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3. Dezember 2015 - von Claudia Posca

Der Fluss, die Kunst - „emscher kunst 2016“

Dortmund

Ich hab's tief in der Seele: Stille, die sich anfühlt, Wasser, das duftet. Schuld dran ist die Elbsche, ein Wildbach in Wetter-Wengern, ein elbischer für mich. Das Flüsschen darf sich Ruhr-Nebenfluss nennen, ist kühl im Sommer, knacke-kalt im Winter. Und hat magischen Erinnerungswert. Ich hatte großes Glück.

Dass allerdings Kunst mich zum Fluss zurückbringt, wer hätte das gedacht?

2016 ist es soweit: „Entdecke die Kunst“, die Emscherkunst kommt, international und zeitgenössisch, entlang der Emscher, jenem 80-Kilometer-Fluss quer durchs Ruhrgebiet. Nach 2010 und 2013 ist es die dritte Auflage im Revier, ist 100 Tage und 51 Kilometer lang, und ab dem 4. Juni im östlichen Ruhrgebiet positioniert. Die Städte Holzwickede, Dortmund, Castrop-Rauxel, Recklinghausen und Herne markieren das Koordinatensystem. Sechzehn neue Interventionen im öffentlichen Raum sind geplant: Kontextorientiert, auch performativ gestrickt. Neun ältere Werke werden reaktualisiert. Fürs Großprojekt Kulturlandschaft Revier arbeiten Skulpturen, Installationen, Performances, Foto- und Filmkunst „umsonst und draußen“, die Emscher nah bei. Eine erste Pressekonferenz gab`s am 23. November. Beeindruckend, was da so kommen wird.

Der Fluss, die Kunst - „emscher kunst 2013“ ist groß dimensioniert: Stadt, Land, Fluss als Riesengalerie, die Emscher als roter Faden. Doch statt mit Kanu oder Kajak ist man besser auf Drahtesel oder Segway unterwegs - zur „Emscherquelle“, zum „Phoenix See“, zu „Dortmund Urban mit dem Dortmunder „U“ und Rheinischer Straße“, zur „Kokerei Hansa“, zum „Hochwasserrückhaltebecken Mengede-Ickern“, zum „Wasserkreuz“ von Emscher und Rheinherne-Kanal sowie in Recklinghausen/Herne zum „Museum Strom und Leben“ sowie zum „Stadthafen“.

Mächtig Programm also. Ob das Reisen auf Tour so idyllisch wird, wie ein Elbsche-Ausflug?

Die Kunst-Triennale „emscher kunst 2016“ ist ein Mega-Event, Kostenpunkt: rund 4 Millionen Euro, 1,25 Millionen Euro stellt das Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes NRW zur Verfügung, 1,5 Millionen Euro die Kultur Ruhr GmbH. Der Rest kommt von Stiftungen und weiteren Sponsoren. Emschergenossenschaft, UrbaneKünsteRuhr und der Regionalverband Ruhr stellen das Projekt-Management, KünstlerInnen internationalen Formats, u. a. von Janett Cardiff über Erik van Lieshout, Roman Signer und Jorge Pardo bis hin zu Tobias Zielony, bestreiten den Kunstparcours im Koordinatensystem von Aufbruch, Konfrontation und Utopie.

Wie dabei welche Kunst wo vor Ort auftritt, ist derzeit im Findungsprozess. Längst noch nicht alle Details sind klar. Aber natürlich hoffen die Veranstalter auf große Resonanz. 200.000 Besucher kamen vor fünf Jahren zur ersten Ausgabe der größten Open-Air-Ausstellung im öffentlichen Raum des Reviers, 2013 waren es schon 255.000 Emscherkunst-Fans. Gut möglich also, dass Kurator Florian Matzner in Kooperation mit seinen Co-Kuratoren Katja Assmann von den UrbanenKünstenRuhr und Simone Timmerhaus von der Emschergenossenschaft im nächsten Jahr die 300.000-Marke knackt.

Ich jedenfalls bin dabei, wenn Kunst zum Fluss treibt. Schließlich bin ich Flüsterbach-geprägt. Und find‘s großartig, wenn Kunst Farbe bekennt für Stadt, Land, Fluss.

