Mal schwingt da jener Hauch Staunen mit, der signalisiert: Du bist es, der mich zum Staunen gebracht hat.

Frischer Wind also im Dortmunder „U“? Das Feeling hat damit zu tun, dass da einer ist, der das Publikum, den Fremden und den Anderen ernst nimmt.

Derzeit macht Edwin Jacobs „Praktika“ in seinem Haus. So nennt er das Hinter-die-Kulissen-Gucken. Den Dortmunder Ratsmitgliedern der verschiedenen Politikergruppen möchte er ähnliche Erfahrungen zaubern: „Ich weiß so sicher, dass viele nicht wissen, nicht wissen können, wie so ein komplexer Kunst- und Kulturbetrieb funktioniert. Praktisch bedeutet es, den Ratsmitgliedern eine Führung anzubieten: Wo arbeiten die Leute? Wo sind sie jeden Tag? Und zwar wirklich jeden Tag! Was ist das Dortmunder „U“?“ 

Edwin Jacobs analysiert die Organisation, präpariert in den Tiefen des gigantischen Kulturpalastes die Untiefen heraus. Es sei wichtig „sich für existentielle Fragen zu engagieren, die jeder „U“-Besucher, die sein Team hat.“ Etwa solche: Was gibt es da drin? Was gibt es da drin für mich? Vor allem aber gehe es darum, ob man sich im Dortmunder „U“ selbst finden könne? 

„Was die stellvertretende Leiterin des Ostwall-Museums, Regina Selter, mit der Ausstellung „Ich bin eine Kämpferin“ zu Niki de Saint Phalle auf die Beine gestellt hat, finde ich sehr gut. Das passt in die Idee. Es greift, neben der fokussierten Neu-Sichtung einer großen Künstlerpersönlichkeit, auch Populäres auf.“

Keine Angst davor mit breitenwirksameren Ausstellungen in Konkurrenz zum beispielsweise Dortmunder Kulturhistorischen Museum zu geraten? Edwin Jacobs guckt erstaunt: „Nein, das Wort Konkurrenz benutze ich nicht so schnell. Ich denke vorrangig an Zusammenarbeit. Oder an ´im Zusammenhang`, an ´in Verstärkung` arbeiten.“

Was wiederum ich für einen Meilenstein fürs Leuchtturmdenken im Revier halte. Ich bin überzeugt, in diesem Moment sagt mir ein kluger Kopf, dass man etwas verlernen muss, um der Seele Chancen zu bieten. ´How to unlearn` lautet die Devise.

Ist das der Jacobs-Weg für eine neue Schönheit im Kultur-Management: Offenheit, Achtsamkeit, Empathie, Wärme, Kreativität, Zuversicht, Verbindlichkeit und ein Gespür für Zusammenhänge, fürs Ziehen an einem Strang?

„Was ich gelernt habe, ist: dass man etwas anguckt, und dass man danach fragt: Was sind dort die Möglichkeiten, wie lassen sie sich verbinden? Viele Dinge werden oft schlicht übersehen. Ein Beispiel: Was ich an unserem Team im Dortmunder „U“ so schön finde? Das sind Spezialisten. Jeder hat ein Potential, die Menschen machen das Kraftwerk. Natürlich kann man sagen: Okay, das sind verschiedene Personen, die kommen nicht zusammen. Man kann aber auch fragen, wie es aussieht, wenn diese Kraftpotentiale zusammen kommen? Man kann über trennende Diversität reden. Man kann es aber auch so sehen, dass das Unterschiedliche eine neue Möglichkeit hervorbringt. Man kann der Meinung sein, dass es viele Verträge und dies und das und jenes und Mauern dazwischen gibt. Man kann aber auch überzeugt sein: Gute Ideen gehen über Mauern.“

Bei Dir ist das halb leere Glas also halb voll?

„Ich bin auch Realist. Aber es geht darum, wie man die Dinge betrachtet. Das ist die Basis dafür, wie man die nächsten Schritte setzt. Ich finde es schön, sich mit den Kollegen vom Empfang zusammen zu setzen. Klar könnten sie als Überwachungspersonal bezeichnet werden. Ich sehe sie aber als unsere Kollegen und Kolleginnen vom Empfang an, die den ersten Kontakt mit unserem Publikum haben, und die die Menschen begleiten. Ich finde es wichtig, egal, ob man das „U“ von außen betrachtet oder von innen, dass es eine Kontinuität gibt. Das ist eine große Herausforderung. Neben dem wichtigen Aspekt von Partizipation, Kreativität, interkultureller Praxis und dem Wohlfühlen im Museum.“

Da sagst Du was. Für mich fühlt sich das „U“ wie ein Büro-Moloch, ein Warenhaus, ein verkapptes Centre Georges Pompidou an?

„Hmm, man müsste die Braut schmücken“, lacht Edwin Jacobs. „Um die Erwartungen zu managen.“

Bedeutet das einen Umbau des Entrées? Darüber würde man fluchen. Mit 54 Millionen Euro ging das „U“ vor acht Jahren an den Start. Inzwischen werden die Kosten für die Sanierung, den Um- und Ausbau auf über 90 Millionen Euro geschätzt. Ob Zahlen Edwin Jacobs  irritieren?

„Also: Zunächst einmal versuche ich ein gutes Bild vom Ganzen zu entwerfen. Und natürlich denke ich an die Möglichkeit, im Dortmunder „U“ auch ein  gutes Frühstück zu bekommen. Es geht um Begriffe wie ´weicher machen`, ´schöner machen`. Und man sollte, wenn man hierher kommt, unmittelbar in Kunst eintreten können. Das alles kostet Zeit. Es ist nichts, was morgen schon anders sein wird.“

Anderen würde man die Arbeit am Menschlich-Machen des kühl-technokratischen „U“-Turms nicht zutrauen. Beim charismatischen Mann aus Utrecht aber gibt es das gute Gefühl: Auf dem Jacobsweg schafft er das.

 

Fotos: Patrick Temme www.patricktemme.com 

Der Jacobs-Weg