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11. September 2019 - von Claudia Posca

Definitiv stark

Gladbeck

Dieser Termin war notiert. Lange schon. Aber nicht etwa, weil die Preview in der Neuen Galerie Gladbeck mit einer bedeutenden Position aktueller Fotografie einer international herausragenden Lichtbildnerin aus Deutschland aufwartete. Das natürlich war ein Grund. Aber vernachlässigbar. Wichtiger aber war, dass ich genau diese Position zeitgenössischer Lichtbildnerei längst schon mal ins Ruhrgebiet gewünscht habe.

Gerade weil sie (nichts für ungut, lieber Pott, ich komm` aus dir!) so Anti-Revier ist: still, fragil, ahnend. Auch zärtlich. Und mit allen Wassern gewaschen, wenn`s um eindrückliche Portraits, in Tiefen vordringende Melancholie, um Entschleunigung und ein sanftes Entfesseln meditativer Schönheit geht. Ähnlich einem Haiku. Sie wissen schon: diese kürzeste Gedichtform der Welt, aus Japan kommend: Im Weltgetriebe/Auch so ein kleiner Vogel/Sein Nest sich baute. (Issa) Das ist bedeutungsschwanger hoch zehn? Ja, überhaupt: Was ich da eigentlich wortzelebriere? Um es nicht im Böse-Jargon als Wortgedusel abzustrafen?

Richtig: Es geht bei dieser 40-Positionen-Foto-Ausstellung in s/w zum Thema Licht, Raum, Mensch, neben philosophischen Video-Sound-Installationen übers Verschwinden, Abtauchen, Erscheinen, Dasein, ums Zauberische. Nüchtern gesagt: um den Zauber als poetisches Prinzip. Nicht wirklich fassbar, aber wirklich spürbar. Zumal in der besonderen Ausstellungshalle: der Neuen Gladbecker Galerie, die in diesem Jahr ihr 10jähriges feiert. Wirklich: Sie dürfen dieses That`s it! nicht verpassen. Zu entrückend schön sind Himmel und Erde und Mensch verrückt in diesem Parcours, der einen ein-, vielleicht gar abtauchen lässt in das, was sich als Besonderes in diesen Fotografien findet. In den traumverlorenen, gleichwohl scharfzeichnenden Portraits, in den diffusen Nebelbildern, in den lichtzeichnerischen Studien schreitender, laufender Menschen, ja in einer slow-motion fließenden Welt. Dazu noch staunenswert handwerklich versiert ins Foto geschleust - echte Hingucker. Wer überhaupt macht sowas noch im Zeitalter von Selfies? Ein Großteil der zu sehenden Lichtbilder sind von Hand applizierte Silbergelatineabzüge auf Barytpapier, einige kommen als Fotogravüren daher. Motive, wie ein Paar märchenhafte Damenschuhe sind darunter. Entkörperte Körper. Flüchtige Silhouetten. Schemenhafte Portraits. Der Kopf einer Tänzerin durch eine vorgehaltene  Milchglasscheibe fotografiert. Später werde ich erfahren, dass Zeichner Paul Klee und Bildhauer Alberto Giacometti Seelenverwandte im Geiste sind.

Warum das so packt? Gut möglich, dass eine Sehnsucht nach uns selbst in diesen nostalgisch anmutenden Meditationen steckt. Selbst wenn es ein Paul Auster ist, dessen Profil sich aus dem Dunkel herausschält, oder eine „Leiko (Ikemura) dreaming“, beides große Künstler ihrer Sparte, hier ist`s ihre Seele die zählt. Gut möglich aber ist auch, dass in dieser so anderen Fotografie gar nicht so sehr eine andere Welt erscheint, sondern diese Welt als andere.

Jedenfalls: Ich habe mich sehr auf ein Meeting mit der Fotografin Donata Wenders gefreut. Die ich übrigens nicht gefragt habe, ob es nicht nervt, stets als Gattin des berühmten Filmemachers Wim Wenders gehandelt zu werden (das ist der, von dem u.a. „Paris, Texas“ (1984) stammt,  „Der Himmel über Berlin“ (1987),  „Pina – tanzt, tanzt sonst…“ (2011) und „Das Salz der Erde“ (2014). Aber das brauchte ich auch gar nicht fragen. Schließlich hatte es Donata Wenders 2014 schon einmal entwaffnend unprätentiös in der Berliner Zeitung (BZ) beantwortet: „Es war mir immer klar, dass mein Mann der Berühmte ist und ich meinen Weg an seiner Seite habe.“ Starke Frau. Bis heute begleitet sie, parallel zu ihrer eigenen Kunst, die Dreharbeiten ihres Mannes als Set-Fotografin. Starke Frau.

Und die macht ihr eigenes Ding. Seit Mitte der 1990er Jahre mindestens. Das Licht vor der Kamera ein Bild zeichnen lassen, den handwerklich erstellten Abzug thematisieren, fragen, was die Welt zusammenhält, welchen Schutz jeder Einzelne braucht, was Prozess, Veränderung, Geste, das Flüchtige und das Atmosphärische, das Lesen all dieser Parameter bedeutet und wie mit wenig Wesentliches gezeigt werden kann, steckt in jeder Fotografie von Donata Wenders. Dabei hat die 1965 in Berlin geborene Frau eigentlich Film- und Theaterwissenschaften studiert, bevor die Fotografie sie packte. Ihre Fotografie. Von der der kürzlich in Paris verstorbene Fotograf Peter Lindbergh in der ZEIT ONLINE einmal sagte: „Donata sieht Dinge, die wir nicht sehen. Ihr Licht, ihr tiefes Schwarz und die feinen Graustudien in ihren Bildern zeigen, wie schön es in ihrem Inneren aussehen muss. Ihre Offenheit allem gegenüber sehen lässt und ahnen, was es braucht, um Bildern eine solche Poesie zu geben.“

Da musste ich sie doch unbedingt fragen, wie sie sich den Menschen nähert, oder? Und ob sie inszenierende Anweisungen gibt? „Nein. Ich begleite die Personen. Es gibt keine Regel. Ich bin kein Regisseur. Ich bin jemand, der beobachtet.“ Wie sie das sagt, man ist überzeugt. Ihre Präsenz lässt anderen den Vortritt. Fotografieren fürs magisch Stille, fürs beredt Stumme. Stimmt das? 

„Vielleicht passiert es einfach, und ich lasse es passieren. Auf jeden Fall, lasse ich es mir schenken“ bringt Donata Wenders ihr fotografisches ZEN auf den Punkt. Definitiv stark.

Definitiv stark