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23. Juli 2015 - von Claudia Posca

Der EN-Kunstpreis und der Bildhauer

Ennepe-Ruhr-Kreis

Kunstpreise sind wichtig: für Kunst wie Künstler. Deutschlandweit gibt es viele. Die Kultur-Metropole Ruhr aber hat keinen. Bis dato jedenfalls. Warum eigentlich gibt es keinen Kunstpreis Ruhr?

Dabei machen es neun Revier-Städtchen mit rund 320.000 Einwohnern auf 408 Quadratkilometer Fläche den Großstädtern vor: Breckerfeld, Ennepetal, Gevelsberg, Hattingen, Herdecke, Schwelm, Sprockhövel, Wetter, Witten, Auto-Kennzeichen EN für den Städte-Verbund Ennepe-Ruhr-Kreis - sie haben einen eigenen Kunstpreis für Bildende Kunst. Und sind so ganz und gar nicht „Europas Nieten“, wie so einige Metropolisten zu spotten belieben.

Alle zwei Jahre, das erste Mal 2011, diesjährig zum dritten Mal wird die thematisch orientierte Auszeichnung  ausgelobt. Ein junger Preis, der noch wachsen will. Drei Preisträger erhalten gleichberechtigt jeweils 1500,- Euro. In diesem Jahr gibt‘s erstmals zudem noch weitere 150,- Euro für die Unkosten. Und - ein Katalog geht in Druck.

Bewerbungsvoraussetzung: Im Kreis wohnen, hier geboren sein oder eine längere Zeit an Ennepe und Ruhr zu Hause gewesen sein. Sonstige Einschränkungen sind nicht vorgesehen. Weder spielt Alter noch Qualifikation der Bewerber oder das Entstehungsdatum bzw. das Medium des Kunstwerkes eine Rolle. Auch Gruppenbeiträge sind zugelassen. Die Bewerbung erfolgt über Abbildungsmaterial.

Welche Bedeutung so ein Preis für Kunstschaffende hat, was eine Nominierung, was der Gewinn mit dem Kunstschaffenden, mit seiner Lebenssituation „macht“, will ich wissen.

Und spreche mit dem Hattinger Bildhauer Stephan Marienfeld, Schüler und langjähriger Assistent von Tony Cragg. 2011 war er einer der ersten drei EN-Kunstpreisträger. Jetzt ist er erneut für 2015 nominiert, Bewerbungsschluss ist der 27. Februar gewesen, die Jury hat in einer ersten Sitzung getagt. Und zwanzig Teilnehmer - auch Stephan Marienfeld - ausgewählt. Das Thema für den EN-Kunstpreis 2015 lautet: „Arbeitswelten und Natur“.

Zusammen mit den neunzehn weiteren Endrunden-Teilnehmern aus insgesamt rund 70 Bewerbern mit mehr als 225 Arbeiten wird Stephan Marienfeld im August im Rahmen einer Wanderausstellung in der Dr. Carl Dörken Galerie in Herdecke zu sehen sein.

Wer letztlich die drei Preisträger des EN-Kunstpreises 2015 sein werden? Entscheidet sich erst dann.

„Schaun wir mal“ - ich bin bei Stephan Marienfeld, es ist Dienstagmorgen, unser Treffen bedeutet: raus zur Kunst aufs Land, vorbei an Saftwiese, Maisfeld und Pferdekoppel. Mitten durchs Hügelland fahre ich, Schlängelwege entlang zwischen Hattingen und Sprockhövel, fast wie in der Schweiz, schönste Täler, die Ruhrgebiet mit Land-Charme sind.

„Ich bin ganz glücklich hier zu sein. Zwar ist es ein bisschen einsam auf dem Berg zu sitzen, aber dafür hab‘ ich hier meine Ruhe“, sagt der Mann, der seit drei Monaten in der Caldic Collection in Rotterdam vertreten ist, eine der 15 größten Privatsammlungen weltweit. Eine „Dislike“-Arbeit von ihm hängt dort „open air“ im großen Skulpturenpark benachbart zu Tony Cragg, Richard Deacon, Anthony Gormley, Anish Kapoor und Henry Moore. Wow! „Darauf bin ich richtig stolz.“

Der 1966 in Hattingen geborene Bildhauer ist bekannt für seine Bondage-Kunst, fesselt Kuben mit dicken Seilen, zurrt Ballonformen zusammen, versteckt Fundstücke unter handschmeichlerischer Polyesterhaut, suggeriert Druck, Widerstand und erotische Spannung.

Echte Marienfelds sind Reaktualisierungen des Aktes in der Kunstgeschichte, spielen mit dessen Bild, ohne menschliche Körper zu zeigen. Tatsächlich sind es rundliche Objekte mit hochglänzend-glatter Oberfläche in Rosa, Grün, Schwarz, Weiß, die sich mit Macht gegen die Pressur von außen wehren. In neuesten Arbeiten dagegen geht es um Raum-Zeichnung. Fast sieht das so aus, als hätte sich das einst von Seilen Eingeschnürte befreit. Zu sehen jedenfalls ist nur mehr das Einschnürende - tanzende Seilschaften als Lasso-Würfe im freien Raum.

