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4. September 2018 - von Claudia Posca

„Dat Ruhrgebiet sein Comicstrip“

Oberhausen

Kein Schleichen um den heißen Brei: Meine Passion für „Tim und Struppi“, für „Snoopy“, „Micky“, „Goofy“, „Donald“, „Pluto“, „Asterix“ endet mit eben diesen. Sagen wir also ruhig: Comic-affin geht anders. Den „Kumpel Anton“ aber, den kenn` noch von früher. „Ausse Zeitung“. Jaaah - das ist der mit ´dat` und ´wat`, vor dem wir Kinder sprachpädagogisch gewarnt wurden. Hat aber nix genutzt. ´Dat` und ´wat` haben wir trotzdem gesagt. Stand schließlich in der Westfälischen Allgemeinen Zeitung (WAZ).

Den Revierslang plaudernden Bergmann hatte Sportredakteur Wilhelm H. Koch (1905-1963) erfunden: als Original mit Herz aussm Ruhrpott. Gezeichnet wurde er von Bauhausschüler Otto Berenbrock (1907-1985).1954 trat „Kumpel Anton“ zusammen mit Kollege Cervinski erstmals ins Leben. Und hatte gleich eine eigene Glosse. Ob Comic, Cartoon oder Comedy? Ich weiß es nicht. Und „watter sich so mit andere Leute erzählt“  - der 1957erschienene Band 3 der in mehreren Ausgaben zusammengefassten 1400 Geschichten über „Kumpel Anton“ heißt genau so - habe ich auch nur sporadisch verfolgt.

Sorry, liebe Cartoon-Fans: Asche über mein Haupt. 

Aaaber: Es gibt ja die Ludwiggalerie Schloss Oberhausen. Mit Sonderabteilung „Populäre Galerie“. Und die ackert seit Jahren dagegen an, dass Comicstrips bloß illustrativ, also angewandte Kunst seien. Zig Ausstellungen wurden gestemmt, um das ganze Gegenteil zu etablieren. 

„Wichtige Positionen von Wilhelm Busch über Walter Moers bis Manfred Deix wurden ebenso gezeigt wie Janosch, Ralf König und Ruthe, Sauer, Flix. Buchillustrationen von Sabine Wilharm oder Cornelia Funke erfreuten ein breites Publikum. Mit Entenhausen >>>> Oberhausen, Donald, Micky and friends gezeichnet in der Disney Factory von Carl Barks, Floyd Gottfredson und Al Taliaferro sowie Jan Gulbransson, Don Rosa und Ulrich Schröder wurden die großen Disney-Zeichner gewürdigt. Zuletzt bevölkerten die knollennasigen Figuren von Mordillo und die Fuchszwillinge Fix und Foxi das Haus.“

Kunst und Kohle: Ulrike Martens, Kohlibri, 2017 © VG Bild-Kunst, Bonn 2018 Was kühne Gedanken pusht: Ob Comic und Cartoon nicht doch und vielleicht und recht betrachtet eine ursprünglichste Galerie sind, sozusagen Ableitungen 2.0 von früher, von sehr früher Bild-Erzählung? Von Höhlenmalereien etwa, von antiken Papyrus-Vorlagen des alten Ägypten, von Bibel-Bildern, Kirchenfresken, dem Teppich von Bayeux aus dem 11. Jahrhundert?

Jedenfalls: Irgendwoher muss das sequenzielle Erzählen in Bildern ja kommen, was nicht erst mit den hintereinander geschalteten „laufenden Bildern“ des Films Ende des 19. Jahrhunderts beginnt.

So weit, so spannend, so Comic und Cartoon.

„Getz aber kommt dat, wat inne Ludwiggalerie Oberhausen aktuell „Glück auf! Comics und Cartoons von Kumpel Anton über Jamiri bis Walter Moers“ heißt.“ Und was „dat schwatte Zeuch“ im Rahmen der am 16. September endenden revierweiten Mammut-Ausstellung „Kunst & Kohle“ in 17 Museen in 13 Städten aufs Tableau hebt. 

Kohlen nicht nur im „Pott“ sondern im Comic? 

Richtig, - hat Seltenheitswert. 

Kaum einer, der weiß, außer natürlich „Kumpel Anton“ und noch „son paa Expertens“, dass das Grubengold in gezeichneten Bildgeschichten eine kleine feine Goldgrube künstlerischer Passion ist. Ein Kohlrabi-Rabe und Kohlibri von Ulrike Martens haust drin, der alte Bergmann „Opa Hausen“, Oberhausens Maskottchen Nr. 1 im Handpuppenformat auch. Und wie die seltsamen Phänomene des Ruhrgebiets aus Sicht eines kleinen Mädchens auf Besuch bei der Omma im Revier aussehen, erinnert die gebürtige Sauerländerin Dachma super kindlich genau: Ihre „kleine Ode an den Kohlenpott“ ,- mit Buntstiften, Wasserfarbe und Schulschreibschrift notiert -, listet auf: „Es gab keine Bäume und die Häuser waren schwarz. Meine Oma war aber nicht kohleverschmiert. Sie hatte schönes schneeweißes Haar…Heute gibt es keinen Kohlenpott mehr. Da wachsen jetzt ganz viele Blumen.“

Oder auch nicht. 

