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22. September 2016 - von Claudia Posca

Denkt doch mal mobil

Ruhrgebiet

Haben Sie schon einmal über ihr Automobil nachgedacht? Ich meine, so richtig: Was es für Sie im Besonderen bedeutet? Sehen Sie. Ich auch nicht. Tatsache aber ist, der fahrbare Untersatz macht uns mobil. Und die Mobilität, ja die wiederum ist so ein Komplex-Begriff, der garantiert zwei Sätze weiter Modernität und Urbanität aufruft. Jedenfalls war das letzte Woche auf einem denkwürdigen Kunst-Buch-Meeting von Urbane Künste Ruhr so. Und das verlief folgendermaßen:

Ich war unterwegs von Termin A nach Termin B. So, wie fast täglich: Hin- und Her-, Kreuz- und Quer-Reisen im Ruhrgebiet. Dazu lief passend im Radio: „Wind of change“ von den Scorpions. Dazwischen gab`s Nachrichten aufs Ohr: Berlin-Wahl, Migration und Flüchtlingskrise. Laut dem Dortmunder Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung hat das Ruhrgebiet im Zeitraum 2010 bis 2014 im Durchschnitt rund 15.700 Menschen pro Jahr aus dem Ausland hinzugewonnen.

Meine aktuelle Fahrt geht von Hattingen nach Essen nach Dortmund. Innerhalb der Stadt mit dem „U“ gilt es vier Adressen anzufahren, die letzte liegt im Dortmunder Hafen. Erst spät abends fahre ich zurück. Was für ein Tag. Vielleicht ist das Leben ja grundsätzlich hyper-nomadisch geworden? Vor allem hier im Revier, in einem Landstrich, der von jeher auf Waren- und Verkehrsflüsse setzt? Industrielle Mobilität gestern, Dienstleistungsmobilität heute. Wir fahr`n fahr`n fahr`n auf der Autobahn…. Aber wem sag ich das?

Mal wieder zwitschert mein Smartphone. Zum mindestens achten Mal. In gefühlt zehn Minuten. Ich fahr rechts ran, die permanente Erreichbarkeit hat echt Nachteile. Mir rast durch den Kopf: Alles multipliziert sich ständig, manchmal möchte ich die digital hochgerüstete, die viel genutzte, die heiß geliebte, die zweifellos notwendige Mobilität auf den Mond schießen.

Was steht drin in den Mails? „Nach 100 wunderbaren Tagen geht die Emscherkunst 2016 am 18. September 2016 zu Ende. An diesem letzten Tag soll die Ausstellung mit einem bunten Finale gefeiert werden. Und zwar mit verschiedenen Aktionen.“ Eine weitere Mail von Urbane Künste Ruhr wirbt in diesem Rahmen ums Kommen: „Herzliche Einladung zu unserem Bookrelease! Das Heft #1 zum Thema Mobilität erscheint anlässlich eines well,come Dinners bei unserer Klanginstallation well,come, am Donnerstag, den 15. September 2016 um 19.00 Uhr, TYDE Studios, Mathiesstrasse 16, Dortmund Hafen.“

Klar, dass ich in dem Moment gegrinst habe: Mitten im Mobilitätsstress, will mir die Kunst was von Mobilität erzählen.

Aber, na gut. Bitte schön! Soll sie doch. Ich bin mir sicher: Vermutlich wird sie nicht von einer erzählen, der ich am Rande von Beruf und Urbanität auch ganz gerne fröne: Spaziergang und Wanderung draußen mit Hund und Pferd, ´auf Schusters Rappen`. Was Mobilität poetisch ist.

Die junge Kunstszene aber tickt anders. Dockt am brüchigen Alltag an: „Was heißt das, wenn Menschen enorm viele Grenzen überwunden haben und sich dann plötzlich in Bunkern oder Sammellagern wiederfinden? Es geht um die Koexistenz von widersprüchlichen Praktiken“, wird die freie Dramaturgin Johanna-Yasirra Kluhs später in der Talk-Runde sagen.