„Auf den EN-Preis beworben hab‘ ich mich aber mit einer Arbeit aus der „Dislike“-Serie. Das Thema heißt ja „Arbeitswelten und Natur“. Und in dieser Werkreihe fessle ich eine Hochglanzform an einen Baum. Ich finde, das passt.“

Ob er sich auch vorstellen kann, speziell Arbeiten zu erstellen, damit sie fürs Thema des Kunstpreises passen?

„Also in diesem Fall passte es einfach. Aber generell? Warum nicht? Ich finde, dass man da wunderbar drauf zu arbeiten kann.“

Keine Angst davor, sich zu verbiegen? Auftragskunst ist doch keine freie Kunst?

„Nein, keine Angst. Warum? Ich finde es spannend, auf etwas zuzuarbeiten. Letztlich eröffnet mir das die Freiheit, in andere Richtungen zu gucken. Aber natürlich fließt meine bisherige Arbeit mit ein.“

Stephan Marienfeld geht locker mit seiner Kunst um. Andere Kunstschaffende lassen diese Offenheit nicht zu. Oder finden, dass Kunstpreise eher was für Jung-Künstler sind. Stephan Marienfeld sieht das anders.

„Was ich schade finde: dass viele Kunstpreise altersbegrenzt sind. Mit 40 fällt man raus. Dabei braucht Kunst Entwicklungszeit. Viele können nach dem Kunststudium oder einer anderen künstlerischen Ausbildung ihre Kunst nur nach der Arbeit machen. Das braucht Zeit. Aber es ist schon so: Mit den Erfahrungen wächst die Kunst, die Qualität, die man macht. Es müsste viel mehr Preise geben, die nicht als Förderpreise gedacht sind.“

Der EN-Kunstpreis sieht keine Altersbeschränkung vor. Aber lohnt sich die Bewerbung überhaupt? 1500 Euro Preisgeld bedeuten nicht die Welt.

„Also - eigentlich hab` ich mich nie des Geldes wegen beworben. Die meisten Kunstpreise sind ja nicht wirklich hoch dotiert. Von Ausnahmen abgesehen. Bei 1500,- Euro bleibt nicht viel übrig. Allein die Logistik, der Transport und letztlich ja auch die Herstellung des Werkes, selbst wenn es meins bleibt…das ist kein Kunstpreis, der sich finanziell lohnt.“

Warum dann überhaupt eine Bewerbung?

„Wenn es ein renommierter Preis ist, erntet man damit Aufmerksamkeit. Klar, dass man einen solchen Preis in der Biografie, in Katalogen, auf der Internet-Seite positioniert.“

Auch den EN-Kunstpreis?

„Ich finde, dass der auf einem guten Weg ist. Irgendwann könnte er ein renommierter Preis werden. Das braucht Zeit. Und hängt natürlich auch von der Resonanz ab. Aber die hohe Teilnehmerzahl zeigt ja, wie viel künstlerisches Potential in der Region steckt.“

Bedeutet eine Kunstpreis-Auszeichnung auch bessere Verkaufschancen?

„Das hängt, wie gesagt, vom Renommee des Preises ab. Zum Beispiel haben sich für den mit 10.000 Euro dotierten Dortmunder DEW-21-Kunstpreis 2013 rund 200 Leute beworben. Und von den 200 bis du dann einer von den ersten sieben, - das ist doch was! Da waren gute Leute dabei, Thomas Paas zum Beispiel.“

Ich schlage im neuesten Katalog „In touch“ von Stephan Marienfeld nach: Unter „Preise und Auszeichnungen“ steht neben dem EN-Kunstpreis 2011 auch die Nominierung für den DEW21-Kunstpreis im Jahr 2013 sowie 2015 TheRhineArt, Bonn vermerkt.

Wäre es nicht besser, sich mit Originalen statt mit Abbildungsmaterialien zu bewerben?

„Zum Glück reichen Fotos. Ich hätte ja sonst für den EN-Preis einen ganzen Baum einreichen müssen. Als ich eine „Dislike“ in Haan, in der Alten Pumpstation, ausgestellt habe, hat mir ein Freund einen 100 Jahre alten Eichenstamm besorgt. Das war irrsinnig viel Arbeit.“

Was man so alles bedenken muss, ich staune nicht schlecht. Und dann sagt Stephan Marienfeld noch etwas zur internen Problematik einer Kunstpreis-Bewerbung: Dass es nämlich für einen Professionellen, der von seiner Kunst leben muss, ein Risiko sein kann, sich zu bewerben, „weil man nie weiß, mit wem man sich bewirbt, neben welcher Kunst man im Katalog abgebildet erscheint, in welchem Kontext man in der Ausstellung hängt. Nicht jede Nachbarschaft wünscht man sich.“

Aber wenn man den Kunstpreis gewinnt…?

„Hat man eine stolz geschwellte Brust (Stephan Marienfeld lacht), klar, das sind Streicheleinheiten. Und - vielleicht ist es mein neues Fahrrad. Seit fünf Jahren überlege ich, eins zu kaufen.“

Ich jedenfalls drück‘ Stephan Marienfeld die Daumen! Für den EN-Kunstpreis, fürs Fahrrad.

Der EN-Kunstpreis und der Bildhauer