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2. März 2017 - von Claudia Posca

Der heiße Draht

Marl

Das ist charmant: Marl, bodenständig, und Münster, schick, kommen zusammen. Weil? Weil die Skulptur Projekte aus dem Münsterland, - alle zehn Jahre seit 1977 sind sie parallel zur Kasseler documenta ein Highlight für zeitgenössische Kunst im öffentlichen Raum -, „ihren Untersuchungsgegenstand erweitern“.

Im Münsteraner Fokus: der „radikale Gestus in Marl“. Ein One-Night-Stand der Schönen Kunst wegen?

Wohl kaum, wer Star-Kurator Kasper König und den Marler Museumschef Georg Elben kennt. Der erste stemmt jetzt zum fünften Mal die berühmte Open-Air-„Skulptur Projekte“-Schau fürs Zeitgenössische auf den Straßen und Plätzen Münsters, der zweite ist ein Spezialist in der Sparte Medien- und Sound-Skulptur, die Bonner Videonale hat er acht Jahre kuratiert, in Marl die „Media Art Awards“ internationalisiert. Beide sind Kunsthistoriker aus Leidenschaft. Ihre Passion: über den Tellerrand gucken.

„Naja, der Spruch passt immer. Könnte aber doch auch sein, dass die Skulptur Projekte in die Jahre gekommen sind und eine Frischzellenkur brauchen. Der Deal ist ja wohl kaum umgekehrt angeschoben, oder?“

Upps, hatte da jemand vor Wochen eine telepathische Hirn-Introspektion bei mir vorgenommen? Es dann aber versäumt, sie durch Wiederholung abzusichern? Denn inzwischen denk` ich anders. 

„Nee, find` ich nicht. Das Ganze ist kein oberflächliches Tuning für Münsters Skulptur Projekte. Der Marler Satellit hat Hand und Fuß. Es geht um immens Spannendes zwischen Public Art, Städtebau und Haltung. Den Münsteranern erscheint Marl als ein „historisches Gegenmodell“: Avantgarde versus Tradition. Was ja auch stimmt. Muss nur mal einer schwarz auf weiß sagen! Das Projekt „ruhrmoderne“ ist da ja schon seit einiger Zeit dran. Du weißt doch, dass die ehemalige Bergbaustadt Marl in den 1960er Jahren auf der grünen Wiese nahezu futuristisch nach den utopischen Ideen der Moderne mit einem architektonisch markanten Rathaus, Wohnkuben und dem Einkaufszentrum „Marler Stern“ hochgezogen wurde, sehr im Unterschied zur konservativ restaurierten Universitäts- und Kaufmannsstadt Münster. Ich les` Dir mal die erstaunliche Sicht aus Münster dazu vor:

„Aus einem Nachdenken über diese Zusammenhänge hat sich die Stadt Marl sowie das Skulpturenmuseum Glaskasten unter der Leitung von Georg Elben als Ort herauskristallisiert, mit dem wir uns in 2017 enger vernetzen möchten. Entscheidend waren dabei Möglichkeiten zur inhaltlichen Bezugnahme und zu einem breitgefächerten Austausch auf unterschiedlichen Ebenen… Nach dem Krieg war Marl eine der ersten Städte, die die 1952 in Kraft getretene „Kunst am Bau“-Regelung, die vorsah 1 bis 2 % der Bausumme in Kunst am oder Skulptur vor dem Gebäude zu investieren, konsequent umgesetzt hat. Und noch vor den ersten Skulptur  Projekten 1977, in den Jahren 1970 und 1972, fanden in Marl die sogenannten Stadt- und Skulpturenausstellungen statt. Grob vereinfacht lässt sich die Entwicklung in Marl dabei als integraler Bestandteil zur Vermittlung eines humanistischen, modernen Weltbildes begreifen, während die ersten Skulptur Projekte in Münster erst eine Dekade später und im Konflikt mit der nach wie vor konservativen Stadtgesellschaft entstanden.““

Wow, da kommen Schatzgräber aus dem Münsterland, um Revier-Perlen zu heben. Delikat die Geschichte,  schön, dass sie auf Win-win raus läuft. Der heiße Draht zwischen Münster und Marl verspricht Spicy-Kunstgeschichte: Pfeffer aus der Vergangenheit, Chily fürs Gegenwärtige.

Der Mix hat Pep, ich will die Zutaten wissen. Zumal weitreichende Veränderungen für das historisch gewachsene Marler Skulpturenmuseum im denkmalgeschützten Rathaus, das demnächst saniert wird und zum „Sozialen Rathaus“ erweitert werden soll, diskutiert werden. Ein Meeting mit Museumschef Georg Elben ist angesagt.