Und sie wird überzeugend darstellen, dass es gelte, über die Gleichzeitigkeit des Verschiedenen im Leben nicht beständig zu lamentieren, sondern sie positiv zu konstatieren: „Die Realität entspricht niemals unseren Begriffen. Das ist auch gut so. Lasst sie uns einfach erleben. Dann müssen wir nämlich eine Form von Miteinander finden. Mobilität kann man nicht festlegen.“

Ich find` das irre richtig. So, wie ich die Frau verstehe, geht es um einen neuen Humanismus: „contact is content“. Das Zitat des Umwelt-Theoretikers Timothy Morton bedeutet, dass Inhalte entstehen, wenn wir etwas oder jemanden berühren: den Boden, die Stadt, andere Menschen.

Kunst hat das Zeug zu berühren.

Zum Dortmunder Urbane Künste Ruhr-„Bookrelease: Mobilität“ sind eingeladen: Prof. Dipl. Ing. Oliver Langbein von osa_office for subversive architecture und Professor für Szenografie an der FH Dortmund; Kay von Keitz, Autor, Kurator und Mitbegründer der „plan -Architektur Biennale Köln“ und Kunstbeiratsvorstand der Stadt Köln; Johanna-Yasirra Kluhs, freie Dramaturgin und Co-Leiterin Interkultur NRW; Frank Osterhage, Dipl. Ing. und Forscher am Institut für Land- und Stadtentwicklungsforschung (ILS) mit Schwerpunkt u.a. ´Demographischer Wandel und räumliche Mobilität` sowie Pujan Karambeigi, Mit-Initiator des Wittener Bewegtbild-Programms Super-Filme.org.

Die „ziemlich gut perfekte Runde“ an der Schnittstelle von Kunst und Stadt zeigt: Es geht neben Bildern und Acts um die Mobilität im Kopf. Interkulturelle Forschung, das mobile Netzwerken ist angesagt. Längst steppt der Bär nicht mehr im Atelier, im Museum.

Bedeutet? Ko-Operation und Ko-Space, Dialog und Austausch sind Werkstoff. Sämtliche Disziplinen von der Architektur über die Geo- und Bio-, über die Geistes-, Human-, Theater- und Film-Wissenschaften bis hin zur Digitalsparte können Zukunftsformend wirken.

Und weil dabei Durchlässigkeit und Transparenz angesagt ist, nenn` ich das Ganze mal osmotische Ästhetik.

Was mit traditioneller Ausstellung, mit dem klassisch Ergebnisorientierten Werkbegriff wenig zu tun hat: sozusagen dort musealer Bildungsauftrag, hier dagegen philosophisches Gemeinschaftsgefühl.

Dabei bringt das Dortmunder Hafen-Mobility-Meeting rüber: Wir alle sind Suchende. Und jeder einzelne ist ein Kreuzungspunkt. Die junge Kunst ist nah dran. Bohrende Fragen, Sätze, die mich täglich umtreiben, kriegen ein Zuhause. Die kleine Publikation fasst Großes zusammen: Lösungen gibt`s keine, Denkanstöße viele.

„Die Diskussion über Mobilität ist ein Riesenmoloch. Was wir alle erleben, ist eine große Überforderung, eine Verarbeitungsüberforderung. So viele Ströme, die digitale Bilderflut, unser gesamtes Kulturhandeln. Nur einen Bruchteil dessen wahrzunehmen, was das kulturelle Angebot bietet, stellt schon eine Herausforderung dar. Aber natürlich ist das nicht neu. Allerdings ist der Druck durch die technischen Möglichkeiten und unsere Motivation, sie anzuwenden, immens gewachsen“, skizziert es Kay von Keitz.

Ertrinken im Strom? Weggerissen werden von Überflutung? Ist das der Preis der Mobilität? Eine zunehmend unerträgliche Leichtigkeit freier Verfügung über alles und jeden?

Langsam wird mir ganz schwindelig, die Mobilität hat gewaltig viele Facetten. Widersprüchliche noch dazu. Tatsächlich gibt es auch dieses: die Mobilheim-Immobilie.

Nie gehört? Setzt aber Impulse: Denkt doch mal mobil!

Denkt doch mal mobil