Die Emscher bringt vieles in Fluss: „emscher kunst 2016“ ist ausgeprägt gesellschaftspolitisch unterwegs. Feldforschung vor Ort mit Blick auf Ökonomie und Sozialstrukturen, auf Ökologie und Nachhaltigkeit - die Themen sind Programm. Und eine enorme Inspirationsquelle für eines der größten Renaturierungsprojekte Europas: den Umbau des Abwasserkanalflusses Emscher hin zu einer natürlichen Flusslandschaft - für Schönheit und Wohlfühlqualität im Revier, gegen das hartnäckige Vorurteil rauchender Schlote, staubiger Schächte.

4,4 Milliarden Euro stehen für das gigantische Umweltprojekt zur Verfügung. 2020 soll der Fluss zwischen seiner Quelle in Holzwickede bis zur Mündung in den Rhein bei Dinslaken frisch und frei und ohne Betonkorsett fließen. Was nur funktioniert, weil man den Abwässern unterirdisch ein gigantisches Kanalsystem baut, den „Hauptsammler des Reviers“, „was einem 51 Kilometer langen U-Bahnbau quer durch das Ruhrgebiet gleichkommt.“ (Jochen Stemplewski, Vorsitzender Emscher-Genossenschaft). 

Die Emscher freut‘s. Schon jetzt sind viele ihrer Nebenflüsse wieder quicklebendig. Und sprudeln mäandernd durch Urban-Land. Vorbei die Zeit verbotener Zonen entlang des Un-Flusses, die neue Emscher geht auf Naherholungskurs. Ob eine große Elbsche draus wird?

Seit dem Kulturhauptstadtjahr RUHR 2010 begleitet die Emscherkunst die sensationelle Metamorphose raus aus dem Betonbett rein in die Natur. Für Kieselstein und Ufer-Grün. Für Fisch im Fluss. Schon schwimmen Bachforellen in der Emscher, die NRZ schrieb‘s am 28. November.

Also alles im Fluss? Tatsächlich gibt‘s viel Positives zu vermelden. Nach Umweltskandalen und Strukturwandel schreibt die Emscherregion heute Kunst- und Kulturgeschichte zur Optimierung regionaler Lebensqualität. Da sage noch einer, zeitgenössische Kunst sei überflüssig.

Der Fluss und die Kunst, das ist Emscherkunst auf internationalem Niveau. Den tanzenden Strommast „Zauberlehrling“, Nähe Haus Ripshorst, Oberhausen, kennt fast jeder Ruhri, die nächtens lichtleuchtende Fußgängerbrücke „Slinky Springs to Fame“ über den Rhein-Herne-Kanal am Schloss Oberhausen auch. Landmarken sind das, die Identität stiften. Was man getrost Nachhaltigkeit „Made im Revier“ nennen kann. Weniger romantisch zwar als mein Bach aller Bäche, aber grandiose Hingucker für Auge und Geist. Schauen wir mal, was 2016 kommt.

Doch schon jetzt ist klar: Gäb‘s Ruhr und Lippe ausschließlich, gäb`s keine Emscherkunst. Fast möchte man die Emscher dafür küssen. Ihr No-Go ist verantwortlich für Kultur durch Wandel. Wer weiß, ob das Neue Emschertal je gekommen wäre, hätte die Emscher vielen nicht mehr nur buchstäblich gestunken. So aber waren im Zuge vom Niedergang der Kohle- und Montanindustrie, nach Internationaler Bauausstellung Emscher Park in den 1990er Jahren und dem Kulturhauptstadtjahr Ruhr 2010 drängend und verstärkt Visionen zur Verwandlung der Riesen-Köttelbecke gefragt, um aus der „Kloake des Reviers“ so etwas wie die „grüne Mitte des Ruhrgebiets“ zu zaubern.

Es folgte: Kunst an den Start! Für Elbsche-Feeling im Revier.

Und weil genau das dabei hilft, aus Schmuddelecken Charme-Landschaften zu machen, ist „Emscherkunst 2016“ ein Lieblingsprojekt. Ich freu‘ mich drauf.

Der Fluss, die Kunst - „emscher kunst 2016“