Walter Moers und Florian Biege, Die Stadt der Träumenden Bücher, 2011 © Walter Moers Zumindest nicht, wenn der Oberhausener Steff Murschetz, Gründer des Online-Verlags „undergroundcomix.de, am Comic ist. Für die Ludwiggalerie-Schau zeichnete er auf der historischen Grundlage eines Grubenunglücks auf Zeche Osterfeld im Jahre 1912 „Die blaue Flamme“. Die Bildgeschichte erzählt von den todbringenden Schlagwettern unter Tage. Eine erste Textblase lautet: „Um einen Bergmann zu erkennen, schau auf Hände und Gesicht, siehst Du nicht die Bergmannsmale, ist es auch kein Bergmann nicht.“ Die grafische Novelle endet tragisch: „Dat schwör ich, dein Sohn wird kein Bergmann nich!“ 

Auch das ist „dat Ruhrgebiet sein Comicstrip“. Empathisch, analytisch, kritisch.

Was Otto Berenbrocks „Kumpel Anton“ in der Schreibe von Wilhelm H. Koch ironisch-humorig so ausdrückt:

„Aba wennze morms ausfährse, dann istat ganz schön. Die Schwazzdrosseln singn, undu kannz essen wannze wills, un penn wannze wills.“ „Wodrann lichtat bloss, Anton“, sachtä Cervinski. „Datt jede Schicht schäbbich is, wennse anfängt, un schön, wennse aufhört?“

Ja, die „Neunte Kunst“ hat Spitzen in Schrift und Bild. Weshalb sie, unter anderem deswegen, der französische Literaturkritiker Francis Lacassin schon 1971 mit eben diesem, von ihm erfundenen Begriff der „Neunten Kunst“, in den Olymp Bildender Bilder neben Malerei, Zeichnung, Bildhauerei, Grafik und Architektur, Fotografie, Film und  Fernsehen.schleuste.

Aber trotz und alle dem: Kohlen im Comic? Sind funkelnde Rarität. 

Zwei Räume nur, die aber intensiv bestückt, spüren in Oberhausen den Comic-Prints nach, gucken drauf, was Graphic Novel & Co mit Kohlenpott und „Stahlgolem“ so anfangen: in kleinen Einzelbildern, in strichfein Gezeichnetem, in farbprächtig kolorierten Settings auf der Wand. Anderes grüßt aus Glasvitrinen: Oberhausens Gasometer als knautschiges Unikum etwa. Das hat was. „Aber sowatt von!“ 

Und noch mehr davon hat das Pracht-Album zur „Stadt der träumenden Bücher“ von Walter Moers und Florian Biege. Dort heißt`s auf surrealem Comicgrund, zitiert aus dem 2004 erschienenen, gleichnamigen Roman: „In tiefen, kalten, hohlen Räumen, wo Schatten sich zu Schatten paaren, wo alte Bücher Träume träumen, von Zeiten, als sie Bäume waren, wo Kohle Diamant gebiert, man weder Licht noch Gnade kennt, dort ist`s, wo jener Geist regiert, den man den Schattenkönig nennt.“

Kunst und Kohle / Comic /  Ausstellungsansicht GLÜCK AUF! © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen Vieles andere ist viel anders der Unterkellerung des Reviers gewidmet, spielt mit ´de Kohle` unter Tage und mit denen von über Tage: „Hier hamse nich nur dat schwarze Zeuch von die Industrialisierung gefunden, sondern auch die Kohle. Dat heißt: die Kohle, Mehrzahl von Kohlkopp. Dat grüne Zeuch is nämmich ausse Schrebbergärten geschossen, wie sonz nix. Mein lieber Herr Gesangsverein!“

„Mein lieber Scholli“ wär auch gegangen. 

Was ich dann tatsächlich dachte, als ich im Katalog las: „Bei den Vorbereitungen stellte sich schnell heraus, dass für die Zeichnerinnen und Zeichner die Kohle in ihren diversen Facetten kein sehr großes Thema war und ist.“ (Museumschefin Dr. Christine Vogt)

Da ist es ein fast perfektes Wunder, dass trotzdem „dat Ruhrgebiet seine Comics hat“.

Am Samstag, 8. September, um 17 Uhr, gibt es in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen eine „Gesprächsblase“: Diskutieren Sie mit über grundlegende Fragen zum Thema Comic: Wie entwickelt man einen Stil? Wie steht`s mit der Digitalisierung. Oder was ist eine Graphic Novel? 

Hier geht`s zur Veranstaltung!


Abbildungen: 

Titelbild: Otto Berenbrock, Kumpel Anton, Denkmal, 1955 © Laupenmühlen & Dierichs, Bochum, 1955

Abb. 1: Ulrike Martens, Kohlibri, 2017 © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Abb. 2: Walter Moers und Florian Biege, Die Stadt der Träumenden Bücher, 2011 © Walter Moers

Abb. 3: Ausstellungsansicht GLÜCK AUF! © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen:

„Dat Ruhrgebiet sein Comicstrip“