Seit 2011 navigiert der Mann den „Glaskasten“, studiert hat Georg Elben in Bonn, Mailand, Karlsruhe, aufgewachsen ist er in Wetter an der Ruhr. Dass der Begriff „Drop-in-Skulptur“ eingesetzt wird, um etwas als gestrig zu bezeichnen, „dagegen wehre ich mich. Ortsspezifität allein führt auch nicht immer zu tollen Ergebnissen“ ist er vom Überleben klassischer Bildhauerei überzeugt.

Ob der angedachte Umzug des Museums „Glaskasten“ in die benachbarte und für museale Zwecke noch umzubauende Schule ein tolles Ergebnis wäre?

Bei meinem Ausflug dorthin hab` ich gesehen: Das leer stehende Gebäude ist eins der Ruhrmoderne, in den 1960er Jahren erbaut. Später werde ich erfahren: Es stammt von Günter Marschall. Die damalige Marler Stadtentwicklung hat er entscheidend vorangetrieben. Die Schule liegt fußläufig nur 5 bis 7 Minuten vom jetzigen Skulpturenmuseum quer durch den Skulpturenpark „Alter Friedhof Brassert“ entfernt, - ein schöner Gang durch Grün und Kunst.

„Also: Ich wäre nicht auf die Idee gekommen, 2011 als ich hier anfing, aus dem „Glaskasten“ unter dem Rathaus auszuziehen. Aber es gab schon 2006 den Plan, anzubauen, in Richtung See. Am Ende fehlten damals aber Gegenfinanzierungsgelder. Was die aktuellen Überlegungen angeht, wollte ich offen sein, Chancen sondieren. Mittlerweile sehe ich große Chancen. Weil wir an entscheidenden Stellen zu einem viel besser funktionierenden Museum werden können, mit Platz für eine Museumspädagogik, mit Depot und Werkstatt, mit Café und Veranstaltungsräumen, mit viel mehr und viel besseren, weil räumlich getrennten, Kabinetten für die Video- und Klangkunst, insgesamt würde sich die Ausstellungsfläche fast verdoppeln. Am neuen Standort könnten wir attraktiv noch publikumsfreundlicher werden.“

Ist der Umbau finanzierbar?

„Das Land hat signalisiert, dass, wenn das „soziale Rathaus“ kommt und das Museum rausgeht aus den jetzigen Räumen, Fördergelder bereit stehen, so dass man durch das „soziale Rathaus“ mehr finanzielle Unterstützung akquirieren könnte, als letztlich Umzug und Umbau kosten. Das ist der Prozess, der im Hintergrund läuft. Wenn sich der Rat im Juli trifft, um über die Verlagerung zu entscheiden, muss das mit Zahlen untermauert sein.“

Der Tendenz nach also: Ade Historie, Welcome New Age?

„Auch die Schularchitektur, die ebenerdig ist, vertrat in den 1960er Jahren einen demokratischen Anspruch, der sich rückkoppeln lässt an die Marler Scharoun-Schule. Die Struktur der Hauptschule an der Kampstraße umfasst große, gläserne Innenhöfe zwischen den Riegeln, die durch Glasflure von einander abgetrennt sind. Man kann aufgrund der großen Transparenz von einer ´Landschaft im Museum` sprechen. Damit würde man die Situation von ´innen` und ´außen` auch weiterhin haben, ähnlich, wie sie durch die 360-Grad-Glasfassade des jetzigen Skulpturenmuseums gegeben ist. Sogar der Name könnte deshalb beibehalten werden und würde  auch den historisch mit dem Skulpturenmuseum verknüpften Demokratiegedanken weiter transportieren.“

So euphorisch?

„Einen Wermutstropfen gibt es: Die Raumhöhe der ehemaligen Klassenzimmer. Für größere Skulpturen muss das zwingend gelöst werden.“

Mir raucht inzwischen der Kopf, soviel Input und Zusammenhänge. Grandios! Aber das ist längst nicht alles. Georg Elben lacht, der Mann steckt voller Tatendrang, nächstes Wochenende eröffnet er die spannende Schau „Skulptur im Foto“.

„Für die Skulptur Projekte im Sommer - eine Riesen-Chance für Marl! -, und später dann für die „Urban Lights Marl“-Geschichte im Herbst von Urbane Künste Ruhr, schwebt mir so eine Art Infozentrum in der derzeit leer stehenden Schule vor. Dazu wird es Ende Mai eine „Summer Academy“ von Studierenden der Architektur geben, die dort eine Infrastruktur mit Bar, Café und Wege-Leitsystem entwickeln sollen, die dann wiederum für die beiden Großprojekte genutzt werden kann. Was eine Lebendigmachung des noch toten Ortes bedeutet, Vandalismus vorbeugt und die Architektur der Schule in den Blickpunkt rückt, ein erstes Testfeld sozusagen.“

Klingt gut. Jedenfalls: Ich könnt`s mir vorstellen: den alten neuen „Glaskasten“. Mal sehen, wie heiß der Draht zwischen Historie und Zukunft glüht.

Der heiße Draht