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10. September 2015 - von Claudia Posca

Denk mal: Gegenwartskunst als Denkmal!

Ruhrgebiet

„Ist das ein Monument?“ Mit fünf Interessierten stehe ich vor dem „Terminal“ des amerikanischen Weltkünstlers Richard Serra: vier senkrecht stehende Wände, zwölf Meter hoch, hundert Tonnen Corten-Stahl-schwer. Die Groß-Plastik ist begehbar. 1979 wurde sie von der Kasseler documenta ins Ruhrgebiet verpflanzt. Standort: seitlich des Bochumer Hauptbahnhofs. Spartenzugehörigkeit: Konkrete Kunst.

Die Frage ist clever. „Gegenwartskunst als Denkmal? Wie kommen Sie darauf?“

„Wir haben doch jetzt September. Und jedes Jahr im September, ich glaub’ immer am zweiten Sonntag des Monats, gibt es den „Tag des offenen Denkmals“. Vor zwei Jahren hieß das Motto „Unbequeme Denkmale“. Da hab’ ich gleich ans „Terminal“ gedacht. Obwohl sich die Denkmaltage ja eher auf historische Gebäude und Plätze beziehen.“

Ich würde lügen, wäre ich nicht beeindruckt. Schließlich hat da grad’ jemand zeitgenössische Kunst mit dem Denkmal vermählt. Was den klassisch-historischen Monument-Begriff aus den Angeln hebt: Denk mal: Gegenwartskunst als Denkmal! Ein spannendes Szenario.

Mir fallen zig weitere Kandidaten in der Open-Air-Galerie des Reviers ein: Auch „Rhein-Orange“ von Lutz Fritzsch etwa könnte als Monument durchgehen. Oder das Bottroper „Tetraeder“. Oder Serras Bramme auf der Essener Schurenbachhalde. Oder die „Himmelstreppe“ von  Herman Prigann auf der Gelsenkirchener Halde Rheinelbe. Die Liste lässt sich fortsetzen.

Monument? Denkmal? Wo liegt der Unterschied? Im digitalen Lexikon findet sich definiert:

„Das Wort Denkmal lässt sich erstmals in den Schriften Martin Luthers nachweisen, wo es die Bedeutung „Gedächtnisstütze“ hat. Luther verwendet es als Übersetzung des griechischen Mnemosynon und des lateinischen monumentum (lat. monere = gemahnen, erinnern). Der Begriff bürgerte sich ohne eine allgemeingültige Definition ein und konnte im Extremfall jeden Gegenstand bezeichnen, der ein allgemeines Interesse auf sich zieht. Bis ins 19. Jahrhundert wurde die Bezeichnung synonym mit Monument verwendet, während heute mit letzterem vor allem Denkmale besonderer Größe bezeichnet werden.“

Was Denkmal und Monument eint, hat mit Erinnerungsarbeit zu tun: entweder in Gestalt eines kulturgeschichtlich bedeutsamen Gegenstandes oder in Gestalt eines für eine Person oder Ereignis stehenden Erinnerungsmals.

Völlig klar dabei: Was und wie da etwas oder jemand erinnert wird, ist Zeitgeist-abhängig. Ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal, das Washington Monument oder die Siegessäule in Berlin sehen anders aus als das „Terminal“ von Richard Serra.  Oder als die Groß-Raum-Installations-Skulptur „END“ von Gregor Schneider.

Entsprechend unterschiedlich: die Strategien des Erinnerns. Das historische Denkmal? Will Vergangenes erinnern. Gegenwartskunst-Denkmale dagegen rücken Philosophisch-Sinnliches in den Fokus. Beim Serra-Werk erfährt man hautnah Präsenz und Gefährdung, Zusammenhalt und Abhängigkeit.

Ob der Tag des offenen Denkmals 2015, kommenden Sonntag, den 13. September, so weit mit geht? Ob ein erweiterter Monument-Begriff überhaupt eine Rolle spielt?

Unter www.tag-des-offenen-denkmals.de steht viel zu lesen. Vor allem über eine „Geschichte zum Anfassen“. Zeitgenössische Kunst als Denkmal/Monument kommt nicht vor.

Der Schwerpunkt des nunmehr schon drei Jahrzehnte alten Aktionstages liegt woanders: Menschen für die Bedeutung des kulturellen Erbes zu sensibilisieren, ist das Ziel. Und Interesse für die Denkmalpflege zu wecken. Was das Cellarium eines Laienrefektoriums ist, oder was Bürger zur Rettung eines Malakow-Förder-Turmes auf die Beine stellen, oder was auf einem Grabungsfeld passiert, ist regional nah dran vermittelte Kunst- und Kulturgeschichte auf historischen Pfaden - wichtig und richtig.

Nur zur Frage eines offenen Denkmal-Begriffs jenseits historischer Wurzeln finde ich nichts.

Stattdessen: viel Geschichte. 1984 hatte sich der damalige französische Kulturminister Jack Lang erstmals für das Thema engagiert. Sieben Jahre später greift der Europarat 1991 die Idee auf und etabliert die „European Heritage Days“. Weitere zwei Jahre später öffnen in Deutschland am ersten bundesweiten „Tag des offenen Denkmals“ 1200 Kommunen 3500 Denkmale, zwei Millionen Besucher werden bundesweit gezählt. Inzwischen hat sich die Publikumszahl in Deutschland verdoppelt. 2014 luden gar 7500 Denkmale, die sonst nicht oder nur zum Teil geöffnet sind, zum Eintritt ein. In diesem Jahr sind es mehr als 7700, „Handwerk, Technik und Industrie“ stehen im Fokus.

Ich bin beeindruckt. Und weiß jetzt auch, dass die Deutsche Stiftung Denkmalschutz mit Sitz in Bonn die größte Bürgerinitiative für Denkmalpflege in Deutschland ist. Unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker wurde sie 1985 gegründet: zum Schutz bedrohter Kulturdenkmale.

Inzwischen sind selbst kleine Städte hochsensibilisiert: Vergangenen Montag hatte das Schwerter Ruhrtalmuseum zum Vortrag eingeladen: „Bedrohte Nachkriegsmoderne in Deutschland - Denkmale von morgen“.

Public Art passt da gut rein. Vorausgesetzt „Denk mal Gegenwartskunst als Denkmal“ ist kein Tabu. Ich jedenfalls will nicht ausschließen, dass dereinst die Duisburger Brunnenmeile (mit Werken von Volten, Alt, Werthmann, Hegewald, Saint  Phalle/Tinguley, Virnich und Marjanov) oder Per Kirkebys „Backsteinskulptur für Recklinghausen“, Richard Serras Bochumer „Terminal“ oder der Essener „Nashorntempel“ von Johannes Brus Denkmale von morgen sind. Zeitgeist-Seismographen jedenfalls sind sie allemal heute schon.

Denk mal: Gegenwartskunst als Denkmal!